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Die Welt · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Article
Die ersten Tage des IV. Zionistencongresses
Date
1900-08-17
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33 „Die & Umgebung in Betracht, die die Juden meistenteils zwinge, sich, zum Zionismus zu bekennen. Der Zionismus bedeute Leben, schloss Nordau, und weil der Zionismus Leben sei, müsse er Regung und Kampf sein, wie jedes Leben. Hierauf sprachen noch: Dr. Kohan-Bernstein, der der „Engl. ZionistFederation" den Dank der auswärtigen Delegierten für die Veranstaltung dieses Meetings aussprach, ferner Prof Rieh. Grottheil im Namen der amerikanischen Zionisten und Mr. Clarence J. de Sola im Namen der Zionisten von Canada, die, obgleich tausende von Meilen von hier entfernt, doch im Geiste an dem heutigen Meeting theilnehmen. Schliesslich richtete noch Sir Francis M o n t efiore eine kurze Ansprache im Namen der „English Zionist Federation* an die Versammelten, in der er für den überaus imposanten Besuch dankte, worauf Dr. G a s t e r nach einigen warmen Schlussworten das Meeting für geschlossen erklärte. Der Chor stimmte sofort, als Dr. G a s t e r geendigt hatte, das „God save the Queen" an, welches, sowie die später angestimmte hebräische Nationalhymne „Od lo av'dah thikvathenu* von der Versammlung stehend mitgesungen wurde. Nachdem noch die Entfaltung der blauweissen Fahne mit dem Zionsembleme zu Jubelausbrüchen Anlass gegeben hatte, löste sich die Versammlung endlich auf. Nunmehr begaben sich die Delegierten in die unweit gelegene Kings Hall, wo sie von der „English Zionist Federation" bewirtet wurden. Zeitungsstimmen. London, 12. August. Heute haben „Times", „Standard", „Observer" etc. etc. sehr günstige Aufsätze über das gestrige Meeting gebracht. „Times" sagen, Scenen, wie die von gestern abends, habe London noch nie erlebt. — Eben haben sich die Landsmannschaften constituiert, dann finden die Vorconferenzen statt. Nachmittags ist Fest im Botanical Garden. Die Sitzung des grossen Actions-Comites. London, 12. August. Heute vormittags trat das grosse Actions-Comite zu einer Sitzung zusammen. Die Garden Party. London, 12. August. Heute nachmittags fand in den herrlichen Gartenanlagen des Regents Park das von der „E. Z. F." den Delegierten zu Ehren veranstaltete Gartenfest statt, dem fast sämmtlicheDelegierten, darunter auchDr.Herzl.Dr. Nordau, sowie Mr. J. Z a n g w i 11, beiwohnten. Als Vertreter der „E. Z. F.* machte Sir Francis Monte fiore die Honneurs. Während des ganzen Nachmittages herrschte eine sehr animierte Stimmung. Kurze Ansprachen wurden gehalten, hebräische und Jargon-Lieder wurden angestimmt, indes Erfrischungen aus dem Büffet umhergereicht wurden. Zum Schlüsse wurden mehrere Gruppen photographisch aufgenommen, darunter die Gruppe der russischen Rabbiner und der am Congresse anwesenden Pressvertreter. Dr. Herzl, Dr. Nordau und Mr. J. Z a n g w i 11 Hessen sich desgleichen auf einem Bilde autnehmen. Die Eröffnung des Gongresses. (Original-Telegramm der „Welt".) London, 13. August. Soeben, präcise 10 Uhr vormittags, wurde derCongress im Beisein von ungefähr vierhundert Delegierten feierlich eröffnet. Die Gallerien sind zum E r d r ü c k e n voll. G e s p a n n t e Erwartung auf allen Mienen. Herzl spricht englisch. (Die Rede bringen wir an der Spitze des Blattes.) Nordaus Rede. Als der tosende, minutenlange Applaus nach Herzls Rede verrauscht war, constituierte sich das Bureau. Nunmehr nahm Max Nordau das Wort zu seinem Referate über die allgemeine Lage der Juden. Auch in Nordaus Rede bildete den Haupttheil die Erörterung der Nothlage unserer Brüder in Rumänien. Zitternd und von tiefer Erregung verschleiert tönte die Stimme des Redners, als er den rumänischen Exodus schilderte und den namenlosen Jammer der Heimatlosen, die von einem