Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Article
- Eröffnungsrede Dr. Herzls
- Date
- 1900-08-17
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 „Die 2& Welt«* Seite 3 eine ernste Mahnung sein. Wir dürfen uns nicht damit begnügen, dies als eine Bestätigung der Richtigkeit unserer Theorien anzurufen. Wir müssen auch Praktisches daraus folgern. Nicht mehr sollen in der Zukunft solche verzweifelte Auswanderer auf die unsichere Gnade der Wohlthäter angewiesen sein. Dieser Congress möge eine seiner Aufgaben in der Einleitung solcher wirtschaftlicher Organisationen erblicken, durch die unsere Zionisten sich künftie den gegenseitigen Beistand in Nothfällen einigermassen gewährleisten. Durch kleine Opfer, die sich der einzelne auferlegt, kann er die Gesammtmacht stärken, die vielleicht auch ihm eines Tages zustatten kommt. So erwirbt man ein Recht auf Hilfe und braucht dann keine Gnade mehr. Mühsam ist unser Gang und schmerzensreich, jawohl. Aber daran wird sich nur unser Muth und unsere Treue erproben. Die Hascher nach augenblicklichen Erfolgen sollen sich nur wieder von unserer Fahne wegstehlen. Und wenn der endliche Erfolg noch eine Weile auf sich warten Iässt, so werden wir inmitten der materiellen Noth unseres Volkes wenigstens einen moralischen Gewinn zu verzeichnen haben. Es wird bewiesen sein, dass das Judenthum noch einen Idealismus hervorbringt, der den Gefahren trotzt, die Entbehrungen erträgt und die grosse Geduld für grosse Ziele hat. Die ersten Tage des IV. Zionistencongresses. Erste Eindrücke. London, 8. August. Nächsten Montag soll die Eröffnungssitzung des Congresses stattfinden. Die Mehrzahl der Delegierten ist aber schon heute, also fast eine Woche vor Beginn des Congresses, in London anwesend, und jeder Eisenbahnzug bringt Scharen neuer Ankömmlinge. Die Delegierten und Gäste werden auf den Bahnhöfen von Mitgliedern des Londoner Empfangs-Comites erwartet und ins Congressbureau geleitet, wo ihnen Wohnungen angewiesen werden. Auch viele Delegierte lassen sich's nicht nehmen, bei Ankunft der Züge auf dem Bahnhofe zu sein und die neuen Ankömmlinge zu begrüssen. Da entwickelt sich alsbald ein reges Leben und Treiben. Alte Bekanntschaften werden aufgefrischt, neue angeknüpft. Das Gesprächsthema ergibt sich ja von selbst:„D er Zionismus. Und sofort bilden sich lebhaft discutierende Gruppen. Die Mehrzahl der Ankömmlinge zieht es vor, den Weg bis zum Congressbureau zufusse zurückzulegen, um das bewegte, reizvolle Strassenbild der Riesenmetropole aus unmittelbarster Nähe anzuschauen. Eitler Vorsatz: Einmal in die Discussion mit gleichgesinnten Freunden vertieft, hat man kein Auge für all die Reize der Strasse, und wenn man sich durch das Häusermeer endlich bis ins Congressbureau durchgewunden hat, macht man die augenblicklich frappierende Wahrnehmung, dass man von London eigentlich noch gar nichts gesehen habe .... * Im Congressbureau in der Nicholas Laue ist ein Heer von Beamten, mit dem unermüdlichen Manager Mr. J. de Haas an der Spitze, Tag und Nacht fast ununterbrochen an der Arbeit. Masseuhaft laufen Anfragen von Delegierten ein, die alle prompt erledigt werden wollen. Wohnungen sollen für Delegierte und Gäste gemietet werden, und auch sonst müssen die Beamten des Congressbureaus den Delegierten und Gästen, die ja zumeist in London ganz fremd sind, mit Rath und That an die Hand gehen. Die Vprtreter der verschiedenen Journale sprechen vor, um sich für die Journalisten-Tribüne vormerken zu lassen. Bei dieser Gelegenheit möchten sie auch gerne Informationen über die Grösse der Bewegung, die Zahl der Delegierten etc. haben. Trotz des ungeheuren Arbeitspensums, das