Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 35 (31.8.1900)
- Article
- II. Tag
- Date
- 1900-08-31
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 „Die # Welt" Seite 9 Weise der Vornahme der letzten Delegiertenwahlen und bemängelt es, dass manche Landsmannschaften sich nicht strenge genug an das im Vorjahre beschlossene Organisationsstatutgehalten haben, offenbar, weil dasselbe in einem Punkte missverstanden worden sei. Die eingelaufenen Proteste wurden vom Ausschusse zurückgewiesen und der Antrag gestellt, sämmtliche Mandate zu verificieren. Dieser Antrag wird angenommen. Schluss der Sitzung um S Uhr abends. III. Tag. Beginn der Vormittags-Sitzung um ' 411 Uhr. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präsidenten Dr. Herzl wird zunächst eine grosse Anzahl von Be- ' grüssungs-Telegrammen zur Verlesung gebracht, die seit gestern eingelaufen sind. Sodann erstattet Dr. M a n d e 1 s t a m m sein Referat über d i e körperlich e Hebung der Juden. (Wir bringen das ausgezeichnete Referat an leitender Stelle.) Lebhafter, anhaltender Beifall folgte den trefflichen Ausführungen Dr. Mandelstamms, und aus der Mitte der Versammlung wird das Verlangen laut, die Rede Doctor Mandelstamms in allen bei den jüdischen Volksmassen gebräuchlichen Sprachen als Sonderbroschüre zu drucken. Darauf erklärt Präsident Dr. Herzl, dass das Actions- Comite für die Uebersetzung und Drucklegung sämmtlicher für die Agitation nützlichen Reden Sorge tragen und hierbei den geäusserten Wünschen entsprechend vorgehen werde. Hernach ergreift Dr. Bodenhei mer (Köln) das Wort zur Erstattung seines Referates über Organisation und Agitation. Es sei eine ungeheuer schwere Aufgabe, führte er aus. 10 Millionen, die über den ganzen Erdball zerstreut sind, zu organisieren. Zweck der Organisation ist, die Anhänger zu Mitarbeitern zu machen, Zweck der Agitation, jene, welche der Sache ferne stehen, zu ihren Anhängern zu machen. Die Organisation müsse sich von innen heraus entwickeln, die Centrale könne nur Anregungen geben und die Organisationen überwachen. Die anderen Nationen haben sich auf sich selbst besonnen und erkannt, dass die Menschenverbrüderung, dieses Menschheits-Ideal, durch ein Culturwerk auf nationaler Grundlage vorbereitet werden müsse. Beim jüdischen Volke war erst der Zionismus die Veranlassung, dass es sich auf sich selbst zu besinnen begann. Das zionistische Programm entspreche einem tiefgefühlten Bedürfnisse. Das Organisations-Statut dürfte nach einigen Richtungen verbesserungsfähig sein. Districtsverbände für die Propaganda hätten schon einen Sinn, aber nur für Propaganda- Zwecke; dagegen könnten verschiedene Centralen in" einem und demselben Lande leicht zu Spaltungen führen. Die Grundlage für die Wahl zum Congresse sollte im wesentlichen die Ortsgruppe bilden. Weiters sollte ein Press- Ausschuss, ein Ehrenrath und schliesslich ein Nothstands- oder wirtschaftlich-sociales Comite eingesetzt werden für die Zwecke der -Linderung eines plötzlichen allgemeinen Nothstandes, ähnlich dem rumänischen. Bezüglich der Agitation empfiehlt Referent die Entsendung von Wander-Rednern, die Creierung einer zionistischen Tageszeitung, die Schaffung eines ABC-Buches, eine populäre Darstellung des Zions-Gedankens enthaltend, weiters eines kurzen Vademecums für jeden Zionisten. Von besonderem Vortheile wäre auch unter anderem die Vorführung lebender Bilder aus den palästinenssichen Colonien. Die Agitation müsse aber in der Hauptsache persönlich von Mann zu Mann erfolgen. Der Referent schliesst mit folgenden Worten: „Das jüdische Volk gleicht einem Schiffe, das ohne Capitän. Steuermann und. geschulte Mannschaft der stürmisch bewegten See preisgegeben ist. Die National-Versammlung rauss so lange wandern, bis dieses Schiff unter Führung bewährter Männer in den Hafen einer gesicherten Zukunft eingelaufen ist. So gross der Erfolg unseres Congresses in London auch sein möge, dauernd wird der Congress nur in einer Stadt der Welt tagen : In unserer heiligen Stadt Jerusalem." (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Präsident Dr. Herzl bemerkt zur Aufklärung, dass Dr. Bodenheimer bloss in seinem eigenen Namen und nicht in dem des Actions-Comites gesprochen habe, und dass manche von den gegebenen Anregungen die Billigung des Actions-Comites nicht finden können. Sir Francis Monte fiore (stürmisch acclamiert) erinnert an die Bedeutung des Zionismus als einer grossen nationalen Bewegung, an seine Ziele und seine Aufgabe, seine Geschichte und alles, was er schon vollbracht hat und mit Gottes Hilfe auch vollbringen wird. Der Zionismus müsse von jedem patriotischen Gliede unseres Volksstammes unterstützt werden. Redner ist mit seinen Gedanken