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Die Welt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Article
Konitz
Date
1900-09-21
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9. zn richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3-4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeüe 20 Heiter. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Enzeine Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland _ _ ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs-, halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 38. Wien, 21. September 1900. 4. Jahrgang Allen unseren Lesern, Freunden und Gesinnungsgenossen entbieten wir aus Anlass des Neujahrfestes unsere herzlichsten Glückwünsche. Die Redaction. n« D'tyjtt tmh wbv -rosi ira-np bzb v b'vnn nnb lrrro-Q «ro-ipan rvn Könitz. Von Max Aram. Die Konitzer Mordaffaire konnte auch einem aufmerksamen und ehrlichen Betrachter jüdischer Verhältnisse in Deutschland überraschend gekommen sein. Die Oberflächlicheren unter den Juden hatten freilich solcherlei Symptome antisemitischen Hasses stets als die heftigste Ueberraschung empfunden, da sie sie niemals früher bemerkt hatten, als bis sie auf sie wie aus Träumen mit der Nase auf eine Mauer stiessen. Sie hatten in Wien den Ruin des liberalen Regimes nicht früher bemerkt, als bis es an jenen Gemeiuderathswahltagen jäh zusammenbrach, und in Paris ward von ihnen die Umwertung der Gefühle, die die breiten Volksmassen für die Juden hegten, erst bemerkt, als die Dreyfus-AfFaire alles an die Oberfläche trieb. In Deutschland hatten sie es in der Mitte der Siebzigerjahre mit einer unbeschreiblichen Bereitwilligkeit gern übersehen, als sich in Leipzig in Studenten Versammlungen die ersten Anzeichen jenes Umschlages zeigten, der sich am Ausgange der Siebzigerjahre durch die Stöcker'sche Agitation vollziehen sollte, und einige stark antisemitische Broschüren über das Theaterunwesen aus jener Zeit wurden einfach todtgeschwiegen. Aber in Könitz wird auch der beste Kenner der ostdeutschen Verhältnisse nur ein locales Erreignis von sinnloser Zufälligkeit erblicken können und nicht die nothwendige logische Folge aus der allgemeinen socialen und gesellschaftlichen Stellung der Juden innerhalb des dortigen Lebens. Denn dort glichen die Juden in ihrer socialen Stellung stets nicht nur dem bescheidenen Veilchen, das im Verborgenen blüht, sondern das Veilchen war bereits ganz und gar eingestaubt und zum Erbarmen unscheinbar geworden. Was in den grossen Städten an antisemitischen Bewegungen ausbrach, hatte seinen Ursprung in einem immerhin vernünftigen, logischen Zusammenhange: in der eigenartigen, glänzenden Stellung der jüdischen Kreise. Dort blühten sie nicht wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein, sondern wie die stolze Rose, die nur bewundert will sein. Wenn sie auch dort von dem öffentlichen, officiellen Leben ausgeschlossen waren, so hatten sie sich doch selber ein eigenes Gesellschaftsleben geschaffen. Und dieses war keine jüdi sehe Geselligkeit, sondern ein internationales Leben grossen, geistreichen Stils, das eben den Juden die Thore weit öffnete. Sudermann muss, wenn er in „Sodoms Ende" einen Banquier Barseinowski auf die Beine stellt, im Scenarium ausdrücklich bemerken, dass er keinen jüdischen Typus tragen solle, und wenn in Wien ein Wohlthätigkeitsverein gesellschaftliche Veranstaltungen unternimmt, so kann die antisemitische Presse darauf hinweisen, dass ausser einigen ,.Theaterprinzesserln" nur jüdische Kreise theilgenommen hätten. In den grossen Städten bilden die Juden fast ausschliesslich das Premiörenpublicum, das doch einen weitreichenden geistigen Einiluss ausübt. Sie bilden ferner vornehmlich das Lesepublicuni für die gesammte Literatur: eine Statistik der Leser der Leihbibliotheken und namentlich der Bibliotheken der akademischen Lesehallen würde erstaunliche Resultate ergeben. Dort, in den grossen Städten, haben „die Juden" in der That einen nur durch eine vielfach beneidete üppige Lebensführung möglichen Einfluss auf wichtige Gebiete des gesellschaftlichen und geistigen Lebens. Hingegen in den kleinen Städten, namentlich des preussischen Ostens, sind die Juden von allem allgemeinen geselligen Verkehr ausgeschlossen und zu einer eigenen rein jüdischen Geselligkeit gedrängt worden. Die Oddfellow- Logen, in denen sie freilich mit mittleren, christlichen Bürgerkreisen zusammentreffen, sind doch gar zu schmächtige Pflänzchen, und wenn sich gewisse rein jüdischeVereinigungen „Kaufmännischer Verein" titulieren, so verirrt sich doch niemals ein christlicher Kaufmann dorthinein. Ihre Geselligkeit, ihr gesellschaftliches Leben ist so bescheiden und zahm, wie es im Ghetto gewesen sein könnte. Da sie von jedem Anschluss an das abgestufte allgemeine Leben ihres Städtchens radical ausgeschlossen sind, so haben sie

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