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Die Welt · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Article
Altneuland
Date
1900-08-10
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 »Die j& Welt* Seite 15 „Nein," bekannte David offen; „das sage ich nicht. Es gibt noch andere Strömungen." „Aha! Das dachte ich mir auch gleich, verehrter Menschenfreund!" „Ich will Sie jetzt nicht mit unseren politischen Kämpfen langweilen. Die sind so wie überall in der Welt. Aber das kann ich Ihnen sagen: die Grundsätze der Menschlichkeit werden bei uns allgemein in Ehren gehalten. Und was die Religionen betrifft, Sie finden bei uns neben unseren Tempeln die Gotteshäuser von Christen, Mohammedanern, Buddhisten und Brahmanen. Die beiden letzteren Glaubensgesellschaften sind allerdings nur in den Seestädten vertreten, zum Beispiel hier in Haifa, in Tyrus, Sidon und in den grösseren Orten längs der Bahn, die nach dem Euphrat führt, etwa in Damäskus und Tadmor." Friedrich staunte: „Tadmor! Die Stadt Palmyra lebt wieder V" David nickte bestätigend: „Das grosse Schauspiel des allgemeinen Gottesfriedens werden Sie aber in Jerusalem gemessen. „Mein Kopf, mein Kopf!" stöhnte Kingscourt. „Wie soll man denn das alles auf einmal behalten?- Sie waren an einer Strassenkreuzung angelangt, wo der grössere Wagenverkehr eine augenblickliche Stauung verursachte. Das Automobil musste halten. Da erkannten sie, wie praktisch die Schwebebahn war. Unter den dicken eisernen Doppelgeleisen sauslen die grossen Kasten hoch in der Strassenmitte dahin, ohne die Fussgänger zu stören oder von ihnen gestört zu werden. Von diesem Punkte ihres erzwungenen Aufenthaltes blickten sie in mehrere Strassen. Die Mannigfaltigkeit der Baustile erfreute ihre Augen. Dann «rhng die Fahrt weiter durch lebhafte Stadtteile. Die Wohnhäuser waren zumeist klein und zierlich, offenbar nur für den Gebrauch der einzelnen Familie berechnet, wie man sie in belgischen Städten sieht. Umso stattlicher ragten die Kaufhäuser und die öffentlichen Gebäude, die als solche leicht erkennbar waren. David Littwak nannte ihnen einige im Vorüberfahren: das Seeamt, das Handelsamt, die Arbeitsvermittlung, die Unterrichts Verwaltung, das Amt für Elektricität. Ein grosser, heiterer Palast, dessen Vorderseite eine freskengeschmückte Loggia hatte, fesselte ihre Aufmerksamkeit. „Das ist das Bauamt," sagte David. „Hier haust Steineck, unser erster Architekt. Von ihm ist der Stadtplan entworfen worden.-4 „Der Mann hatte eine grosse Aufgabe," sprach Friedrich. „Gross, jawohl, aber auch freudig. Er durfte aus dem Vollen schaffen, wie übrigens wir alle. Nie in der Geschichte sind Städte so rasch und herrlich erbaut worden, wie bei uns, weil man nie vorher solche technische Mittel zur Verfügung hatte. Die Leistungsfähigkeit der Gulturmenschheit war ja in dieser Beziehung schon am Ende des neunzehnten Jahrhunderts kolossal. Wir brauchten nur die bekannten Dinge zu uns herüberzuverpflanzen. Wie das geschehen ist, werde ich Ihnen später noch erzählen." Sie waren jetzt in eine Villengegend der Stadt, gerathen. Der Fahrweg stieg an. Sie befanden sich auf dem Karmel. Hier standen schmucke Schlösschen inmitten duftender Gärten. An einzelnen Häusern maurischer Bauart bemerkten sie Holzgitter von engem Geflechte vor den Fenstern. David kam der