Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Article
- Einmal im Jahr
- Date
- 1900-09-28
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ,Die & Welt" Nr. 39 Schmerz empfinden; aber das Instinctive, Dunkle, scheinbar Unerklärliche jdieser Empfindung hebt sie über den Verdacht hinaus, als wäre sie einer so seichten Quelle wie Gewohnheit entsprungen. Ein solcher Schmerz hat seine Wurzeln im tiefsten Sein, eine solche Furcht vermag nur der Tod in uns zu. wecken. Der Instinct ist im Rechte wie immer. Was am Jörn Kippur die Stammesgenossen zusammenführt, ist nicht in erster- Reihe der Glaube, nicht die Furcht vor der Sünde, einem fast erloschenen Begriffe. Was sie mit elementarer Gewalt dazu treibt, trotz der Geringschätzung, mit der sie die Ceremonienmeister im Tempel belächeln, trotz des Spottes, mit dem sie sich selbst reichlich bedenken, einen ganzen langen Tag nur halb verstandene Gebete anzuhören, das ist der unbewusste Drang, einmal im Jahre mit den Sinnen die Zusammengehörigkeit zu fühlen, eins zu sein mit dem Volke, wieder einmal im eigenen Herzen das warme Blut des lebenden Volkskörpers zu spüren. Wie thöricht, wie kurzsichtig ist es doch von unseren aufgeklärten Juden, den Jom Kippur ausschliesslich als eine persönliche Sache darzustellen, als eine Gelegenheit, mit seiner Seele abzurechnen! Wie verkehrt ist es von den sogenannten Idealisten, unsere Feste überhaupt ihres gesammtjüdischen Charakters entkleiden und in „ethische Institutionen" umgestalten zu wollen! Welcher moderne Mensch würde sich stundenlang seine Ohren bestürmen lassen und sich dabei einreden, dass er mitten unter der Menschenmenge sein Innerstes prüft und Abrechnung mit seiner Seele hält? Nein, die Jom Kippur-Juden gehen einmal im Jahre in den Tempel, nicht um sich von Predigt und Gesang erbauen zu lassen, sondern weil der Tempel noch immer trotz allem Firlefanz der Reform ein Versammlungshaus ist, eine „Synagoge", wo sich Juden zusammenfinden, um sich in der Zerstreuung von ihrem Dasein zu überzeugen. Oder haben wir sonst eine Einrichtung, die uns zu gemeinsamen Angelegenheiten und zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühles versammelt? Weiche denn? Was den Griechen die Amphiktyonien und olympischen Spiele waren, Sammelpunkte nationalen Empfindens, das waren uns in allen Zeiten die Feste im Tempel von Jerusalem. Was ist uns heute, da wir in der Zerstreuung und Zersplitterung mehr als je der Sammlung bedürften, von den Festen geblieben? Das ganze Jahr über lebt jeder für sich; erst der Versöhnungstag sieht Juden als Stammesbrüder beisammen. Wir sind alt und weise geworden: wir spotten nicht mehr. Wir klammern uns vielmehr an den kostbaren Rest jüdischen Stammesgefühls und wünschen nur, die berufenen Hüter des Judenthums wären sich der Pflichten bewusst, die ihnen der Tag auferlegt. Einmal im Jahre ist Gelegenheit vorhanden, jüdische Väter und Mütter an ihr Volksthum zu erinnern; wehe uns, wenn wir diese Gelegenheit versäumen. Aus Rumänien. Die Flut unserer armen Volksgenossen aus Rum änien, die, ihr Geburtsland verlassend und in weiter Ferne eine Heimat suchend, Westeuropa überschwemmt haben, ist nunmehr vorüber; die verschiedenen Hilfscomites haben ihre Thätigkeit eingestellt, die Nothlage der rumänischen Juden hat aufgehört, einen Gegenstand des öffentlichen Interesses zu bilden, kaum dass die jüdischen Zeitungen vereinzelte, spärliche Mittheilungen über das Schicksal unserer rumänischen Brüder bringen. Ruhe ist wieder eingekehrt — wenigstens bei uns, ob aber auch in Rumänien? Das ist eine Frage, die alle jene nicht zur Ruhe kommen lässt, denen die Emigration