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Die Welt · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Article
Die Schwestern
Date
1900-08-17
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Kr. 33 >Die & Welt" Seite 13 Chauvinismus weiter bestehen lsssen — und so nationale Marranen erziehen? Dem ersteren widerstrebt meine väterliche Liebe, dem zweiten mein Gewissen. Welches ist der Weg, der zu beider Zufriedenheit gewählt werden könnte? Nun? . . . Sie antworten mir nichts?" sagte traurig lächelnd der Verwalter — „weil es hier nur eine einzige Antwort gibt, die aber Sie und Ihre Gesinnungsgenossen nicht geben wollen . . . Die Schwestern. Erzählung von S. Gordon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Wissen Sie, was ich Ihnen anrathen würde? Sie sollten eine Reise in die griechisch - orthodoxen Dörfer unternehmen und sich dort als die Madonna Rediviva sehen lassen: Ihre Augen allein würden Ihnen viele gläubige Anhänger verschaffen." Es mochten etwa fünf Minuten vergangen sein, seit er fort war, als Zillahs Blick zufällig auf Jeiteles fiel, der besorgt dreinsah. „Was ist denn los, Jeiteles?" fragte sie. „Ich weiss nicht," stammelte der Bursche, „aber ich wäre an Ihrer Stelle — freundlicher gegen den Herrn gewesen. Es ist der neue Polizeicommissär." „Und wenn er es ist?" lächelte Zillah. „Er kann Ihnen die Concession wegnehmen." „Und dann?" „Und dann wäre ich ohne Stelle und müsste nachhause zurück und mit den anderen hungern." HL Zillah sass müssig da, das Buch lag unbeachtet vor ihr; sie las etwas viel Interessanteres — nämlich ihre eigenen Gedanken, sie zog diese Leetüre, wie alle Menschen, die ein einsames Leben führen, jeder anderen vor. Einige Minuten später holte sie den verblichenen Rosa- Sonnenschirm mit dem gekrümmten Griff von dem hölzernen Nagel herunter, strich sich über das Haar und — war zum Ausgehen bereit. „Jeiteles," rief sie von der Schwelle zurück, „ich bin in einer Stunde zurück, gib gut acht, und iss nicht zuviel Sirup!" Rasch schritt sie die Strasse hinab, und bald hatte sie den Waldessaum erreicht- Sie hielt sich im Schatten der Bäume. Es war still wie im Grabe: wenn sie jetzt ihr Herz nicht von seinen Zweifeln befreien konnte, dann würden sie wohl erst im grossen Dunkel der Ewigkeit gelöst werden. Hinter ihr ertönte der Klang eines Pferdehufs, aber das beunruhigte sie nicht. Sie kannte niemanden, der ein Pferd und noch dazu in solchem Galopp ritt, sie fürchtete also keine Störung. Der Reiter hatte sie eingeholt, warf ihr einen raschen Blick zu und hielt mit einem Ruck. Was ihr darauf zuerst zum Bewusstsein kam, war, dass er abgestiegen war und neben ihr einhergieng; das erhitzte Thier führte er am Zügel. „Guten Tag," sagte er vergnügt. „Das ist ein glücklicher Zufall — jetzt kann ich meine Schuld bezahlen." Sie sah ihn an, ihre Augen waren fast in gleicher Höhe mit den seinen. Ihr Gesicht war von einem rosigen Schimmer übergössen, doch das mochte nur der Wiederschein des Rosa- Sonnenschirms sein. „Aber Sie haben ja für das Geld nichts bekommen, da Sie den Fisch nicht assen," sagte sie, „Das ist wahr, aber meinem Phylax hat er ungeheuer geschmeckt. Sie hätten hören sollen, wie er nachher bellte — es klang wie ein Dankgebet. Apropos, gehen Sie oft — allein spazieren?" „So oft sich die Gelegenheit dazu bietet," antwortete sie unsicher. Sie dachte, was wohl nach Jeiteles' Ansicht geschehen würde, wenn sie nicht „freundlicher gegen den Herrn wäre". Er konnte ihnen die Concession wegnehmen. Nun würde das für sie nicht von solcher Bedeutung sein — sie konnten von dem Inhalt dos eichenen Geldschrankes leben; aber Jeiteles würde seine Stelle verlieren und verhungern müssen. Sie entschloss sich also um des armen Jeiteles willen, dem Commissär nichts nachzutragen, sondern freundlich gegen ihn zu sein. „Ja, in solch kleinen Orten, die die reinen Nussschalen sind, hat man keinen Platz zum Alleinsein," sagte er unvermittelt. „Ich bin erst seit vierun dz winzig Stunden hier und ringe schon nach Athem. Deshalb bin ich in den Wald galoppiert." „Weiter unten ist der Weg ausgezeichnet," konnte sie sich trotz ihres Entschlusses nicht enthalten, zu bemerken. „Ach, so schnell werden Sie mich nicht los," lachte er, „der Weg weiter unten soll nur warten, er wird dadurch nicht schlechter werden, und da ich wohl längere Zeit werde hierbleiben müssen, kann ich seine Bekanntschaft auch später machen." „Wenn Sie nicht inzwischen an Athemnoth sterben." scherzte sie. „So arg ist es nicht," erwiederte er, „ich habe natürlich die geistige Atmosphäre gemeint. Andererseits haben kleine Städte auch ihre Vortheile. Man kann da zum Beispiel sein Geld nicht verschwenden — höchstens auf Flunder." Sie Hess den Scherz unbeachtet. „Sein Geld nicht, aber seine Zeit," sagte sie ernst. Was sie aber wirklich sagen wollte, war: „Seine Jugend." „Zeit, Zeit," rief er mit einer raschen Handbewegung aus, „was ist Zeit, wenn man sich in den Zwanzig befindet? Da hat man das Gefühl, als sollte man sie mit vollen Händen verschwenden. Es ist Zeit zu sparen, wenn man alt und der Vorrath knapp wird." Sie gab keine Antwort. Sollte sie ihm sagen, dass sie auf jeden Tag, auf jede Stunde eifersüchtig war, die so rasch vergieng und sie immer auf derselben Stelle liess? „Warum sehen Sie so traurig aus? Sie sind doch noch nicht sehr alt," begann er halb scherzend, halb im Ernst. „Nicht sehr, und wenn ich es selbst wäre, so würde das für mich keinen Unterschied bedeuten," gab sie ausweichend zur Antwort. „Sie sehen aber doch sehr traurig aus," beharrte er, indem er die Gelegenheit benützte und sie prüfend anblickte, „ich habe es schon bemerkt. Wissen Sie, als ich fortgieng hatte ich die Empfindung, als wären Sie mir gar nicht fremd, als hätte ich Sie schon jahrelang gekannt." „Ich verstehe nicht," sagte sie. „Ich habe es selbst nicht verstanden, die Aufklärung kam erst nachträglich. Ich habe nämlich so viele von Ihren Schwestern kennen gelernt — ich meine Frauen Ihres Stammes. Ich bin ihnen in allen Weltstädten begegnet — in St. Petersburg, in Berlin, in Paris. Sie waren alle schön und alle traurig, trotz ihrer Diamanten und Kronen. Sie erinnern mich an sie. Und warum nicht? Haben Sie nicht auch ihre Schönheit und Schwermuth von den Frauen geerbt, die einst klagend an den Wassern von Babel sassen?* „Ich bin wie sie, sagen Sie?" wiederholte Zillah. „Jawohl, nur dass Sie sie in beiden Dingen übertreffen. Wie Sie wohl mit Diamanten geschmückt aussehen würden!" Tief aufathmend blieb sie stehen.

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