Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Article
- Einmal im Jahr
- Date
- 1900-09-28
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Einmal im Jahr. Von Leo Rafaels. Die jüdische Bevölkerung der grossen Städte kommt das ganze Jahr über nicht dazu, sich über die Tages¬ und Augenblicksinteressen, über die persönlichen Angelegenheiten zu erheben; über schwerer Arbeit und kostspieliger, anspruchsvoller Erholung wird alles, was nicht aufdringlich zu den Sinnen spricht oder an unserer Selbstsucht zerrt, vollständig vergessen. Wenn man sich einmal mitten in der Prosa des Alltagslebens seines Judenthums erinnert, so bewirkt gewöhnlich eine feindliche Mahnung die ungewöhnliche Regung. Von innen heraus, instinctmässig, elementar wendet sich der moderne westeuropäische Jude seinem Volke nur einmal im Jahre zu: am Versöhnungstage sind die sonst leeren Tempel und Betstuben bis in die letzten Winkel gefüllt Einst, da wir jung waren und vom Leben dieselbe starre Folgerichtigkeit erwarteten, die wir im Reiche des Geistes zu linden glaubten,- da sahen wir auf die Jörn Kippur-Juden mit unsäglicher Ueberlegenheit herab, und die ganze trostlose Zerfahrenheit des westlichen Judenthums kam uns an diesem Tage zum schmerzlichen Bewusstsein. Einmal im Jahre! Unwillkürlich kamen die Gelegenheiten ins Gedächtnis, die sich alljährlich nur einmal ereignen — einmal im Jahre, am 9. Ab, wird den Todten ein Besuch abgestattet, einmal im Jahre wird einer theuren abgeschiedenen Seele ein Flammenopfer gebracht Sieht es nicht ganz so aus, als wäre der Besuch, den der moderne Stadtjude am Jörn Kippur dem Tempel abstattet, eine Höflichkeit, eine Pietät, die der Ueberlebende dem Todten erweist, dem todten Judenthum, das sein viertausendjähriges, immer und überaus kraftvollos Dasein in Westeuropa beendet hat und nur einmal im Jahre zu einem gespenstischen Scheinleben erwacht? Die überlegene Spottsucht ist mit unserer Jugend verschwunden; der Schmerz ist geblieben. Was waren das für brave Juden, deren Instinet sie dazu trieb, wenigstens einmal im Jahre in einer Versammlung von Stammesgenossen zu sitzen, sich durch das Gebetbuch an die gemeinsame Vergangenheit mahnen und in den süssen Traum einwiegen zu lassen, als stünde uns noch eine gemeinsame Zukunft bevor! Die Söhne dieser Jom Kippur-Juden geben uns keine Veranlassung mehr, über Inconsequenz zu spotten, denn sie haben den jüdischen Instinet vollständig überwunden und sind starkgeistig genug, jeden etwa vorhandenen Rest von Erinnerung an den einen Tag männlich zu unterdrücken. Was denken die Jom Kippur-Juden und was empfinden sie, wenn sie am Versöhnungstagc auf die leeren Plätze sehen, von wo aus ihre Kinder in jungen Jahren andächtig nach Osten sahen und den Rücken beugten vor dem Schatten des Allerheiligsten Sie mögen alle Aufklärung und Weisheit der Welt in sich aufgenommen haben, sie mögen einfältige Krämer sein — ihnen allen geht es beim Anblicke der leeren Plätze wie ein Schwert durchs Herz. Diese Empfindung der Alten ist nicht leicht hinwegzulächeln und nicht oberflächlich zu erklären. Wir sind nach langer Schulung sehr duldsam geworden in Sachen der Religion und Politik; wir kündigen unseren Freunden nicht den Verkehr, weil sie anders wählen als wir, und wir lassen jedem die Freiheit, mit dem Welträthsel fertig zu werden wie er kann. Namentlich jüdische Väter haben ihren Kindern gegenüber ein unerschöpfliches Mass von Toleranz. Nur am Jom Kippur bäumt sich in Aerzten und Advocaten, in Philosophen und Technikern das Gefühl auf gegen die Söhne, die es versäumen, wenigstens einmal im Jahre ihres Judenthums zu gedenken. Ist das ein Rest von alter Gewohnheit, ein atavistischer Spuk, der auch die Aufgeklärtesten unseres Volkes am Jom Kippur beherrscht? Ach nein! Die Duldsamkeit der jüdischen Väter ist sehr, sehr gross, aber irgendwo muss sie ihre Grenze finden, sowie der enthaltsamste Selbstpeiniger irgendwo auf den Widerstand der Natur stossen muss. Der fastende Büsser greift zu Speise und Trank, wenn er vor der Vernichtung steht, und der westeuropäische Jude erzittert am Jom Kippur in tiefster Seele, weil er auf den leeren Plätzen den Tod sieht, der seinen Stamm bedroht. Es wird nicht allen diesen Vätern klar, warum sie, die doch wahrhaftig nicht gläubig sind und mit dem Judenthum nur noch sehr lose zusammenhängen, bei der Gleichgiltigkeit ihrer Söhne einen so brennenden