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Die Welt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Article
Konitz
Date
1900-09-21
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 38 in ihrer ghettomässigen gesellschaftlichen Absonderung für sich selber eigene Abstufungen geschaffen, was vom allgemeinen Gesichtspunkte aus wunderlich genug erscheint. Sie haben eigene gesellige Vereine für die einfachsten Schichten: Händler, die mit ihren Waren auf die Jahrmärkte reisen, Klempnermeister, Schuhmachermeister, Leute, deren Töchter nur die jüdische Volksschule und nicht die höhere Töchterschule besuchen. Dann hat die grösste Anzahl der mittleren, sesshaften Kaufleute sich zu einem geselligen Vereine zusammengeschlossen. Ein kleinerer Zirkel endlich umschliesst etwas wie die Aristokratie der jüdischen Bevölkerung: die besseren Kaufleute, Aerzte, Referendare, Rechtsanwälte, und etwa vereinzelte jüdische Gymnasiallehrer, die aus einer älteren Generation her auch im Osten von Deutschland noch als Unica vorkommen. Diese „Ressourcen" suchen einen möglichst gespreizten, vornehmen, womöglich hofmässigen Geselligkeitston festzuhalten und müssen auf den unbefangenen Zuschauer doch nur einen peinlichen, wunderlichen Eindruck machen. Diese abseits, in gedrückter, wie selbstverständlicher Unterordnung lebenden Juden hätten die eigentlich gesellschaftlich gegliederten christlichen Kreise auch niemals anzugreifen und zu erschüttern versucht. Die Verfolgung konnte nur dem blinden, aus wirklichem, verächtlichem Aberglauben entstandenen Hasse des Pöbels entspringen. Die Officiere und höheren Beamten waren dort den Juden schon zu fern, als dass sie dieser Verfolgung anders als mit Gleichgiltigkeit zugeschaut hätten. Nur die dem Bankerotte nahen Rittergutsbesitzer einerseits und andrerseits etwa ehrgeizige Subaiternbeamte, die nach ihrer Militärdienstzeit auf Grund des Civilversorgungscheins eine Anstellung bei den Steuer- oder Magistratsbehörden gefunden hatten, und ihre Söhne aufs Gymnasium schickten, mochten an dem blindwütigen Angriffe des Pöbels ihre Freude haben. Alle Fäden, die von allgemeinen, nationalökonomischen, sociologischen oder psychologischen Gesichtspunkten der sogenannten ..Judenfrage" zu dieser Konitzer Schmach hinuberleiten könnten, fehlen also. Der Zusammenbruch ist darum im äusseriichen Sinne nicht so sehr empfindlich. Er ändert eigentlich nirgends, und am wenigsien in den grossstädtischen Centren der deutschen Juden, etwas an ihrer gesellschaftlichen Stellung. Aber Heine oder Börne sagt einmal, d^ss, wenn die Emancipation der Juden schon vollständig vollzogen wäre, und ihnen nur verboten bliebe, Zwiebeln zu verspeisen, so würde das Gefühl der Zwiebel - beschränkung geradeso empfindlich und drückend sein, wie das der ehemaligen völligen Ausschliessung. Wenn die Konitzer Affaire auch als ein locales Ungefähr anzusehen ist, so berührt sie doch jeden Juden, wo er auch wohne und sich der Assimilation auch noch so sehr genähert habe. Die Schmach muss die Unbefangenheit jedes jüdischen Herzens überschatten. Jüdische Dienstboten.*) Von Rosa Pomeranz. „ . . Wir haben eine grosse Pflicht gegen unsere armen Schwestern im Osten zu erfüllen. Der Hunger treibt sie zu Tausenden in die meurigsten Häuser der ganzen Weit. Man erz-iehe uns diese Gescnopl'e zu Dienstboten. In jeder Staat Galiziens muss die (jeinemue eine Diensibotenschuie gründen. W ir wollen im W esten so viele ihrer unterbringen als sie ausbilden" — sagt scnön und klug der geschätzte Autor des Artikels „Jüdiscne Dienatboten". Often gestanden : Icn nabe mich gewundert und einigermassen aucft — geschämt, dass just aieser Aufsatz aus einer männlichen Feder stammt. — W'er kennt besser die Bedeutung der hier berührten Frage, mit all ihren Nebenumstanaen, tiefliegenden Ursachen und peiniieiien .böigen — als die Frau? Wer ist beratener, zueist und ernotens über *) Vgl. den Artikel .Jüdische Dienstboten" von H. York- Steinerin Nr. 32 der „Welf. eine möglichst befriedigende Lösung dieses für tausende weiblicher Existenzen so wichtigen Problemes nachzudenken und die gewonnenen Resultate der reiflichen Ueberlegung praktisch zu verwerthen — als eben die jüdischen Frauen des europäischen Ostens? Doch