die Judennoth in ihrer ganzen Schrecklichkeit zu Bewusstsein gebracht und die, von der Solidarität der jüdischen Volksgesammtheit durchdrungen, das Weh jedes einzelnen Bruchtheiles unseres Volkes wie das eigene empfinden. . Was ist, so fragen wir bekümmert, das fernere Schicksal der Emigranten, nachdem sie unseren Augen entschwunden? Wie hat sich seither das Los der in Rumänien Zurückgebliebenen gestaltet? Was endlich — fragen wir beklommen — ist aus den „Repatriierten", den von den verschiedenen Hilfscomites Zurückgestossenen geworden? Die Antwort auf diese Frage wird von allen Juden, die ein jüdisches Herz haben, mit Spannung erwartet. Alle Nachrichten, die uns auf diese brennenden Fragen wahrheitsgemässe Antwort geben können, werden der jüdischen Oeffentlichkeit — dessen sind wir sicher — hochwillkommen sein, auch wenn sie, wie es bis jetzt leider der Fall ist, nicht erfreulich lauten. Von befreundeter Seite werden uns zwei Privatbriefe aus Rumänien zur Verfügung gestellt, aus denen wir Bruchstücke veröffentlichen, die die Lage der rumänischen Juden illustrieren. Diese Briefe sind als Documente zur Zeitgeschichte unseres Volkes vielleicht gerade deshalb umso werthvoller, als bei deren Abfassung keineswegs an eine Veröffentlichung gedacht wurde. Die Verfasser dieser Briefe sind in Rumänien hochangesehene Männer. Der eine dieser Briefe ist aus Botosani und vom 11. September d. J. datiert. In diesem heisst es: „Ueber den gegenwärtigen Zustand der hierlindischen Judenschaft bin ich leider nicht in der Lage, Ihnen Erfreuliches mitzutheilen. Die Verhältnisse haben sich eher verschlimmert als verbessert. Die Hoffnungen, die man auf die Regierung C a r p s gesetzt hat, haben sich nicht erfüllt, sie haben sich vielmehr als trügerischer Schein und lneres Phantom aufgelöst. Nichts ist geschehen, was zur theilweisen Besserung der tristen Lage unserer unglücklichen Glaubens- und Stammesgenossen beitragen könnte. Jetzt muss man wirklich eine sehr grosse Dosis von Optimismus besitzen, um etwas für die Zukunft zu erwarten. Auch die Hoffnungen, die man auf die neue Ernte setzte, schrumpfen mit jedem Tage zusammen. Nicht nur, dass die Ernte keine gute ist, scheint sie eher noch weniger als eine mittlere zu sein. Die Unterstützungen, die von der „Ica" und von den „Allianzen" durch Herrn Astryk gewährt wurden, sind völlig unzulänglich, überhaupt ist die Art und Weise der Vertheilung eine vollkommen unentsprechende. Ich glaube also zu der Behauptung berechtigt zu sein, dass die Emigration, die jetzt künstlich gehemmt wurde, in ganz kurzer Zeit in noch grösserem Masse und noch stärkerer Vehemenz zum Durchbruche gelangen wird, wenn nicht rechtzeitig, bevor es zu spät ist, die richtigen Mittel angewendet werden . . . Ich muss Ihnen offen gestehen, dass dasjenige, was bis jetzt gethan wurde und noch gethan wird *), den Schein erweckt, dass alles nur geschieht, ut aliquid fecisse videatur . . ." Der zweite Brief ist aus Bukarest, gleichfalls vom 11. September datiert. Diesem entnehmen wir folgende Stellen: „Nachhause angelangt, war mein Heim überlaufen, theils von Armen, die eine Unterstützung haben wollten für das tägliche Brot, das sie nicht mehr verdienen können, theils von jenen Unglücklichen, die hierher zurückbefördert und bis zur Stunde noch ihr Gepäck von der Bahn nicht ausgefolgt bekommen haben, denn die Assistenz hat keine Fonds, und mit diesen wird von oben stark gegeizt. Es ist entsetzlich, alles anzuhören, was die Repatriierten erzählen, und es ist nicht richtig, was man mir bei Ihnen *) Unmittelbar vor diesem Satze enthält der Brief eine Aeusserung über die Wiener „Allianz".