in den paar Tagen noch bewältigt werden muss, stehen die Beamten des Congressbureaus einem jeden mit der grössten Liebenswürdigkeit Rede und Antwort. — In Londoner jüdischen Kreisen, speciell in denen des Westend, die bisher unserer Bewegung kühl bis ans Herz hinan gegenüberstanden, äussert sich das lebhafte Interesse für den Congress in den verschiedensten Formen. Insbesondere tritt diese allgemeine Theilnahme in der grossen Anzahl der Gesuche um Galleriekarten zutage. Die Gesuche stammen zum grössten Theile von den Bewohnern des Westend. * London vereinigt in sich, wie kaum eine zweite Gt ossstadt, die extremsten socialen Gegensätze. Um diese zu bemerken, braucht man bloss eine kleine Wanderung von dem Westen der Stadt nach deren Osten zu machen. Hier blendende, verschwenderische Pracht, dort drückende, crasse Noth. Und jft weiter man ins Eastend vordringt, desto mehr Elend bekommt man zu sehen — jüdisches Elend. Denn die Ostseite Londons wird in überwiegender Anzahl von Juden bewohnt. Dieser Stadttheil hat auch in der That eine ausgesprochen jüdische Physiognomie. Halbnackte jüdische Kinder lungern da herum, und auf Schritt und Tritt begegnet man zarlumpten, bärtigen alten Juden, sowie bleichen, abgehärmten jüdischen Frauen, die den Vorübergehenden in kreischendem Tone ihren armseligen Kram, meistentheils Obst und Süssigkeiten, anbieten. An den Strassenecken laden Placate mit riesengrossen hebräischen Lettern die Bevölkerung des Eastend zur Besichtigung verschiedener „Sehenswürdigkeiten" ein, und aus dem Lärm der Strasse heraus kann man die typischen, schrillen Zischlaute des Jargon, des „Yiddish", wie es hier genannt wird, ganz deutlich vernehmen: jüdische Camelöts rufen die Penny- und Half Pennj'-Jargonzeitungen in marktschreierischer Weise aus, indem sie die Ueberschriften der einzelnen „sensationellen* Artikel mehreremale hintereinander laut ableiern. Um einen halben Penny kann man da erfahren: „Was die Boxers in China für die allernächste Zeit planen", ferner von „schrecklichen Judenmassacres in Rumänien", und schliesslich von den „27 gefährlichen Anarchisten, die kürzlich verhaftet worden sind". Mit einer wahren Gier verschlingt die jüdische Bevölkerung des Whitechapel dieses Lesefutter. In den Tramways und Omnibussen, an den Strassenecken und. vor ihren Warenständen kann man in die Leetüre dieser Sensationsblätter vertiefte Juden sehen. Dem continentalen, westlichen Juden ist das ein gar befremdlicher Anblick: Leute, die Zeitungen mit hebräischen Lettern auf oifener Strasse lesen; dem Londoner christlichen Gentleman ist dies das Selbstverständlichste von der Welt, ebenso selbstverständlich etwa, wie dass er selbst sein englisches Leibblatt im Strassen bahn wagen liest. Die Vorversammlungen. London, 9. August. Die russische Delegation ist heuer besonders zahlreich. Bis zur Stunde sind mehr als -2(H) Delegierte aus Russland anwesend. Ihre erste Voroonferenz hielt die russische Landsmannschaft heute unter dem Vorsitze von Leo M o z k i n ab. In derselben erstattete Herr Dr. Kohan- Bernstein den Rechenschafts - Bericht der russischen Leitung, und er konnte constatieren, dass unsere Bewegung sich heuer in Russland nicht nur verbreitet, sondern auch vertiefe hat. An den Rechenschafts-Bericht Dr. Kohan- Bernsteins knüpfte sich eine stellenweise recht lebhafte Debatte, an der sich unter anderen die Delegierten Professor Belkowsky. Dr. Weizmann, Ingenieur Temkin, Rabbiner Rabbinowitz (Sopotzkin) und Rabbiner R az o w s k i (Swenzian) betheiligten. London, 10. August. Die russische Vorconferenz wurde auch heute fortgesetzt und soll Sonntag ihren Abschluss finden. Hervorzu-