gleichviel, der Gegenstand ist „zur Discussion" gestellt — wofür dem Autor aufrichtiger Dank gebührt —, Pflicht der jüdischen Frau ist es jetzt, der Sache näher zu treten. Wenn ich vielleicht als Erste es thue, so hoffentlich nicht als Einzige, und die gesammelten Ansichten und Rathschläge mögen der Untergrund werden, auf dem sich dieses Theilgebäude der jüdischen socialen Thätigkeit im zionistischen Sinne aufbauen und zum Segen Vieler fortbestehen soll. Mit vollem Rechte denkt der Autor des oberwähnten Aufsatzes vorerst an „die armen Schwestern im Osten". Denn der Westen hat für die weibliche Arbeitskraft ein grosses, bei uns unbekanntes Gebiet: Die Industrie. Hier liegen jene Kräfte brach — nicht um zeitweilig auszuruhen, sondern unter unmenschlichen Entbehrungen und tausenderlei Kümmernissen langsam dahinzusiechen. Da muss ich auf ein Moment hinweisen, das in seiner Eigenthümlichkeit eine seltsame Begriffsverwirrung, eine Verkehrtheit ethischer Anschauungen darstellt, wie sie just bei den jüdischen Mädchen geradezu unbegreiflich erscheinen muss : Die Fabriksarbeiterin steht in ihrer Meinung höher als das Dienstmädchen. Und die auswandernden, jungen Jüdinnen haben stets die Absicht, ersteres zu werden. Als ob der monotone Dienst an der leblosen Maschine — mit dem oft sehr lebensvollen Fabriksinspector oder Aufseher im Hintergrunde — kein Dienst wäre, oder zumindest ein angenehmerer und passenderer als der bei achtbaren, wohlwollenden Menschen und Glaubensgenossen. Aber dieses Vorurtheil — wie sehr es noch zur Zeit in Kraft besteht — könnte doch der vernünftigen Belehrung und besserer Einsicht weichen. Der Schwerpunkt liegt wo anders. .,WLr wollen im Westen ihrer so viele unterbringen, als sie ausbilden" — das klingt so tröstlich, so verheissend und unzählbare Thränen und Worte des Dankes würde es dem Autor einbringen, wenn die „Interessenten" seine Worte lesen könnten. Aber „sie" — ich meine die jüdischen Gemeinden Galiziens — werden keine Dienstbotenschulen gründen; im laufenden Jahrhundert gelangen sie gewiss noch nicht dazu. (Es ist dies kein Scherz.) Von der Seite ist nichts zu erwarten. Wir aber projectieren nicht bloss; wir wünschen nnd suchen etwas Ausführbares. Nun wurden ja von der verstorbenen Baronin Hirsch zwei solcher Schulen geschaffen; wenn ich nicht irre, existiert auch eine in Lemberg, vom dortigen jüdischen Frauenvereine begründet und erhalten. Gesetzt den Fall, dass noch mehrere solcher Anstalten aus privaten Bemühungen und privaten Mitteln geschaffen würden,die so viele Mädchen ausbilden könnten, dass nichtnur der Bedarf im Lande gedeckt, (wir haben bis nun auch hier leider nur wenig gute jüdische Dienstboten) sondern Ueberzählige in der Ferne lohnenden und angenehmen Dienst finden könnten — so würde das immer noch nicht das allein ausreichende Auskunftsmittel sein, welches die jüdische Dienstbotenfrage endgiltig zu erledigen im Stande wäre. Man beachtet oder kennt auch einfach nicht die Umstände, die es fast zur Unmöglichkeit machen, dass polnisch- oder russisch-jüdische Mädchen als Dienstboten bei besseren Familien des Auslandes untergebracüt werden. Aus welchem Stande recrutieren sich die dienenden Mädchen im Osten? Aus dem allerärmsten!! Denn der polnisch-jüdische Vater, der auch nur eine Mitgift von 200 Gulden erschwingen kann, schickt sein Kind in kein fremdes Haus, duldet es nicht, dass seine Tochter jemandes Magd sei. Er verheiratet sie — wenn noch so unvernünftig. Sie ist dann wenigstens „bei sich". Die Verhältnisse, unter denen die ärmsten oder gar verwaisten jüdischen Mädchen im Osten aufwachsen, kann und will ich nicht besenreiben — es ist hier nicht angebracht. Das Ergebnis dieser, einfach menschenunwürdigen Verhältnisse ist: Vollständiger Mangel jeglicher Erziehung, was Ordnuugs- und Remlichkeitabegriff oder gar Benehmen betrifft. Hätte die Baron Hirsch-bufiuug auch Mädchenschulen creirt — es wäre nach jener Richtung manches Gute entstanden. Nun schicken zwar die armen jüdischen Eltern fast ausnahmslos ihre Töchter in die Scnule — aber dort ist von Erziehung keine Rede. Sie sind — je ärmer und elender, desto fühlbarer — die Parias der Classe, die Zielscheibe des

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