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Die Welt · 1900-08-31 · 35 (31.8.1900) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
35 (31.8.1900)
Article
III. Tag
Date
1900-08-31
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die & Welt" Nr. 35 Slouchz (Paris) bringt hierauf unter Beifall einen an ihn gerichteten Brief Bernard Lazares zur Verlesung, der es bedauert, dass er durch Familienverhältnisse verhindert ist, dem heurigen Congresse anzuwohnen. Er (Lazare) hätte gerne über die geistige und wirtschat'liche Hebung des jüdischen Volkes gesprochen und meint, dass wir möglichst bald in eine effective und praktische Thätigkeit eintreten sollten. Insbesondere sollt« das Actions- Comite die Initiative zu einer grossen Bewegung im Interesse der rumänischen Juden ergreifen. Eine Unthätigkeit in dieser Sache würde dem Actions-Comite ebenso zur Last fallen, wie hier die Unthätigkeit der „Allianee Israelite Universelle" «in Verbrechen sei. (Lebhafter Beifall.) Um 1 Uhr wird sodann die Vormittags-Sitzung geschlossen. Nachmittags-Sitzung. In der Nachmittags-Sitzung, welche vom Piäsidenten Dr. H e r z 1 kurz nach 4 Uhr eröffnet wurde, wird die Debatte über Agitation und Organisation fortgesetzt. Rabbiner Barischansky nimmt die russischen Rabbiner gegen die Vorwürfe der Bildungsfeindlichkeit in Schutz. Die Bildung, die durch das hebräische Studium und insbesondere durch den Talmud gewonnen werde, wiege jede andere Bildung reichlich auf. (Lebhafter Beifall.) Delegierter Schachtel (Breslau) bringt einige Wünsche der deutschen Landsmannschaften bezüglich der Organisation und Agitation vor; s-peciell auf die Agitation durch die Presse müsste mehr Gewicht gelegt werden. Dr. Menczel legt als Referent des Agitations-Ausschusses die in diesem festgestellten Grundzüge der Abänderungsvorschläge zum Organisationsstatut "vor. Die Organisationsfrage sei die Cardinalfrage des gegenwärtigen Congresse?. Es handle sich hauptsächlich darum, einmal eine feste Basis der Organisation festzustellen. Bis jetzt sei man sich nicht ganz im Klaren, ob der Verein oder die Hundertschaft (Sehekelgruppe) die unterste Stufe sei. Jener könne nicht alle zionistisch Gesinnten umfassen, während diese ein viel zu lockerer Verband sei. Man müsse möglichst trachten, aus beiden ein festgefügtes Ganzes zu machen. Das könne auf zwei Alten geschehen. Sämmtliche Vereine müssten in ihren Statuten einmal stipulieren, dass jedes Mitglied eines zionistischen Vereines verpflichtet ist, den Schekel zu entrichten. Dann müsste jeder Verein verpflichtet sein, neben seiner ordentlichen Mitgliederliste ein Verzeichnis aller in seiner Stadt (Rayon oder Bezirk) befindlichen Schekelzahler anzulegen und sorgfältig zu führen. E-; soll ein Cataster angelegt werden, der uns darüber Aufschluss geben soll, über wie viele Parteigänger wir verfügen. Die Zusammenstellung der Schekelzahler zu Wahlgruppen hätte von Seiten der Landes-Comites zu erfolgen, welche hiervon das Centraibureau zu verständigen haben. An den sonstigen Bestimmungen des Organisationsstatuts könnte man im grossen und ganzen festhalten. (Lebhafter Beifall.) Mr. Joseph C o w e n (London) gibt einen Rückblick auf die Thätigkeit der „English Zionist Federation,- aus dem die grosse Ausdehnung der Zionistenbewegung in England hervorgeht. Dr. Wahrhaftig (Galizien) stellt im Namen des Agitations-Ausschusses den Antrag, im Organisationsstatut Cap. III. folgenden Zusatz aufzunehmen : „Gegen jede Wahl, die dem vom Congresse angenommenen Statute widerspricht, hat das Aetionscomite, eventuell das Bureau des Congresses ex officio Protest zu erheben und dem Legitimations-Ausschusse den ganzen Wahlact zur Prüfung vorzulegen." Ein zweiter Antrag des Legitimations-Ausschusses lautet: „Der Congress wählt aus seiner Mitte einen permanenten Ausschuss von vier Mitgliedern und zwei Stellvertretern. Diesem Ausschusse gehört der jeweilige Congress-Secretär an. An einem zu vereinbarenden Orte und Tage vor dem Congressse hat das Actions-Comite den Ausschuss-Mitgliedern sämmtliche Mandate zur Prüfung vorzulegen. Auf Grund des von diesem Auschusse erstatteten Berichtes fällt der Congress ohne Debatte die Entscheidung. Das Actions-Comite hat dafür Sorge zu tragen, dass Personen, gegen deren Wahl Proteste eingelaufen sind, insolange keinen Sitz im Congresse erhalten, als deren Mandat als angefochten gilt. Dr. Friedemann (Berlin) schliesst sich der Anschauung de* Dr. Bodenheime r an, dass der Congress nur alle zwei Jahre tagen solle. Der Congress sei ein grossartiges Demonstrationsmittel, dessen Wirkung aber durch einen allzu häufigen Gebrauch abgestumpft werde. Dagegen sollteu die Ceniral-Comiles aller Länder jährlich eine Anzahl Deputierter