Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 38 (21.9.1900)
- Article
- Eine französische Zeitung über die Lage der Juden in Rumänien [Kommentar]
- Date
- 1900-09-21
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 ,Die 2$ Welt« Nr. 38 gierig die Suppe. Welch prachtvoller Vorwurf für einen Maler! Ich will nicht versuchen, diese ungepflegten Barte, diese ausgemergelten Figuren, diese dürren Körper, kurz diese Skelette zu beschreiben. Man kann sie sich vorstellen. Niemals sahen meine Augen das Unglück unter «iner so schrecklichen Maske. Hiei ein Mann, ganz verkrüppelt, den ein mitleidiger Nachbar fast auf seinen Schultern hereinträgt : es ist ein ehemaliger Kaufmann, der bessere Tage gesehen. Sein Vermögen hat er verloren, seine Frau, seine Kinder, und ihn verschont trotzig der Tod. Dort in der Ecke ein junges Mädchen, das Grimassen schneidet; es ist verrückt, seitdem sein Vater, der aus seinem Wohnorte in der Umgebung von Podul-Turcul vertrieben worden war, durch seinen Tod die Arme allein auf dieser Welt gelassen hat. Da wieder ein junger Mann, der vor Jener sitzt; hat ganz Europa durchquert, spricht französisch, deutsch, englisch und rumänisch und kann nicht 10 Sous im Tage verdienen; übrigens scheint er schwindsüchtig. Weiter wiederum eine Witwe mit ihren neun nackten, um sie gedrängten Kindern. Dann ein freigewordener Soldat, der behauptet, seit vier Tagen nichts gegessen zu haben, das ist seit dem Tage, da er die Kaserne verlassen hat. Er schildert mir die Leiden, die er im Regimente durchgemacht hat, all die Ordres, die man ihm von allen Seiten zur Ausführung gegeben, die tyrannische Strenge seiner Chefs, das ewige Gespött der Kameraden. Ganz besonders geht mir die Erzählung einer wahrhaft vornehmen Dame zu Herzen, deren Gatte, unvermögend, seine acht Kinder zu ernähren, seit drei Monaten verschwunden ist und kein Lebenszeichen von sich gibt. Angstvoll fragt sich diese arme Mutter, ob er todt oder lebendig sei ... . Ich ersticke in dieser Luft, ich öffne für einen Augenblick die Thür, die Menge kommt ins Drängen und will mit Gewalt eindringen: essind Frauen und wieder Frauen, Kinder und wieder Kinder, Greise und noch einmal Greise. Dieser ganze Haufe harrt ungeduldig der Abspeisung und drängt. Alle Hungernden möchten auf einmal ins Zimmer dringen; man kann dies nicht zulassen, da der Saal nicht gross genug ist und man nur gruppenweise austheilen kann. Eine besondere Abtheilung ist für jene eingerichtet, welche das Essen nachhause nehmen, um die magere Mahlzeit bei sich einzunehmen, ferne von neugierigen Blicken. Täglich werden 500 Portionen vertheilt, aus Suppe, Brot und Fleisch bestehend. Das alles kostet ungefähr 50 Francs. Man theilt mir mit, dass die nöthigen Summen zur Erhaltung der Volksküche für drei Monate mit täglich 500 Armen aus Paris gesendet wurden. Von Galatz fuhr ich nach Braila und es gelang mir, von hier 32 Personen nach Bottoschani und 19 nach Pitesti nachhause zu schicken. Im Augenblicke gibt es in den beiden Häfen von Galatz und Braila mehrere Unglückliche, die in der Hoffnung hinkamen, sich irgendwohin einschiffen zu können, und jetzt nachhause möchten. Viele werden als Vagabunden eingesperrt. So sah ich vor einigen Tagen am Bahnhofe in Barbosch, wo der Zug fast zwei Stunden hält, gegen Mitternacht einen Haufen von Emigranten unter Polizeibedeckung ankommen. Man wollte diese Unglücklichen in einen Zellenwagen einsteigen lassen. Empört protestierten sie so laut, dass rings um sie alle Reisenden im Kreis sich aufstellten; es gelang mir, für 31 dieser Armen die Fahrt nach Jassy und Bottoschani durchzusetzen. Die drei anderen wurden wegen Ungehorsams gegen die Staatsgewalt wirklich im Zellenwagen zurückgehalten und nach Galatz transportiert Den 14. August verbrachte ich in Ivesti und Tecuci. Ivesti hat eine jüdische Bevölkerung von ungefähi 100 Familien. 