Frage zuvor: „Hier wohnen einige vornehme Mohammedaner. Da sehen Sie gerade meinen Freund Reschid Bey." Vor dem schmiedeisernen Thore eines Gartens, an dem sie vorbeifuhren, stand ein schöner Mann von etwa fünfunddreissig Jahren. Zur dunklen europäischen Kleidung trug er das rothe Fez. Er grüsste nach orientalischer Art, indem er mit der Rechten den Luftschnörkel machte, der das Aufheben und Küssen des Staubes bedeutet. David rief ihm einige Worte in türkischer Sprache zu, worauf Reschid mit leicht norddeutscher Betonung zurückgab: „Wünsche eine recht an jenen nie Unterhaltung!" Kingscourt riss die Augen auf: „Was ist denn das für 'n Muselmännchen?" David lachte: „Er hat in Berlin studiert. Sein Vater war einer derjenigen, die den Vortheil der Juden ein Wanderung sofort begriffen. Er machte unseren ökonomischen Aufstieg mit und wurde reich. Reschid ist übrigens auch Mitglied unserer Neuen Gesellschaft." „Der neuen Gesellschaft?" wiederholte Friedrich. „Was ist das für eine?" Kingscourt setzte hinzu : „Hochgeliebter Mann, uns müssen Sie wie neugeborene Kälber in allem Wissenswerten unterweisen! Wir kennen weder die alte, noch die neue Gesellschaft." „Doch!" sagte David. „Die alte kennen oder kannten Sie. Unsere neue werde ich Ihnen vorstellen, bis wir mehr Müsse haben. Jetzt ist dazu nicht mehr Zeit. Wir sind gleich dort, wo Sie sich fortab zuhause fühlen sollen." Immer freier öffnete sich der Ausblick auf dem geschlängelten Wege. Nun lagen Stadt und Hafen von Haifa, die weite Bucht mit dein Gartenkranze und am anderen Ende Akka mit seinem Berghinteigrunde vor den entzückten Augen der Fahrenden. Und nun waren sie ganz oben auf der Nordspitze des Kaimel. Rechts und links, nach Norden und Süden dehnte sich das Gestade von Palästina, und vor ihnen weitete sich blau und goldig die endlose Fläche des Meeres. Weisse Schaumkärnme flatterten wie Möven darüber hin, dem hellbraunen Strande zu. David hatte den Wagen halten lassen, damit sie den einzigen Anblick genössen. Er stieg aus und die beiden folgten ihm. Er wandte sich zu Friedrich: „Sehen Sie, Herr Doctor. das ist das Land unserer Väter!* Und Friedrich wusste nicht, warum ihm bei diesen einfachen Worten des jungen Mannes die Augen von Thränen warm wurden. Doch war es eine andere Stimmung, als in jener Nacht von Jerusalem, zwanzig Jahre früher. Damals hatte er den mondbeglänzten Tod vor sich, und jetzt ein sonnenfreudiges Leben. Erblickte David an. Was war aus dem bettelhaften Judenjungen geworden! Ein frei und ernst schauender, gesunder, gebildeter Mann, der fest in seinen eigenen Schuhen zu stehen schien. Noch hatte David kaum eine Andeutung über seine eigenen Verhältnisse gemacht, aber es mochte ihm nicht schlecht ergehen, da er in dieser eleganten Gegend wohnte, wo es nur Villen und Schlösser gab. Er musste aber auch ein angesehener Bürger sein, denn sie hatten unterwegs bemerkt, wie viele Leute ihn grüssten. Selbst ältere Personen kamen ihm mit dem Grusse zuvor. Jetzt stand er mit einem Ausdrucke tiefen Glückes in den Mienen auf der Kannelhöhe und sah hin über Land und Meer Und jetzt erst glaubte Friedrich in dem freien Manne, den merkwürdigen Knaben von der Brigittenauer Lände zu erkennen, der einst gesagt hatte, er wolle zurück nach dem Lande Israels!

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