zu einer Versammlung entsenden. Gegen eine stetige Veränderung des Congressortes aber müsse sich Redner aussprechen. Di. Schur (Galizien) will es jeder Ortsgruppe zur Pflicht machen, mindestens soviel Schekel an die Landsmannschaften abzuführen, als sie Mitglieder zählt Dadurch können nicht solche Personen den zionistischen Vereinigungen angehören, die nicht den Sehekfl zahlen. Es sollte weiters jeder Zionist gehalten sein, im Laufe eines Jahres wenigstens einen Juden der zionistischen Sache zuzuführen. (Lebhafter Beifall.) Endlich sollten die Zionistenvereine dafür sorgen, dass an allen Orten, wo es Zionisten gibt, die Mädchen und Frauen zu Vereinen organisiert werden. (Stürmischer Beifall.) Dr. Nordau (stürmisch acclamiert) erinnert daran, dass, wenn es auch Aufgabe des Congresses sei, für die Zukunft des jüdischen Volkes zu sorgen, er sich doch der Gegenwart und den Anforderungen, die diese an ihn stellt, nicht verschliefen dürfe. D<is Juden elend in seiner herzbrechendsten Form belagere die Thüren des Congress-Snales. In beweglichen Worten schildert Nordau nach Londoner Blättern Scenen des Elend-;, die sich unter den hier durchwandernden rumänischen Juden abgespielt habeti sollen. Zwei von diesen Wanderern sollen in den Strassen Londons Hungers gestorben sein. Er appelliert an die Congressmitglieder, etwas zur Linderung dieses entsetzlichen Elends zu thun. Essolle nicht gesagt werden können, dass 400 Juden vier Tage lang beisammen gewesen wären und über jüdische Angelegenheiten berathen hätten, während gleichsam vor ihren Augen und nur durch die Dicke einer Hausmauer von ihnen getrennt, unglückliche wandernde Juden elend verendet sind. Thun Sie alle, ruft Nordau mit vor Erregung zitternder Stimme, was Sie können, geben Sie, was Sie haben, geben Sie, geben Sie, geben Sie! (Die Versammlung, die Nordaus Worten mit tiefer Ergriffenheit gelauscht hatte, spendet Nordau am Schlüsse seiner A.nspi-ache stürmischen Beifall, und unter dem Eindrucke seiner Worte veranstalten die Damen des Congresses eine Colleete unter den Congressmitgliedern, die für die armen rumänischen Juden mehr als 85 Pfund Sterling ergibt). Aschkenazi (Frankreich) stellt den Antrag, es möchte jeder der hierzu befähigten Delegierten sich, der Agitations-Commission alljährlich 14 Tage lang freiwillig zur Verfügung stellen. Prof. Dr. G o 11 h e i 1 regt an, es solle in jedem Lande ein Landesverband der zionistischen Vereine — ähnlich der englischen und amerikanischen „Federation" — gebildet werden. Das Actions-Comite solle nur mit jenen Vereinen in Verbindung treten, die einem solchen Verbände angehören. G o i t e i n (Frankfurt a. M.) nimmt gegen die gestrigen Ausführungen M o z k i n s Stellung. Die Rabbiner seien in ihrer Weise für den Zionismus eingetreten. Dr. Gaste r habe z. B. Sir Francis Montefiore dem Zionismus zugeführt: das sei auch ein bedeutender Gewinn. Mit den Vorschlägen des Dr. Bodenheime r erklärt sich Redner bis auf die Ehrengerichte für einverstanden. Im übrigen sollte man es dem Actions-Comite überlassen, wann es einen Congress einberufen wolle. (Beifall.) Dr. Schlaposchnikoff (Charkow) spricht sich gegen die allzu häufige Aenderung des Organisationsstatutes aus. Das im Vorjahre beschlossene Project sei noch nicht einmal recht durchgeführt, und schon wolle man Aenderrungen an demselben vornehmen. Wenn man mit den bestehenden Zuständen unzufrieden sei, so ist das Statut daran keineswegs schuld, sondern das Actions-Comite, das sich nicht immer genau an das Statut hielt. Prof. G o 11 h e i l gegenüber spricht er sich gegen die zwangsweise Schaffung von Landesverbänden aus. Die Zionisten müssten in jedem Lande das freie Recht haben, nach Belieben Gruppen zu bilden. Er tritt gleichfalls dafür ein, dass der Congress nur jedes zweite Jahr stattfinde. Scheinkin (Russland) schlägt zur intensiveren Agitation vor, dass Broschüren und Schriften über Palästina in ausgedehnterem Massstabe als bisher verbreitet, dass Vorträge über Palästina gehalten und von den Vereinen Delegierte nach Palästina entsendet werden möchten, welche nach ihrer Rückkehr über die Zustände in Palästina zu berichten hätten. (Lebhafter Beifall.) Frau Prof. Gottheil berichtet über das bereits erwähnte Ergebnis der Sammlung. Dr. Menczel spricht sich dagegen aus, dass der Congress von jetzt ab nur alle zwei Jahre stattfinden solle. 'Auch kann er der bezüglich der Schekelzahlung von Dr. Schur gemachten Anregung nicht beipflichten. Im Einvernehmen mit Dr. Bodenheim er stellt er schliesslich folgende Resolutionsanträge: 1. Das vorjährige Organisationsstatut wird im grossen und ganzen wieder aeeeptiert, soll jedoch in der Weise

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