34 sind bis heute ausgewandert; davon sind zwei wieder zurückgekehrt, acht sind noch auf der Reise, während 24 bereits in Amerika angekommen sind. Ivesti hatte eine Schule mit 150 Schülern. Die jüdische Gemeinde hat jene geschlossen, da sie nicht mehr die Mittel besitzt, sie zu erhalten. Zur jüdischen Gemeinde gehörten auch 40 Personen, welche vom Ackerbau lebten; 37 davon wurden jetzt für immer aus den Landgemeinden in die Städte gewiesen. Erst jüngst haben diese 37 Menschen ans Ministerium das Ansuchen gerichtet, wieder auf dem Lande leben zu dürfen; dieses Gesuch wurde gar nicht beantwortet. Tecuci ist eine Stadt von 10.000 Einwohnern, wovon 1500 Juden sind. Nirgends scheinen unsere Glaubensgenossen soviel von den Behörden zu leiden, wie hier. Der Antisemitismus blüht hier. Der Prä fe et, der übrigens aus Bulgarien stammt, ist selbst Präsident des Local-Comites der Antisemiten-Liga. Als unsere Glaubensgenossen zu ihm mit der Bitte kamen, wieder auf dem Lande wohnen zu dürfen, antwortete er einfach: Ich habe von der Regierung Ordre, vom Lande jene Fremden, welche gegenwärtig dort wohnen, nicht auszutreiben. Aber das will nicht besagen, dass andere dort sich ansiedeln können. Nun zu Podul-Turcul, welches im Verwaltungsgebiete von Tecuci liegt Ich war tief betrübt von all dem, was mir dort erzählt wurde. Der Leser kennt aus meinem Juniberichte das grobe Unrecht, welches man den Juden durch die Massenausweisungen zufügte. Keinem der vertriebenen Juden wurde bis jetzt die Rückkehr in seinen alten Wohnort gestattet Ich habe vor mir eine Liste jener Personen, welche sich nach Podul-Turcul geflüchtet haben und jetzt da ohne Beschäftigung leben. Alle möchten in ihre Dörfer zurückkehren, doch widersetzen sich dem die Bürgermeister trotz der jüngsten ministeriellen Weisungen. Man macht mich z. B. auf den Fall eines gewissen Ezechiel B r e i m e r aufmerksam, der neulich nach Mouncel gehen wollte, wo er eine Spiritus-Raffinerie besitzt: Die Gewehre der Gensdarmen empfiengen ihn. Vor mir liegen die Ausweisungs-Ordres, deren Begründungen wirklich classisch sind. Ein Befehl lautet: „Der Jude N. N., dessen Ehrenhaftigkeit ausser Zweifel steht und dessen Aufführung tadellos ist, hat das Dorf zu verlassen, da er sich verheiratet hat und hiedurch zur Vermehrung der jüdischen Bevölkerung dieser Gegend beitragen wird." Noch köstlicher sind die Begleitworte eines anderen Ausweisungs-Befehls : „Der 'Gemeinderath fordert den Juden X. auf, das Dorf zu verlassen, da er arm und unfähig ist, Landarbeit zu leisten, aus diesen Gründen in die Lage kommen könnte, seine Mitbürger zu beschwindeln." Ein anderes Verwaltungs-Stückchen: 12 Juden von Podul-Turcul haben Rumänien im Frühjahre verlassen und seither kein Lebenszeichen von sich gegeben; man weiss nicht, ob sie in Anatolien oder in Amerika sind. Die Behörden haben soeben diesen verschollenen Personen die Weisung gesendet, dass sie in ihre ehemaligen Wohnorte, in die Landgemeinden, zurückkehren dürfen! In Podul-Turcul habe ich eine herzbrechende Scene erlebt. Am Tage hatte der Gerichtsvollzieher ein Urtheil des Gerichtes ausgeführt und die Familie des Elie Marcus (der Arme hat neun Kinder!) sammt Kind und Kegel aus ihrer Wohnung auf die Gasse geworfen. Diese unglückliche Familie richtete sich ein, die Nacht auf der Strasse zuzubringen, als ein fürchterlicher Sturm mit Hagelschlag losbrach. Fürchterliche, durch Mark und Bein dringende Wehrufe, dumpfes Wimmern folgten einander. Ich eile auf den Unglücksort Welch ein Schauspiel! Zum Glücke hört das Unwetter auf; ich laufe eine Vorläufige Wohnung suchen. Am anderen Morgen gelingt es mir, den Gläubiger zu bewegen, die Familie Marcus in der alten Wohnung zu belassen. Zweihundert Francs waren hierzu nothwendig, wovon ein Nachbar die eine Hälfte hergab, ich die andere. So wurde die Sache geregelt . . .