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Die Welt · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Article
III. Tag
Date
1900-08-31
Page
12 (sequence 4)
Language
German
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Seite 12 ,Die z£ Welt" Nr. 35 man sich bisher immer gewendet habe, wenn es sich darum gehandelt hat, die Interessen des geknechteten Judenthums zu vertreten, haben sich langsam zurückgezogen und geschlossen, und wenn jetzt unsere Brüder an die Pfcn-ten dieser Allianzen klopfen, werde ihnen die geballte Faust entgegengehalten. Der Todtentanz der rumänischen Emigranten sei vor Europa aufgerührt worden, die Allianzen haben ihnen aber zugerufen : „Zurück, zurück in Euer Verderben, und wäre es auch Euer Grab!" Jetzt wende sich das Volk instincüv an den Congress, der das Herz des Judenthums vertrete, an die Zionisten, die nicht nur für die Zukunft des jüdischen Volkes zu sorgen, sondern auch hier im Leben die grossen Principien der brüderlichen Liebe thatkräftig zu beweisen haben. (Stürmischer Beifall.) Die Zionisten treten jetzt zuerst moralisch das Erbe der Allianzen an. Sie werden jetzt vor Europa die Vertreter des geknebelten und verfolgten jüdischen Volkes werden. (Stürmischer Beifall.) Der Zionismus als culturelles Element hat im Judenthum Gewaltiges schon geschaffen. Er hat unsere Jugend wieder in die richtigen Pfade geleitet und das Ideal geschaffen, das bisher nur ein Traum der Vergangenheit war, jetzt aber als eine Möglichkeit erscheint, die davon abhängt, dass wir daran glauben, um sie in die Wirklichkeit umzusetzen. (Stürmischer Beifall.) Wie ein Lichtstrahl ist dieser neue Geist in die Massen d-s Ostens gefallen. Daher sind viele davon geblendet. Sie sehen darin eine Gefahr für ihre Cultur, für ihre Religion, für ihr Gottvertrauen. Dieses Licht ist aber die alte Feuersäule, die unserem Volke in der Wüste erschienen ist. (Stürmischer Beifall.) Die Folge davon ist, dass wir uns aus allen Weltgegenden hier zusammengefunden haben. Wir suchen das heraus, was aus unseren zerstreuten Brüdern wieder eine Gesammtheit schafft: die jüdische Nation! (Stürmischer Beifall.) Das ist die culturelle Bedeutung des Zionismus. Die Zionisten bptrachten die Frage der Religion als unantastbar. Wir müssen aber gegenseitige Toleranz iu dieser Richtung üben und uns darin einigen, da wir noch ganz anderen Idealen nachzustreben haben. Der neue Wind, der erweckt worden ist, hat auch die Blätter unserer Bibel berührt, wir lasen darin aus der Vergangenheit und sehen, dass sich aus dieser Vergangenheit verhältnismässig wenig hier herübergerettet hat. Wir müssen klar hervorheben, was wir als jüdische Cultur begreifen. Wir brauchen unserem' Volke nicht zu sagen :. „Geht und lernt!" Es lernt, wenn man es nur lernen lässt, es lernt Tag und Nacht. Aber wir müssen dem Volke sagen : Lernet nicht, nachzuahmen, lernet von allen Seiten, um es besser zu machen. (Lebhafter Beifall.) * Wir hoffen, dass der Zionismus den jüdischen Geist, die jüdische Begeisterung wieder erwecken wird. Das wird dann jüdische Cultur sein. Wir werden dann der Menschheit nicht bloss zeigen können, was wir einst besessen hatten, sondern auch, dass wir uns vorbereiten, noch etwas mehr zu besitzen und der Menschheit noch etwas mehr zu geben. (Stürmischer Beifall.) Wir wollen nach dem Heiligen Lande gehen mit der Absicht, dort ein neues Volk zu werden. Die Zeit wird kommen, da das Wort des Gesetzes wieder von Jerusalem ausgehen wird und zu gleicher Zeit das Wort Gottes von Zion, wo alle Nationen zusammenkommen und sich an unsere Rockschösse hängen und bitten werden : „Lasst uns doch mit Euch wallfahren zu dem ewigen, wahren Gotte! Der allein bringt uns Heil — uns und der gesammten Menschheit!" (Tosender, lang anhaltender Beifall im Saale und auf den Gallerien. Redner wird beglückwünscht.) (Der Bericht über den Schluss der Nachtsitzung und den IV. Verhandlungstag folgt in nächster Nummer.) Tribüne. Jüdischer Turnverein. Die k. k. niederösterreichische Statthalterei hat die Umänderung des Turnvereines jüdischer Hochschüler in einen allgemeinen jüdischen Turnverein gestattet. Getreu seinen Principien, steht