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Die Welt · 1900-10-12 · 41 (12.10.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
41 (12.10.1900)
Article
Der Zionismus im englischen Parlamente
Date
1900-10-12
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, za richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3-4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal sespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. RpyndOTWOicß* Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland DGAUgöpiClöC. ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. öOKop., Schweiz, Frankreich, Italien. Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 41. Wien, 12. October 1900. 4. Jahrgang Der Zionismus im englischen Parlamente. Von Berthold Feiwel. Die „English Zionist Federation" hat an alle Parlaments-Candidaten Grossbritarmiens und Irlands ein Rundschreiben gerichtet, worin denjenigen Candidaten, die bereit sind, im englischen Parlamente für den Zionismus einzutreten, zugesichert wird, dass sie nicht nur auf die Stimmen, sondern auch auf die kräftigste Unterstützung aller Zionsfreunde zu rechnen haben. Gegen hundert Candidaten haben dieses Rundschreiben beantwortet. Fast alle — unter ihnen viele jüdische Candidaten — brachten in ungemein herzlichen Worten ihre Sympathien für den Zionismus zum Ausdrucke, und versprachen, falls sie gewählt würden, ihren Einfluss zugunsten des Zionismus im Parlamente und bei der Regierung geltend zu machen. Die Zionisten aller Welt müssen der Federation dankbar sein. Denn was die Federation unternommen und erreicht hat, das ist ein Fortschritt des Zionismus, der nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Die englischen Parlaments wahlen und der Zionismus. Was bedeuten in dem wüthenden Streite der Conservativen, der Liberalen und Nationalisten, der Ministeriellen und der Oppositionellen, die Separatwünsche einer verhältnismässig nicht bedeutenden Zahl zionistisch gesinnter Wähler? Und der Parlaments- Candidat? Er, der froh sein muss, sich in dem unheimlichen Gewirre der nationalen, socialen und wirtschaftlichen Fragen des Tages soweit zurechtzufinden, um den Ansprüchen seiner englischen Wähler halbwegs zu genügen, — what's Hekuba to him? Was kann ihm der Zionismus sein? Eine Bewegung, von der er, wenn er sie kennt, weiss, dass sie hauptsächlich den ärmsten Juden nützen soll, einer Volksmasse, die ihrer überwiegenden Mehrheit nach in Russland, Rumänien, Amerika zuhause ist."Welches mehr als platonische Interesse sollte einen englischen Parlaments-Candidaten mit dieser Masse verbinden? Das und ähnliches hätte die Federation zu hören bekommen, hätte sie, statt rasch und energisch, wie es geschah, ihre Action zu unternehmen, erst die Frage zur allgemeinen Discussion gestellt, ob eine solche Action überhaupt angebracht sei. Vor allem hätten diejenigen aus Leibeskräften protestiert, die nicht einmal bei sich zuhause, geschweige denn vor der Oeffentlichkeit der Wählerversammlungen Juden sein wollen. Aber auch Gesinnungsgenossen hätten — freilich von anderen Gesichtspunkten aus — Bedenken erhoben, die wohl wert gewesen wären, geprüft und eingehend erörtert zu werden, wenn — wenn der Erfolg sie nicht mit einemmale zerstreut hätte. Der Erfolg ist der beste Lehrmeister. Was die Federation und dass sie so Ausserordentliches erreicht hat, das mag für diejenigen unserer englischen Gesinnungsgenossen, die von der Action abriethen, und mag für die Zionisten anderer Länder eine Lehre für alle Zukunft sein. Man lernt daraus, dass keine Minderheit so klein ist, dass sie nicht das Recht und nicht die Pflicht hätte, zu fordern, was ihr gebürt. Vielleicht werden manche Nörgler sagen: Der Enthusiasmus der englischen Farlamenls-Candidaten für den Zionismus ist eine Geschäftssache wie jede andere. Sie mögen Recht behalten'. Das _do, ut desu ist etwas Alltägliches in der Politik : warum sollte es in England anders sein? Aber es ist doch etwas Neues dabei. Eine fast verschwindende Minderheit tritt hier auf mit eben derselben Entschiedenheit, wie sie sonst nur der starken Majorität eignet, mit Ansprüchen höchst persönlicher Art. Noch dazu ist es eine jüdische Minorität. Und der Candidat fügt sich dieser Minorität auf das Bereitwilligste. Er versteht vollkommen, dass sie, wenn auch Minorität, das Recht hat, von ihrem Vertreter das Eingehen auf ihre Bedürfnisse, Wünsche und Hoffnungen zu verlangen. Auf der einen Seite ein willensstarkes Judenthum, das keine Gnaden erbittet, sondern kurzweg sein Recht verlangt, auf der anderen Seite Parlamentarier mit dem vollsten Verständnis für dieses jüdische Selbstbewusstsein und der modernsten Auffassung von den Pflichten des Volksvertreters, — das ist die neue Erscheinung. Und indem das Beispiel der Federation befruchtend auf die Zionisten anderer Länder wirkt, indem es sie lehrt, wenn und wo sie einen Einfluss, ein Recht, eine Stimme habere ihre kleinere oder grössere Macht voll auszunützen, wird ein Fortschritt des Zionismus herbeigeführt, dessen Bedeutung sich gar nicht abgehen lässt.

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