Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Article
- II. Tag
- Date
- 1900-08-24
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 34 „Die & Welt" Seite 9 L e w i n (Ekaterinoslaw) meint dass man die zionistische Bewegung in Russland nicht an der Zahl der Schekelgelder oder an der Quantität der gezeichneten Shares ermessen dürfe. Der Zionismus habe dort an und für sich eine grossartige Gährung hervorgerufen, von der bisher keine Spur vorhanden gewesen sei. Die Gemeinden sollen nicht durch Gewalt, sondern durch moralische Einwirkung erobert werden, und dieses Ziel habe der Zionismus vollkommen erreicht. Die Literatur sei in einem ungeahnten Aufschwünge begriffen. Die neuen Schulen seien wohl nicht ausschliesslich von den Zionisten errichtet, aber von den Zionisten meistens angeregt worden. Die zionistische Bewegung nehme in Russland von Tag zu Tag sehr stark zu. (Stürmischer Beifall.) Dr. J. L. Landau (Wien), nimmt das A.-C. gegen die erhobenen Anwürfe in Schutz, Man dürfe von demselben nicht etwas verlangen, was es nicht thun könne. Die Hauptaufgabe des A.-C. sei es, die zerstreuten Kräfte zu sammeln, um dann mit vereinten Kräften dem Ziele zuzustreben. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Die Sitzung wird sodann auf Nachmittag 4 Uhr vertagt (Den Bericht über die weiteren Sitzungen bringen wir in der nächsten Nummer.) Stimmungsbilder vom Congresse. Von Dr. Ph. M e n c z e 1 (Czernowitz). Die Debatte. Ein jüdisches Parlament in London! Die Weltgeschichte hat sonderbare Marotten. Gerade dort, wo die parlamentarischen Formen die grösste Starre aufweisen, wo eine überflüssige Handbewegung für shocking, das Gesticuüeren als Verletzung der guten Sitte angesehen wird, kamen die Stürmer und Dränger mit ihrem Uebermasse an Temperament, mit" ihren überschäumenden Gefühlen und ihrer flammenden Begeisterung zusammen. Mancher Engländer, der den Verhandlungen beigewohnt hat, dürfte unwillig den Kopf geschüttelt haben. Im Plenum selbst wurden Stimmen des Tadels laut: „Dass die Leute sich nicht bezähmen können! Dass sie so wild debattieren!* Mitnichten. Mir hat das Bild gefallen. Wer weiss, wie es in englischen Versammlungen ausgesehen haben mag, ehe die Magna Charta libertatum das britische Volk emancipierte? Gewiss gieng es dort nicht so feierlich und gemessen zu, wie jetzt in dem. House of commons. In das jüdische Volk ist ein Gährungsstoff gekommen, der die Massen aufrührt. Der Congress ist ein verkleinertes, aber scharf gezeichnetes Bild des Volkes. Jeder, der das Wort ergreift in der Abgeordneten- Versammlung des jüdischen Volkes, fühlt, dass er hinausschreien muss in die Welt von der grossen Judennoth. Und so sah ich alte Männer, die gewiss das erstemal vor einer so grossen Versammlung sprachen, nach Worten ringen, ihr Herz fühlte mehr, als ihr Mund sagen konnte, und deshalb klangen nach einigen misslungenen Versuchen, ihre Gedanken in geordnete Rede zu bringen, ihre Schlussworte in einen feierlichen Schwur aus, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis das grosse Erlösungswerk vollbracht ist.. . Daneben gab es aber auch Männer, welche die Regeln des Parlamentarismus beobachteten und handhabten, als gehörten sie seit Jahrzehnten parlamentarischen Vertretungskörpern an. So oft mächtige Gefühlswellen übereinander schlugen und die Debatte uferlos zu machen drohten, griffen die „Parlamentarier" ein und führten die Discussion zu einem gedeihlichen Ende. Die Rabbinen. Sie waren die ersten, denen ich begegnete. Sonntag vormittags sah ich sie in einer Ecke des grossen Congresssaales um einen langen Tisch sitzen. Sie debattierten eifrig. Ihre Discussion fesselte mich. Sie setzten sich über den Zionismus auseinander, selbstverständlich vom religiösen Standpunkte aus. Talmud-Citate schwirrten durch die Luft. Die Tanaim und Soferim, mit Ehrfurcht genannt, feierten ihre Auferstehung. Die russischen Rabbinen sind starke Dialectiker. Aus der jüdischen Religions-Philösophie, deren Vertreter die aristotelische Methode mit Geschick handhaben, holten sich die Rabbinen ihre logisches Rüstzeug. Ich hörte sie in der Discussion regelrechte Kettenschlüsse durchführen mit O ber¬ und Unterprämissen, mit Haupt- und Nebensyllogismen . . . Sie trafen Vorbereitungen für die Congressverhandlungen, einigten sich über prmcipielle Punkte, besprachen die Culturfrage des jüdischen Volkes und