nunmehr der Verein allen jenen jüdischen Mitbürgern offen, die durch physische Bethätigung ihre Kräfte vermehren, ihren Körper stählen wollen. Die feste Ueberzeugung von der Nothwendigkeit eines jüdischen Turnvereines liess uns bisher standhaft gegen alle Unbilden ankämpfen, die einen jüdischen Verein auf seinen Leidenswege verfolgen. In einer jüdischen Gemeinde von 1SO.0O0 Seelen war es einem jüdischen Turnvereine bisher nicht möglich, ein seinem Bedürfnissen entsprechendes Local zu erlangen — eine Thatsache, gleich charakteristisch für die politischen Verhältnisse wie für die Indolenz der Juden. Die Benützung eines öffentlichen Locales wird uns verweigert und der Jude findet nicht die Kraft, sich selbst zu helfen. Daher ergeht an alle jüdischen Mitbürger die dringende Aufforderung: Unterstützt unseren Verein, ein jeder nach seinen Kräften, in moralischer und materieller Beziehung, damit wir nicht in die Lage kommen, vor der Oeffentlichkeit das beschämende Geständnis zu machen, dass die Judenschaft nicht imstande sei, das geringfügigste Unternehmen aus eigener Kraft zu vollbringen. Für den Ausschuss: jur. Bela Felsenburg J.-U.-C. Karl Low derzeit Vice-Präses. derzeit Präses. Der Turnverein wird seine Thätigkeit im Laufe des Monates September beginnen. Die Zeit des Beginnes und der Turnplatz werden bekanntgegeben. Beitrittsanmeldungen sind an Herrn jur. Bela Felsen bürg, Wien, Universität zu richten. * Danksagung. Anlässlich des Schicksalsschlages, der uns betroffen hat, sind uns zahlreiche Beileidskundgebungen auch aus zionistischen Kreisen zugekommen. Ganz besonders gerührt waren wir durch Zuschriften solcher Gesinnungsgenossen, mit denen wir bisher gar keine persönlichen Beziehungen hatten. Allen diesen Freunden sei hiermit auf diesem Wege unser herzlichster Dank für die lieben Trostworte ausgesprochen. Architekt Oskar Marmorek im Namen der Familie. Bernard Lazare an Max Nordau Herr Dr. Max Nordau in Paris ersucht uns um die Aufnahme folgender Zuschrift: Paris, Hi. August 1900. Hochgeehrter Herr Redacteur! Der Postdienst auf dem Londoner Gongresse wurde vom Congress-Secretariate so merkwürdig besorgt, dass ich heute, am 26. August, in Paris in einem dicken Pakete auf einmal alle Briefe erhalte, die vom 12. bis zum 18. d. M. unter der vollkommen genauen Adresse „Zionist Congress, Queens Hall, Langham Place, London W" für mich oingegangen sind. Ich werde mich bemühen, den zum Theil sehr ernsten Schaden, den diese unerhörte Behandlung einer meist dringenden Correspondenz unserer Sache und mir zugefügt hat, soweit dies überhaupt möglich ist, gut zu machen. Sie, hochgeehrter Herr Redacteur, bitte ich um gefällige Aufnahme des nachstehenden Briefes von Bernard Lazare, der am 12. d. M. an meine Adresse in London pünktlich eingetroffen ist, und mir heute, vierzehn Tage später, zugeht. Hätte ich ihn rechtzeitig, wie es sich gebürt, erhalten, so hättte ich ihn dem Congresse mitgetheilt. Da ich dies nicht mehr thun kann, so muss ich mich darauf beschränken, ihn hier zu veröffentlichen. Er lautet: (Aus dem Französischen übersetzt.) 7, Rue de Florence, Paris, IL August 1900. Lieber Freundl Zu meinem grössten Leidwesen sehe ich mich verhindert, nach London zu kommen. Meine Frau ist wieder erkrankt, sie muss das Bett hüten, und so wie sie wieder einigermassen zu reisen imstande ist, verlasse ich mit ihr Paris, um sie durch eine Luftveränderung wieder herzustellen. WTollen Sie bei allen Congressmitgliedern mein Dolmetscher sein? Sagen Sie ihnen eindringlich, dass meine gezwungene Abwesenheit von ihren Berathungen mich nicht hindern wird, für die Befreiung des jüdischen Volkes zu kämpfen. Sagen Sie ihnen, dass ich lauter als jemals fordere, dass die Juden frei seien auf freiem Boden, und dass ich unter einem freien Boden einen Boden verstehe, der ebensowohl von fremder Bedrückung, wie von einer solchen frei ist, die eine Classe auf ihn und auf das Volk ausüben könnte. Herzlichen Händedruck, lieber Freund, von Ihrem ganz ergebenen _ Bernard Lazare. Mit bestem Danke iür den Abdruck dieser Zeilen bin. ich hochachtungsvoll Dr. Max Nordau.

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