Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Article
- Eröffnungsrede Dr. Herzls
- Date
- 1900-08-17
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die z£ Welt'« Nr. 33 Diese Worte von 1898 machen heute geradezu den Eindruck der Banalität, so sehr sind sie durch die Ereignisse der letzten Monate bestätigt worden. Das asiatische Problem wird von Tag zu Tag ernster, und ich fürchte, eine Zeitlang auch recht blutig wei den. Damit wächst aber auch das Interesse der Culturvölker daran, dass auf dem Wege nach Asien, auf dem kürzesten Wege nach Asien eine Culturstation geschaffen werde, die allen civilisierten Menschen zustatten kommen wird. Diese Station ist Palästina, und die Culturträger, die Gut und Blut daransetzen wollen, sie zu errichten, sind wir. Alle politischen Köpfe müssen blitzschnell begreifen, dass hierin eine wertvolle Gelegenheit geboten ist, Asien näherzukommen. Auf diese Culturstation, die das machtlose Volk der Juden unter der Oberhoheit Sr. Majestät des Sultans rasch errichten würde, brauchte keine Macht mit Besorgnissen zu blicken. Den Juden wäre geholfen, ' aber den anderen auch, und den grössten Gewinn hätte davon die Türkei. (Von hier ab setzt Dr. H e r z 1 seine englisch begonnene Rede deutsch fort.) Geehrte C o n gressmitglieder! England, das grosse, England, das freie, England, das über alle Meere blickt, wird uns und unsere Bestrebungen verstehen. Von hier aus wird die zionistische Idee ihren Flug noch weiter und höher nehmen, dessen dürfen wir sicher sein. Nun werden freilieh die praktischen Leute, die Neunmahveisen kommen und fragen, was denn damit gewonnen sei. Wir kennen diese Leute schon. Wir erinnern uns aller der Steine, die sie uns in den Weg gewälzt haben, aller Unannehmlichkeiten, die sie uns bereiten wollten und bereitet haben. Diese selben Leute sind es, die nicht genug fragen können, was wir denn eigentlich geleistet haben, wo wir denn schon halten, wann wir denn endlich ans Ziel kommen werden. Wenn sie uns mit all ihren Kräften geholfen hätten, statt uns mit all ihren Kräften zu behindern, könnten sie nicht gieriger fragen. Die am Bau mitthätig sind, von den ersten bis zu den letzten, von den Bauleitern und Gehilfen bis zu den bescheidenen treuen Ziegelträgern fragt keiner so viel. Wir wissen das eine, dass wir arbeiten müssen, und wir thun es unverdrossen, hoffnungsstark und begeistert. Wir bauen, wir bauen, und unser Bau wächst. Das Halbfertige zu verstehen, ist nicht jedermanns Sache. Ich bin aber darüber beruhigt, dass auch diejenigen Juden in unserem schönen Hause werden wohnen wollen, die heute mit einem bösen Lächeln und mit den Händen in den Hosentaschen abseits stehen. Eine positive Frage gibt es, der wir durchaus nicht ausweichen wollen. Haben wir den Charter zur Besiedlung von Palästina bereits erhalten? Darauf antworten wir ganz laut und vernehmlich: Nein. Eine andere Frage ist es, ob wir dennoch weiter hoffen, weiter streben, weiter arbeiten dürfen, um ihn zu erlangen? Darauf antworten wir ebenso laut und vernehmlich: Ja! Unsere Ansprüche und Anträge haben umsomehr Aussicht, in Wirklichkeit überzugehen, je mehr wir sind und je gewaltiger unsere Kräfte werden. Wir dürfen schon heute recht zufrieden sein mit der Aufnahme, die unsere Aspirationen in den Kreisen der Mächtigsten dieser Erde gefunden haben. Verlangen Sie nicht mehr als diese Andeutung von Ihrem Actions-Coinite, zu dem Sie in dieser Beziehung absolutes Vertrauen haben müssen. In allem übrigen wird es Ihnen Rede stehen. In