Land i ins andere „geschoben" werden. Wohl noch niemals hat Nordau den Congress so urgewaltig hingerissen. Sassen doch droben auf der Welt" Seite 5 Gallerie gläubig und vertrauend so viele von ihnen, die von der Verzweiflung in die Ferne gejagt worden sind und nun im Londoner Sweating ein mühseliges und beladenes Dasein fristen. Nordau schloss seine Rede mit dem Appell an die uns noch Fernstehenden: Besinnet Euch, öffnet die Augen den Thal Sachen, beherziget die Lehre der rumänischen Katastrophe. Es wird noch schlimm kommen: Was werdet Ihr anfangen wenn 7S0.000 galizischer, wenn Millionen russischer Juden die Wanderung antreten? Gewiss, Ihr könnt die Landesgrenzen sperren. Ihr werdet es nicht thun, ich denke besser von Euch. Seht, wir nahen Euch in Liebe. Arbeitet mit uns. Thutfür Euer eigenes Volk ein Hundertstel dessen,was Ihr für fremde Völker gethan habt Ihr habt Eisenbahnen gebaut, Felsen durchbohrt und Meere verbunden; Ihr könnt handeln, darum verlasset Euer Volk nicht! Und lehrt Euch das rumänische Unglück dies Handeln, dann werden wir die armen rumänischen Brüder als das Sühnopfer preisen, das uns wieder geeinigt hat _ Berliner Brief. In Könitz ist's ruhig geworden. Die militärische Einquartierung hat unmittelbar Wunder gewirkt und von Unruhen verlautet nichts mehr. „Staatsbürger-Zeitung" und „Germania" sind in Anklagezustand versetzt, und der Zorn der Antisemiten ist gross. Sehr mit Unrecht. Denn ihre Agitation hat wieder einen ganz hübschen Erfolg zu verzeichnen. Zunächst mal ist in Westpreussen und Pommern die judenfeindliche Stimmung in rapidem Anwachsen, dann aber trifft es sich merkwürdig, dass seit Wochen die jüdischen Justizbeamten nicht mehr Commissorien erhalten, nach S—lüjähriger Dienstzeit plötzlich ohne Diäten verwendet werden und ihnen die Versetzung in die grossen Städte verweigert wird. „Jedem das Seine." sagt der preussische Wappenspruch, das heisst: nichts für die Juden, als Pflicht. In Preussen gibt es keinen Antisemitismus plebejischer Art nach Wiener Muster. Bewahre. Der aristokratische wirkt weit sicherer und stösst zudem ästhetisch veranlagte Seelen nicht ab wie grobes Strassengeheui! Während dessen reist man ruhig ins Bad, erholt sich von den Mühen des Alltags und liest mit einer gewissen inneren Befriedigung, dass es anderswo, in Rumänien und Marokko, noch schlimmer aussieht. Was sind wir doch für zufriedene Gemüther! Wieviele erholten sich ordentlich beim Anblicke der traurigen Auswandererzüge, die hier passierten. Denn erfreulich wächst die eigene Persönlichkeit empor, wenn man constatiert, dass es noch schlimmere Parias der Gesellschaft gibt Dann greift man gerne in die Tasche und wird selbst wohlthätig. Und das ist immerhin eine Tugend unserer norddeutschen Juden, von der man anderswo viel lernen könnte. Mit Staunen liest man hier, dass die Mittel für die rumäuischen Juden in Oesterreich nicht reichlicher fliessen! Wir haben doch in den Achtzigerjahren eine weit schlimmere Auswanderungsflut aus Russland über uns ergehen lassen müssen. Aber damals wetteiferte alles — selbst ^iie Damen der Gesellschaft — um Hilfe zu bringen, und gewaltige Summen wurden gespendet. In Berlin und Hamburg ist unermüdlich gearbeitet worden, und zahllosen Personen hat man die Fahrkarten nach Amerika bezahlt Auch jetzt regt sich wieder der Wohithätigkeitssinn der Bevölkerung, ein Comite hat sich bereits gebildet und Geldsammlungen eingeleitet Auch die Vereinigung Jüdischer Studierender hat sich erfolgreich an der Agitation betheiligt und nicht unerhebliche Geldmittel aufgebracht, die das augenblickliche Bedürfnis überstiegen. An Möglichkeiten für die Verwendung wird es leider allerdings in Zukunft nicht mangeln. Der Zionismus hat hier in letzter Zeit insofern ein erfreuliches Ereignis zu verzeichnen, als endlich

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