Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Article
Die ersten Tage des IV. Zionistencongresses
Date
1900-08-17
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315885-3371835--21381-3371961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 „Die Welt" Kr, 33 heben ist der Beschlüss, während der Dauer des Ccmgresses hier in London alltäglich ein Congressbulletin in russischer Sprache erscheinen zu lassen und mit deren Redaction ein Comitö, bestehend aus den Vertretern des „Woschod" am Congresse, den Herren Winz, Sukolnikow und Schmi, sowie den Delegierten Dr. Luri6, Dr. Levin, Ingenieur Ussischkin und Schriftsteller Kleinmann, zu betrauen. Die erste Nummer ist-bereits erschienen und enthält ausser dem Berichte über die russische Vorconferenz auch noch ein Gedicht: „Zur Begrüssung des Congresses" aus der Feder L. Jaffes. Ferner enthält dieses erste Bulletin, das auch an die russische Presse versandt werden soll, die wohlgelungenen Porträts von Dr. Herzl, Doctor Nordau und Prof. Mandelstamm. London, 11. August. An dem Sabbath-Gottesdienste in der New Synagogue nahm die Mehrzahl der in London anwesenden Delegierten theil und mehrere von ihnen wurden zur Thora gerufen. Dr. Herzl war durch ein Unwohlsein, das ihn die ganze Woche über ans Bett gefesselt hielt, am Erscheinen verhindert. Das Massenmeeting in der Great Assembly Hall. London, 11. August. Grosse, blaubedruckte, weisse Placate beriefen die Judenschaft des Eastend für heute abends in die Great Assembly Hall. „Kommt", hiess es in diesen Jargonplacaten, „in Massen in die Great Assembly Hall, um den Männern, die von allen vier Enden der Welt hierhergekommen sind, über die Lage der Juden zu beratschlagen, ein herzlich jüdisches .Schalom Aleichem" zu entbieten!" Für 9 Uhr war der Beginn des Meetings angesetzt; um 8 Uhr war in der mächtigen, mehr als jäQQQJPersonen fassenden Grer.t Assembly Hall kein Plätzchen mehr frei, und vor den Saaleingängen herrschte ein geradezu beängstigendes Gedränge. Immer wieder kamen neue Nachzügler, die sich absolut nicht dazu verstehen wollten, draussen zu bleiben. Die Policemen hatten rechte Mühe, in diesem Menschenknäuel auch nur halbwegs Ordnung zu stiften und diejenigen, die mehr keinen Einlass finden konnten, zum Weggehen zu bewegen. Einige Minuten nach 9 Uhr betrat Dr. Gast er, stürmisch begrüsst, die Tribüne, um das Meeting zu eröffnen und dem Sprecher der „English Zionist Federation", Mr. C o w e n, das Wort zur Begrüssung der so zahlreich erschienenen Delegierten zu ertheilen. Kaum hatte Mr. Cowen zu sprechen begonnen, als die Menge Max Nordau erblickte, der soeben in den Saal getreten war. Das Erscheinen Dr. N o r d a u s war das Signal für den Ausbruch eines elementaren Begeisterungssturmes, der auch den Kühlsten mitreissen musste und jedem Zuschauer unvergesslich bleiben wird. Die Menge, die in dem Saale und auf den Gallerien Kopf an Kopf gedrängt stand, jubelte Doctor Nordau zu. Ein „Hurrah!" übertönte das andere. Tücher wurden geschwenkt. „Vivat Nordaul* „Hoch Nordau!", hallte es durch den Saal; dazwischen Händeklatschen, Füssestampfen, das gar kein Ende nehmen wollte, trotzdem Dr. Nordau anhaltend abwinkte .... Endlich trat Ruhe ein und Mr. Cowen konnte seine Rede fortsetzen. Doch kaum sprach er einige Sätze, als sich die Scenen von vorhin in verstärktem Masse wiederholten: Dr. Herzl war in dem Saal erschienen. Vergebens wehrt Dr. Herzl den Beifall ab. Er erreicht damit nur, dass die Kundgebungen noch stürmischer werden. Der aus der Londoner zionistischen Jugend gebildete Chor, der auf der Gallerie postiert ist, fällt mit einem „Baruch haba" ein, das unten im Saale stürmischen Wiederhall findet. Nach einigen Minuten tritt endlich doch Ruhe ein. Mr. Cowen kann seine in englicher Sprache gehaltene Rede beendigen. Besonders deren Schluss fand vielen Beifall, in dem Mr. Cowen ausführte, dass die englischen Zionisten, die gewiss gute Bürger ihres Landes sind, in der zionistischen Arbeit nichts fänden, was gegen den Patriotismus verstösst Sodann ergriff Mr. J. Zangwill, der berühmte Novellist, das Wort, um — wie er sagte — die zionistischen Delegierten im Namen derjenigen englischen Juden zu begrüssen, die sich zwar der Ausführbarkeit der zionistischen Idee gegenüber ein klein wenig skeptisch verhalten, die aber dessenungeachtet der Energie und Ausdauer der zionistischen Führer alle Anerkennung zollen müssen. Insbesondere seinem Freunde Dr. Herzl gebüre alles Lob. Wenn er, Zangwill, auch von der Nothwendigkeit des Zionismus für grosse Schichten des jüdischen Volkes vollauf überzeugt sei, könne er als aufrichtiger Mensch von seinem Zweifel kein Hehl machen, ob der Congress etwas Positives leisten und