und Gefühlen stets dem Heiligen Lande zugewandt gewesen (Stürmischer Beifall), für welches alle guten Judenherzen schlagen müssen. Er ist ein ergebener und überzeugter Zionist und wird alles, was in seinen Kräften steht, thun, um das Gedeihen unserer geheiligten Sache zu fördern'. (Stürmischer Beifall.) Der Zionismus sollte alle Juden interessieren, und habe nicht nur für diejenigen Juden einen Sinn, die übel behandelt werden. (Lebhafte Zustimmung.) Redner empfindet als Jude jede Beleidigungeines Juden gerade so schmerzlich, als ob diese Beleidigung ihn selber träfe. (Stürmischer Beifall.) Wenn die Juden in vielen Ländern gegenwärtig eine gute Behandlung erfahren, so müsse dies ja nicht immer so bleiben. (Lebhafte Zustimmung.) Zur Zeit gibt es kein Land auf dem ganzen Erdenrund, wo man die Juden freundlicher behandeln würde als in England. Dennoch lassen sich selbst hier schon schwache Anzeichen eines herannahenden antisemitischen Sturmes wahrnehmen. Der Zionismus bietet allen Juden grosse Vortheile. Er will den Stand aller Juden erhöhen und ihnen möglich machen, künftighin eine Stellung einzunehmen, die den glorreichen Traditionen unserer Geschichte besser als bisher entspricht. (Stürmischer Beifall.) Der Zionismus ist eine mächtige Stütze unserer gemeinsamen Sache, da er sogar von Nichtjuden sympathisch begrüsst worden ist, von denen einige sogar die jüdische Colonialbank durch Zeichnung von Geldbeträgen unterstützt haben; eine Thatsache, die jene reichen Juden, die aus selbstsüchtigen und niedrigen Beweggründen diese grosse nationale Bewegung so schmählich bekämpft haben, mit tiefster Beschämung erfüllen sollte. (Lebhafter Beifall.) Es gibt reiche und eigennützige Juden, die leugnen, dass die Judenfrage eine wichtige ist. Das Benehmen dieser Leute ist unter aller Würde. (Lebhafter Beifall.) Durch die Drohungen solcher Leute dürle man sich von seinem Vorhaben niemals abbringen lassen. Man dürfe auch jenen keine Beachtung schenken, die fälschlich behaupten, Palästina sei ein von Natur unfruchtbares Land, in dem eine grössere Anzahl von Juden niemals leben könnte. Derartige Behauptungen gehen nur von solchen aus, die entweder die Wahrheit verdunkeln wollen, oder die keinen wahren Einblick in die Sache haben. (Lebhafte Zustimmung.) Major Cond er, der jahrelang in Palästina gelebt hat, erklärte auf das allerbestimmteste, dass Palästina sehr leicht eine zehnmal stärkere Bevölkerung als die jetzige ernähren könnte. (Lebhafte Zustimmung.) Auch die Behauptung, dass Juden niemals gute Landwirte werden können, sei unbegründet. Ueberall. wo man den Juden Land anzukaufen und zu bebauen erlaubt habe, haben sie in der Regel die besten Erfolge erzielt. (Lebhafte Zustimmung.) Dazu sei eben nur Liebe zum Boden, den man bebaut, und physische Kraft zu schwerer Arbeit erforderlich, und die Liebe, die jeder patriotische Jude dem gelobten Lande entgegenbringe, v;urzle gewiss tief. (Stürmischer Beifall.) Auch eigne sich Palästina ganz ausserordentlich für Handelsunternehmungen. Zu einer grossen nationalen Bewegung gehöre in erster Reihe eine gute und wirksame Organisation. Diese müsse daher in erster Linie vervollkommnet werden. Aller Pflicht sei es, hier zu helfen, so viel sie können. Jeder wahre Jude sollte hierbei sein Bestes thun. (Stürmischer Beifall.) Unsere Sache ist eine grosse, eine heilige Sache, auf der die künftige Wohlfahrt unseres Volkes beruht. (Stürmischer Beifall.) Obgleich viele unserer Leute alles gethan haben, um unsere Sache zugrunde zu richten, so werden wir doch jedes Hindernis aus dem Wege räumen, wenn wir nur treu zu unseren Führern halten und uns selbst treu bleiben. (Stürmischer Beifall.) Lassen Sie keine Selbstsucht und Eifersucht in unseren Reihen aufkommen! Arbeiten wir lediglich für den Ruhm des jüdischen Volkes! Und sollten Sie sich — schliesst Redner — jemals niedergedrückt und schwachmüthig fühlen gegenüber der Grösse unserer Aufgabe, dann lassen Sie uns daran denken, wie gross und erhaben die Sache ist, für die wir kämpfen, und wie gross der Gewinn ist, der auf dem Spiele steht! (Tosender, langanhaltender Beifall und Händeklatschen. — Redner wird beglückwünscht.) Kremenetzky (Wien), der nunmehr zu Worte gelangt, appelliert an den CoDgress, entgegen den Ausführungen des Dr. Bodenheimer für die Schaffung eines jüdischen Nationalfonds einzutreten. (Beifall.) Leb enhart (Prag) bittet die Leiter der Bewegung, darauf zu achten, dass nichts geschehe, was einzelne Schichten des jüdischen Volkes von der Bewegung abstossen könnte. (Lebhafte Zustimmung.) Er verweist in dieser Richtung auf Prag, wo auf diese WTeise innerhalb kürzester Zeit die zionistische Bewegung an Ausdehnung gewonnen habe. (Lebhafter Beifall.)