suchten Vergangenheit und Gegenwart in harmonischen Einklang zu bringen ... Es gelang ihnen ... Interessante Gestalten! Hier ein Mann, fromm und schlicht bis in die Fingerspitzen, ein spitzes Käppchen deckt die grauen Locken, ein asketischer Zug charakterisiert die schmalen Lippen. Dort ein rüstiger, vollblütiger Mann, ein langer rothblonder Bart harmoniert mit der frischen Gesichtsfarbe. Kraft und Energie spricht aus diesen Zügen. Ich hörte ihn später im Plenum sprechen. Mit selbstbewusstem Pathos, mit vollklingender, sonorer Stimmesprach ervon den Rabbinen als den Lehrern des jüdischen Volkes, von dem Wissen und Können dieser Lehrer, die ihr ganzes Leben dem Studium der jüdischen Gotteslehre, der jüdischen Literatur und Geschichte widmen. „Ein Jude", sagte er, „der die Geschichte seines Volkes, die heilige Sprache der Väter nicht kennt, ist kein gebildeter Mann .. Der Alte betrat die Tribüne. Seine Worte klangen wie ein Gebet, das durch die schwülen Räume einer dichtbesuchten Synagoge tönt, inbrünstig-feierlich, jubelnd und wehklagend . . . Vergangenheit und Gegenwart in Einklang bringen: das will der Zionismus. Hätten die modernen „Prediger* — so heissen doch jetzt die Herren protestierenden B Seelenhirten" — die Worte der russischen Rabbinen gehört! . . . Die Damen. Die jüdischen Frauen hatten heuer ein stattliches Contingent von Congressmitgliedern entsendet. Sie waren die aufmerksamsten unter den Zuhörern und die unermüdlichsten unter den Beifallsspendern. Man sagt den Frauen im allgemeinen nach, dass sie viel reden, und welches Witzblatt hätte sich nicht über das Kaffeekränzchen und die Versammlungen der „Frauenrechtlerinnen" lustig gemacht? Ich beobachtete darum mit grossem Interesse die Frauenbank im Congresshause. Alle Ehre! Mit dem grössten Ernste folgten sie den Verhandlungen, und wiederholt sah ich einzelne Damen ihre Notizbücher hervorziehen und das eben Gehörte niederschreiben. Der Thränen, welche sie vergossen, als Nordau das grosse Elend unserer Brüder in Rumänien schilderte, brauchen sie sich wahrlich nicht zu schämen. Ich sah auch starke Männer weinen, und — warum sollten wir es leugnen? — das jüdische Herz ist weich. Die Thränen, welche für die armen Heimatlosen flössen, waren nach langer Zeit die ersten echten Thränen, welche das jüdische Elend erpresste. Ich erwähne sie hier ausdrücklich, weil ich hoffe, dass diese Zeilen ein geschichtliches Document abgeben werden. Die jüdische Frau, die mit ihren Thränen nicht Badereisen oder Toiletten erpresst, sondern Mitleid für das jüdische Volk — das hat der Zionismus bewirkt. Congressschluss. Donnerstag war da. Die Commissionen und Ausschüsse hatten fieberhaft gearbeitet, man hatte die Nachtruhe geopfert, um dem Plenum Bericht erstatten zu können. Trotz der Hitze und der unausgesetzten Arbeit hatte nirgends Ermüdung platzgegriffen. Ich hörte viele sagen, man müsse den Congress verlängern. Es gieng nicht. Der Saal musste geräumt werden. Und so brachte uns gerade der letzte Tag eine fruchtbare, sachliche Debatte. Ohne Mittagspause wurden die Verhandlungen vom frühen Morgen bis zum heranbrechenden Abend fortgeführt. Ein Referat nach dem anderen wurde erledigt. Die Wahlen begannen. Eine feierliche Stimmung bemächtigte sich des Hauses — und als Dr. Herzl das Schlusswort ergriff, war es, als ob der Schofar durch das Haus tönen würde, der das verstreute jüdische Volk sammeln soll aus allen „vier Enden der Welt" — zur Heimkehr. Eine feierliche Stille lagerte über der Versammlung. Keine lärmende Kundgebung störte die weihevolle Stimmung . . . Die Mitschuld Europas. Von D. Salo. Nicht mit unseren Feinden? sondern mit unseren Freunden haben wir im gegenwärtigen Augenblicke abzurechnen. In den jüngsten Tagen sind in der rumänischen Sache einige Regierungserklärungen abgegeben worden, die in dem bisherigen traurigen Gange der Ereignisse einen Wendepunkt andeuten können. Einen Wendepunkt zum Schlechteren natürlich. Was die neue Action der rumänischen Regierung, welche nach den officiösen Berichten der Repatriierung der Auswanderer keine Hindernisse entgegensetzt, in Wahrheit andeuten solle, wird angesichts der dunklen Qnellen, aus denen diese Nachrichten fliessen, derzeit wohl noch kein Mensch sicherstellen können. Wenn man aber bedenkt, dass diese Entschliessung des rumänischen Ministeriums erst erfolgte, nachdem der ungarische Minis'er-