Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 35 (31.8.1900)
- Article
- II. Tag
- Date
- 1900-08-31
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315887-3372098--21566-3372175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 „Die 2$ Welt" Nr. 35 fertiges Resultat vorhanden sei, könne man nicht über jeden einzelnen Schritt Mittheilung machen. Man müsse eben zum Actions-Comite Vertrauen haben und dürfe die Hoffnung nicht aufgeben, dass endlich das grosse Ziel doch erreicht wird. (Lebhafter Beifall.) Zu bemängeln sei es nur, dass die Organisation eine zu lockere sei und dass die Agitation noch viel zu viel von einzelnen Personen und von Zufällen abhängig sei. Redner gibt in dieser Hinsicht verschiedene Anregungen. Insbesondere möge die Presse als Agitationsmittel verwendet werden. Des ferneren sollte durch Jargon- Flugschriften Propaganda gemacht und die jüdischen Turnvereine gefördert werden. Gegenüber den Ausführungen M o z k i n s bemerkt Dr. M e n c z e 1, dass man die religiösen Gefühle nie verletzen dürfe, da derzeit nur ihre Nationalreligion die Juden zusammenhalte. Aber auch die Rabbiner mögen nicht immer wieder diese Frage in Erörterung ziehen. Zum Schlüsse erklärte er, mit den Leistungen des Actions-Comites vollkommen zufrieden zu sein. (Lebhafter Beifall.) Loewy (Blackburn) bemerkt zur Aufklärung, dass er früher nur im eigenen Namen und im Namen seiner Wähler, nicht aber im Namen der englischen Zionisten gesprochen habe. Dr. H e r z 1 (von jubelndem Beifalle empfangen): Wir haben uns auch heuer nicht über ein zu grosses Mass von , Kritik zu beklagen, vielleicht, weil wir Ihnen das endgiltige Resultat noch nicht vorgelegt haben. Wird dies einmal geschehen sein, dann wird es gewiss auch an Kritik nicht fehlen. Das Actions-Comite hat nicht über die Wirkungen, die es erzielt hat, Rechenschaft zu legen. Die Frage ist nur, ob wir genug gearbeitet haben. Schon die Erhaltung einer so ausgedehnten Bewegung, der fortwährende Verkehr mit den Correspondenten in der ganzen Welt, bedeutet einen ungeheuren Complex von Arbeit. (Lebhafte Zustimmung.) Das Actions-Comite hat nicht mehr, als Sie ihm geben, und kann Ihnen auch nicht mehr geben, als Sie ihm gegeben haben. Je reicher und actionskräftiger Sie das Actions- Comite machen, desto mehr wird es thun: je mehr Mittel Sie uns schicken, desto mehr werden wir aufwenden, denn wir wollen nichts ersparen von dem, was Sie uns schicken. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Alles, was aus der Bewegung eingeht, wird zu deren Ausbreitung und Verstärkung verwendet. (Lebhafter Beifall.) Redner erwidert sodann auf die von den Vorrednern bezüglich, der Agitation vorgebrachten Wünsche und Beschwerden und erklärt, dass man selbstverständlich so weit als möglich die geäusserteu Anregungen berücksichtigen und alles versuchen werde, um dem Zionismus auch in jene Länder Eingang zu verschaffen, in welchen er bisher noch unbekannt ist. Ebenso werde es selbstverständlich die vollste Aufmerksamkeit des Actions-Comites in Anspruch nehmen, die Turn- und Lehrervereine zu encouragieren. Rabb. Landau hat dem Actions-Comite einen Vorwurf daraus gemacht, dass es die sogenannte Culturfrage in die zionistische Bewegung hineingeworfen und einen Argwohn erregt hat. Ich kann dem Congresse bei dieser Gelegenheit nur wiederholen, was wir von dieser Stelle aus vom ersten Augenblicke an deutlich genug gesagt haben: In demjenigen, was wir thun und unterlassen, ist für niemanden Grund zu Argwohn enthalten. Wir möchten uns aber dagegen verwahren, dass man unter dem Titel, dass Argwohn erregt wird, fortwährend solche über das Ziel hinausgehende Zusicherungen verlangt, die nicht mehr die Beängstigung, sondern vielleicht das Gegentheil davon zum Inhalte haben. Wir gefährden niemanden in seinen religiösen Empfindungen, wir möchten aber auch dringendst bitten, diese Befürchtung, die einen agitatorischen Charakter hat, endlich aus unserer Bewegung auszuschalten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wem die Erklärungen, die wir in dieser Richtung in so bestimmter Weise gegeben haben, nicht genügen, der hat entweder zu uns kein Vertrauen oder er will etwas anderes. (Erneuerter Beifall.) Dieses andere scheint mir aber viel unbestimmter und viel mehr geeignet, den Argwohn zu erregen, als dasjenige, was wir thun und was wir sagen. Wir haben stets gesagt und wiederholen es, dass für uns die zionistische Bewegung ein nationaler Sammelpunkt für alle ist. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Wir machen Niemandem Vorschriften, möchten aber auch dringend bitten, den Vorwand, dass man sich geängstigt fühlt, von r jetzt ab fallen zu lassen und sich damit zu begnügen, was wir so oft gesagt haben: Mit der Culturfrage ist nicht gemeint, dass man irgend jemanden in seinen religiösen Gefühlen beeinträchtigen will. Diese Erklärung, die ich jetzt gegeben habe, ist hoffentlich deutlich genug; begnügen Sie sich damit. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Statt den Scharfsinn und die Energie nach einer leidigen alten Gewohnheit unseres Ghettolebens auf unfruchtbare Dinge zu verwenden, verwenden Sie sie lieber dort, wo unsere Bewegung einen Vortheil davon haben kann. (Stürmischer Beifall.) Halten Sie sich gegenwärtig, was unsere jetzige Aufgabe ist! Die Aufgabe von uns Delegierten, von uns Actions-Comite- Mitgliedern und von jenen fernsten Mitgliedern unserer grossen Vereinigung, die jetzt 3000 Meilen weit mit gespannter Erwartung unseren Discussionen folgen — diese Aufgabe ist, für geschichtliche Gelegenheiten oder sagen wir : für eine bestimmte geschichtliche Gelegenheit, die durch das Zusammentreffen verschiedener Umstände sich ergeben und die es möglich machen wird, die rechtlich gesicherte Ansiedlung unseres Volkes in Palästina zu erlangen, die Bereitschaft des jüdischen Volkes zu erzielen. Das ist unsere Aufgabe und nichts anderes. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Ein trivial gewordenes Wort sagt: „Wenn Du den Frieden willst, bereite Dich auf den Krieg vor." Wenn wir das erreichen wollen, was uns auf dem tiefsten Grunde des Herzens liegt, müssen wir uns doch in vernünftiger Weise darauf vorbereiten. Verlieren wir uns nicht in Streitigkeiten und suchen wir keine Händel untereinander, sondern denken Sie daran, dass, wenn der Tag kommen wird, wo wir vor Sie mit der Mittheilung treten werden: „Wir sind bereit!" und Sie fragen werden: „Seid auch Ihr bereit?" Sie leicht durch müssige Redereien die kostbare Zeit verloren haben könnten. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Wenn wir Ihnen den Erfolg nicht gebracht haben, so haben wir Ihnen unsere Leistungen gebracht, und wenn Sie mit den Arbeiten des Actions-Comites zufrieden sind, so werden Sie die Form dafür in Ihrer Abstimmung finden. (Lebhafter Beifall.) Indem ich jetzt die Vertheidigungsrede für das Actions-Comite schliesse, möchte ich auch noch eine Forderung an den Congress richten. Und zwar ist es die, dass Sie sich auf das Ernstlichste bemühen, noch zur Zeit Ihres Beisammenseins im Congresse und in den Ausschüssen, insbesondere im Finanz-Ausschusse, dem Actions-Comite die Erfordernisse für das kommende Jahr, die hoffentlich grösser sein werden, als sie heuer waren, zur Verfügung zu stellen. Denn wir können nur gute Arbeit bieten, wenn Sie auch das Comite in den Stand setzen, dem zu genügen, was Sie von ihm verlangen, und mit Recht verlangen- (Stürmischer Beifall, Tücherschwenken im Saale und auf der Gallerie.) Dr. Wileuski (Russland) beantragt, diese Rede, die eine That bedeute, sofort in Druck legen und im Congresse verteilen zu lassen. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Dr. Kaufmann (Deutschland) stellt den Antrag, dem Actions-Comite die Absolution zu ertheilen und demselben, sowie namentlich seinem Präsidenten Dr. H e r z 1 für die eifrige und bewährte Thätigkeit den Dahle auszusprechen. (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Reis eher (London) stellt die Anfrage, ob das Absolutorium vor der Zuweisung des Rechnungsabschlusses an den Finanz-Ausschuss ertheilt werden solle. Dr. H erzl entgegnet darauf, dass er mit Rücksicht auf diese Anfrage darauf bestehen müsse, dass der Cassabericht erst dem Finanz-Ausschusse übermittelt werde, und beharrt auf dieser seiner Anschauung, trotzdem die Delegierten Dr. Herbst und Rosenbaum einen derartigen Vorgang für geschäftsordnungswidrig halten und es für des Congresses unwürdig erklären, in die Cassagebarung des Actions-Comites auch nur die geringsten Zweifel zu setzen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Dr. Bragin (Russland) stellt den Antrag, in dieser Angelegenheit keinen Beschluss zu fassen, da man aus dem vorgelegten Berichte zu keinem Schlüsse kommen könne. Dr. H e r z 1 beantragt, zunächst nur über die Frage des Absolutoriums bezüglich des allgemeinen Theiles des Rechenschaftsberichtes abzustimmen und den Cassabericht dem Finanz-Ausschusse zuzuweisen. Dieser Antrag wird abgelehnt und sohin das Absolutorium unter stürmischer Acclamation ertheilt. Dr. Herzl erklärt, dass das nicht etwa eine enthusiastische Abstimmung gewesen sei, denn die Rechnungen wurden von den Revisoren tagelang geprüft. Nur glaubte er, dass das Actions-Comite nicht genug Gelegenheit bieten könne, seine Rechnungen prüfen zu lassen. Der Schriftführer des Legitimations - Ausschusses Lozinski erstattet sodann den Bericht über die Art und