einem Worte ist unsere Thätigkeit und ihre Fortgang zusammenzufassen: Wir organisieren die Judenheit für ihre kommenden Geschicke. Nun aber wollen auch wir einmal fragen. Und zwar wollen wir unsere jüdischen Gegner fragen, was sie eigentlich in diesen Jahren zur Erleichterung des ungeheuren Nothstandes unserer Brüder gethan haben. Wo sind ihre Resultate? Was haben sie erreicht? Welches Praktische haben sie geschaffen? Wir hören immer von Comites, von grossen Sammlungen und Stiftungen. Heraus mit den Ergebnissen! . Heraus mit den Leistungen! Wir möchten sie gerne bewundern und ihnen im Namen der Armen danken. Und das ist keine muthwittige Frage, sondern eine furchtbar ernste. Sie alle kennen den schauerlichen Anlass, diese rumänische Judenwanderung, die wie eine Blutspur durch Europa gezogen ist. Wo war da das bisherige officielle Judenthum, wo waren die protokollierten Grossen Israels, die Stützen der Gemeinschaft? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ein paar tausend Flüchtlinge wurden mit Ach und Weh weitergeschoben — und dann erklärt man sich unfähig, noch etwas zu thun. Die Nachfolgenden wurden zu Hunderten unter Anwendung von Waffengewalt zusammengestossen und in Extrazügen wieder an die Grenze zurückgeworfen, der sie unter Weherufen entkommen waren. Diese Extrazüge wareri die letzte Anstrengung der Barmherzigkeit. Wir hätten unter unseren Argumenten für den Zionismus bisher ein sehr starkes in dem Bankbruche der Assimilation. Wir haben da ein neues bekommen: die Insolvenz der Wohlthäter. Welche Insolvenz! Ja, wenn die reichen Leute die Zahlungen einstellen, dann geht viel verloren. Sie waren auf diese Katastrophe nicht vorbereitet, sagen die wohlthätigen Vereine. Das ist ihre Schuld. Sie brauchten nur die Gnade zu haben, den Verhandlungen unserer Congresse zu folgen. Auf dem ersten Baseler Congresse, im Jahre 1897, lagen die Petitionen von fünfzigtausend rumänischen Juden vor. Sie schrien aus äusserster Noth um Hilfe. Sie könnten es keine Stunde länger aushalten. Und sie haben es noch drei Jahre ausgehalten. Drei Jahre eines Massenelends, von dem man sich heute eine schaudernde Vorstellung machen kann, da man sie endlich wandern sieht Sie werden darüber in unseren Verhandlungen noch mehr hören. Nun sollte man meinen, dass dies alles, die crasse Noth, die Unmöglichkeit, die Flüchtlinge anderswo unterzubringen, das Scheitern aller früheren Hillsunternehmungen auch unsere verstocktesten Gegner davon überzeugen musste, dass einzig und allein wir Zionisten im Besitze des einzigen, des wahren Hilfsgedankens seien. Nein! Uns darf nicht Recht gegeben werden. Im Gegentheile, wir werden beschuldigt, diese jammervolle Wanderung angezettelt zu haben, damit wir Agitationsstoff bekommen. Wir erklären dies hiermit für eine Unwahrheit. Nie und nimmer haben wir eine solche planlose Wanderung irgendwohin angeregt oder befürwortet. Wir haben die unzähligen Anfragen der Wanderlustigen stets mit Mahnungen zur Geduld beantwortet. Wir haben vor den drohenden Katastrophen gewarnt, die wir ja leider voraussehen konnten, wenn Menschen ohne Plan, Ziel und Mittel aufbrechen. Als unser Abrathen nichts nützte und die von der Noth Gepeitschten zu wandern anfiengen, haben wir uns ihrer freilich dennocli nach unseren besten Kräften angenommen. Leider konnten wir nicht viel thun, da wir ja für wohlthätige Zwecke nicht vorgesehen sind. Aber diese Katastrophe, die schwerlich die letzte gewesen ist und die überhaupt noch andauert, soll auch uns Zionisten