ob er zumal die Idee ihrer Realisierung näher bringen wird. Nach Zangwill sprach Dr. G a s t e r, der gegenüber Zangwill betonte, mit festem Willen und energischem Zielbewusstsein lasse sich alles erreichen. Redner schlägt dem Meeting die folgende Resolution vor : „Die heutige Versammlung englischer Zionisten begrüsst mit dem Gefühle aufrichtigster Freude die aus der Ferne gekommenen Gesinnungsgenossen, bekundet aufs neue ihre Treue zur grossen Sache und wünscht vom ganzen Herzen, dass der Segen des Allmächtigen auf den Verhandlungen des IV. Congresses ruhen möge." Die Resolution wurde mit grosser Begeisterung einmüthig zum Beschlüsse erhoben. Nun ergreift, mit einer Applaussalve begrüsst, Dr. Herzl das Wort, um in deutscher Sprache ungefähr Folgendes auszuführen: Er habe eigentlich bis zum letzten Momente geglauot, der Rede, die er nunmehr halten müsse, entschlüpfen zu können. Er habe sich überhaupt derart unwohl gefühlt, dass seine Theilnahme an dem heutigen Meeting in Frage stand. Da er aber nun einmal schon da sei, möchte er seinem Freunde Zangwill in einigen kurzen Worten für die äusserst liebenswürdigen Worte danken, die er ihm gewidmet hat. Das könne ihn aber keineswegs daran hindern, Mr. Zangwills Ausführungen im grossen und ganzen zu widersprechen. Mr. Zangwill fragt, ob der Congress praktische Resultate zeitigen wird. Nun, das könne er ihm heute noch nicht mit Bestimmtheit sagen, denn er sei, entgegen den Ausstreuungen der Witzblätter, kein Prophet.. Das hänge ganz von uns selbst, das hänge ganz vom Congresse ab. In acht Tagen erst, wenn der Congress gewesen sein wird, werde er Mr. Zangwill sagen können, was der Congress Positives geschaffen habe. Aber sei denn das nicht schon etwas Positives, dass der heurige Congress weitaus zahlreicher beschickt ist als die früheren? Er könne Herrn Zangwill versichern, dass das heutige Londoner Meeting nicht das einzige sei, vielmehr heute in allen Enden der Welt, in Südafrika, in Canada, ja selbst in Sibirien, unzählige Säle sich mit Juden füllen, die alle zur Begrüssung des Congresses zusammenkommen. Legt das nicht ein beredtes Zeugnis ab von der Lebensfähigkeit, von der Nothwendigkeit der Idee? Und wenn wir das Volk für uns haben, dann dürfe an der Realisierbarkeit der Idee nicht gezweifelt werden. Das verflossene Jahrhundert sei reich an nationalen Wiedergeburten. Er erinnere an Italien, an Deutschland, an die kleinen Balkanstaaten. Das habe alles so thöricht begonnen, wie unsere Bewegung: mit Bändern, mit Fahnen, mit Liedern. Bis dann etwas sehr Starkes vorhanden war: ein Wille, ein gemeinsamer Wille. Er hoffe, dass der auch bei uns bald vorhanden sein wird. In dieser Hoffnung bestärken ihn solche Meetings, wie das heutige. Und deshalb schöpfe er aus ihnen neue Zuversicht und neue Hoffnungen. Dr. Herzl schloss: „Wir sind nichts als die Träger einer Fahne, die einmal in anderen Händen und hoffentlich über einem glücklichen Israel wehen wird!" Nach Dr. Herzl hielt Prof. Mandelstamm eine kurze Ansprache an die Versammlung. Dr. Alexander Marm o r e k hob Zangwill gegenüber hervor, der Zionismus habe wahrlich genug erreicht, wenn er über die zerstreuten Glieder des jüdischen Volkes das Band der Einigkeit schlingen konnte. Der Redner befürchtet, dass einst viele Väter erröthen werden ob der Frage ihrer Kinder, ob sie auch mit dabei waren, als im jüdischen Volke das Volksbewusstsein sich zu regen begann. Nach Dr. Marmorek sprach Zangwill zum zweitenmale. Er meinte, sowohl Dr. Marmorek, wie sein Freund Doctor Herzl hätten ihn durchaus missverstanden, wenn sie in seinen Ausführungen eine Spitze gegen den Zionismus finden. „Wenn es übrigens zur Auswanderung kommen wird," erklärte Zangwill zum Schlüsse, „so bin ich einer der ersten!" Nachdem sodann noch Frau Prof. Gottheil dem Meeting die Grüsse der amerikanischen Frauen überbracht hatte, ergriff Dr. Max Nordau, lebhaft acclamiert, das Wort. Er sprach, wie er vorausschickte, zum erstenmale in einer Versammlung englisch. In der That, es bedurfte dieser Bemerkung, sonst wäre niemand darauf gekommen; denn Nordau sprach englisch mit einer Perfection, als hätte er jahrelang im englischen Parlamente gesessen. Er führte unter anderem aus, er wolle nicht die Komödie der Bescheidenheit spielen und sagen, er sei ganz verwundert über den herzlichen Empfang, den man ihm und seinen Collegen vom Actionscomite bereitet habe. Er wisse wohl, dass der Applaus nicht ihm und seinen Collegen gelte, sondern der Idee, die sie vertreten. Der Zionismus setze sich aus zwei Elementen zusammen. Erstens seien es die Gefühle, die die Juden auf den Zionismus bringen. Dann komme auch ihre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.