Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Article
- Ein publicistischer Erfolg
- Date
- 1900-09-14
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Ein publicistischer Erfolg. ^\ Für alle, die hören und sehen wollen, die nicht von vornherein entschlossen sind, jeden unserer Schritte als Fehler zu verurtheilen, steht die eine Thatsache ausser allem Zweifel: der Londoner Congress war ein grosser publicistischer Erfolg. Die gesammte nichtjüdische Presse hat den Zionismus beachtet, discutiert; die Majorität der Tages- und Wochenblätter hat unsere Bewegung als ein hohes Ideal mit herzlicher Theilnahme begrüsst und die Parole „Palästina den Juden" als ein wünschenswertes und wohl erreichbares Ziel in die christlichen Massen geworfen. Das ist vom Standpunkte der Propaganda ein grosser Erfolg. Vergessen wir nicht, wie wenig man sich eigentlich in unparteiischen christlichen Kreisen mit der Judenfrage bel'asst. Von den Juden wird sehr viel, viel zu viel gesprochen, vom Judenthum, von der Judenfrage sehr wenig. Man ist als Jude immer von neuem erstaunt, wenn man in christlicher Gesellschaft die Wahrnehmung macht, dass unsere Bestrebungen, unsere Leiden, unsere Wünsche und Hoffnungen eigentlich niemals über die Mauern des geistigen Ghetto hinausdringen. Das ist ja auch ganz verständlich. Das Publicum wird über die chinesischen Wirren Tag für Tag auf dem Laufenden gehalten, für den südafrikanischen Krieg haben die Zeitungen eigene Gelehrte angestellt, und. über die Vorgänge hinter den Coulissen des letzter? Vorstadttheaters werden spaltenlange Berichte gebracht. Nur für die Judenfrage, für die Vorgänge innerhalb des Judenthums haben diese Blätter keine Zeile zur Verfügung. Der Londoner Congress hat die Presse gezwungen, sich eine Woche lang mit der Judenfrage zu befassen, und das ist ein Erfolg. Leuten, die auf den „Jewish Chronicle" schwören, stehen darüber die Haare zu Berge, dass in der „Times*4 ausser von China und Afrika auch von — — Juden geredet wird; wir, die wir nichts zu verbergen haben, die wir unser Judentimm mit otolz vor aller Welt bekennen, wir freuen uns darüber, dass der christlichen Welt endlich einmal Gelegenheit gegeben wurde, das Judenthum in seinen wahren Vertretern kennen zu lernen, den wahren jüdischen Geist zu hören und zu erfassen. Aber damit allein ist der publicistiscbe Erfolg nicht erschöpft. Die Stimmen der englischen Presse — sie zählen nach hunderten! — haben für uns selbst, für unsere Ueberzeugung eine ganz besondere Bedeutung. Die Aeusserungen der christlichen Blätter befestigen uns in unseren Hoffnungen, denn sie räumen mit einem Schlage ein von unseren Gegnern immer wieder herangewälztes Hindernis hinweg. „Die Christen werden es nie zugeben, dass die durch den Stifter des Christenthums geheiligten Stätten in die Gewalt der Juden kommen!" Wie oft haben wir diesen Einwurf gehört, wie oft haben wir ihn — bis zum üeberdruss, aber ohne Erfolg — widerlegt! Jetzt haben die frommen englischen Christen gesprochen, und wie verhalten sie sich zu der von unseren jüdischen Gegnern aufgeworfenen Frage? Das erträumte Hindernis ist für sie einfach nicht auf der Welt! Hoffentlich ist auch für unsere furchtsamen Gesinnungsgenossen das Schreckgespenst vom christlichen Kreuzzuge einfür allemal gebannt. Und noch ein anderes, wesentlicheres Moment. Uns pflegt man als Phantasten und Romantiker, als „Dreamers of the Ghetto" abzuthun. Aber die englischen Christen? Wahrhaftig, die scrupellosesten, die feilsten Bekämpfer des zionistischen Gedankens werden sich nicht dazu erniedrigen, die Herausgeber der englischen Zeitungen als Träumer zu verschreien. Die englische Presse ist, entsprechend dem englischen Yolkscharakter, die nüchternste von der Welt. Wäre der Zionismus eine Utopie, ein Freiland-, Bellamy- oder Henry George- Ideal, so würden „Times-4 und „Daily News" kein Wort über unseren Congress verloren haben, und ein so kritisches, ja hyperkritisches Organ wie die „Saturday Review4 hätte unsere Bewegung wie eine Seifenblase mit einigen ironischen Nadelstichen umgebracht. Diese Revue widmet unserer Bewegung eine lange, durchaus nicht optimistische, aber im Kerne zustimmende^ sympathische Besprechung, uud wir werden unseren Gegnern mehr als einmal die Worte des nüchternen, pessimistischen Politikers in die Ohren rufen: „Es stehen der Verwirklichung des zionistischen Ideals durchaus keine unüberw i n d Uch en Hindernisse im Wege." Und wie praktisch, wie klug hat die englische Presse den Angelpunkt der ganzen Bewegung heraus*