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Die Welt · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Article
Altneuland
Date
1900-08-10
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die j£ Welt" Ni. 32 Mirjam, die Sie als Wickelkind sahen ... Ich kam endlich auf den Einfall, Sie dem Kellner des Kaffeehauses zu beschreiben. Er erkannte Sie nach meiner Schilderung sofort und nannte mir Ihren Namen. Aber wie gross war mein Schmerz, als der Mann hinzufügte, Sie seien bei einer Bergbesteigung verunglückt, und die Blätter hätten ihren Tod gemeldet. .. Ich kann Ihnen sagen, Herr Doctor, wir haben um Sie viel geweint. Wir haben auch immer pünklich die Jahrzeit für Sie angezündet an dem Tage, den ich aus den Zeitungen herausgefunden hatte." -Jahrzeit? Was ist das?" fragte Kingscourt. Friedrich gab Auskunft: .Ein Brauch der Juden. Am Sterbetage des Hingeschiedenen zünden seine Angehörigen zum Gedächtnisse ein Licht an." „0, ich habe Ihnen viel, viel zu erzählen, lieber Herr Doctor!" sagte DavidLittwak. „Aber hier werden wir nicht stehen bleiben. Vor allem bringe ich Sie in mein Haus, das Sie von jetzt ab als Ihr eigenes betrachten werden. .. Kommen Sie, meine Herren!" „Und unser Boot, unsere Yacht!" David Littwak wandte sich zu einem livrierten Neger, der ihm in kurzer Entfernung nachgefolgt war, und gab leise einige Befehle, worauf der Diener verschwand. Jetzt sprach David zu seinen Gästen: „Alles ist besorgt. Das Boot wird nach der Yacht zurückkehren, und in Friedrichsheim wird man Ihre Aufträge abholen." „Wo?" David lächelte: „In Friedrichsheini. So heisst mein Haus. Sie ahnen schon, wem zu Ehren? Gehen wir, meine Herren! Das heisst. wir werden fahren." Er hatte bei aller Liebenswürdigkeit etwas Bestimmtes in seinem Tone. Kingscourt murmelte aber nicht unzufrieden: „Fritze, der übernimmt das Commando! Wollen mal sehen!" David Littwak hatte ein Automobil herangewinkt. Er bat die Herren, einzusteigen. Doch als er ihnen folgen wollte, wurde er von jemandem angerufen: „Herr Littwak, Herr Littwak." Er drehte sich um. „Ach, Sie sind's? Was wünschen Sie?" „In den Morgenblättern steht, dass Sie heute in Akka eine Versammlung abhalten. Ist es nicht wahr?" „Ich wollte eben hinüberfahren. Aber ich muss die Versammlung absagen. Ich habe heute Wichtigeres vor. Richtig, ich will noch rasch hiuübertelephonieren. „Darf ich es vielleicht für Sie thun, Herr Littwak?" „Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen." „Wahrscheinlich einen besonderen Besuch erhalten, Herr Littwak?" forschte der Eifrige, indem er mit dem linken Daumen über die Schulter hinweg nach dem Wagen deutete. David lächelte, antwortete aber nicht und nickte nur mit dem Kopfe. Dann rief er dem hintenauf sitzenden Heizer zu: „Nach Friedrichsheini!" „Dieses Gesicht kommt mir bekannt vor," sagte Friedrich, als der Wagen davonrollte. „Ich muss es in einer anderen Form gesehen haben, ohne grauen Backenbart, ohne den Kneifer auf der Nase." „Ja, er ist auch aus Wien, er hat mir oft von Ihnen erzählen müssen. Ich wollte ihn nur jetzt nicht herankommen lassen. Heute gehören Sie mir allein .. . Er war auch ein Gast des Cafe Birkenreis. Nun rathen Sie!" Eine Erinnerung blitzte auf. „Schiffmann!" sagte Friedrich lachend. „Wie, der ist auch hier?" -Der und viele, viele andere Juden aus allen Städten und Ländern." Kingscourt, der neugierig nach allen Seiten hinausblickte, warf jetzt die Frage ein: „Wollen Sie vielleicht sagen, dass die Rückkehr der Juden nach Palästina stattgefunden hat?" „Freilich will ich das sagen." „Donner und Gloria!" schrie der Alte. „Sie sind aus Europa ausgetrieben worden?" David erklärte freundlich lächelnd: „Nun, Sie dürfen sich das nicht so wie im Mittelalter vorstellen. Wenigstens in den Culturländern hatte es nicht diesen Charakter. Die Operation war zumeist unblutig. Den Juden wurde am Ende des neunzehnten und zu Anfang dieses Jahrhunderts das Verbleiben an ihren Wohnorten unleidlich gemacht." „Aha! Rausgeekelt?" „Die Verfolgungen waren socialer und ökonomischer Art. Boycott im Geschäftsleben, Aushungerung der Arbeiter, Aechtung in den freien Berufen, von den feineren moralischen Leiden gar nicht zu sprechen, die ein höher organisierter Jude um die Jahrhundertwende zu erdulden hatte. Die Judenfeindschaft war mit den neuesten, wie mit den ältesten Mitteln thätig. Das Blutmärchen wurde aufgefrischt aber gleichzeitig hiess es auch, dass die Juden die Presse — wie einst im Mittelalter die Brunnen — vergifteten. Die Juden wurden von den Arbeitern gehasst, als Lohnverderber, wenn sie ihre Genossen waren: als Ausbeuter, 'wenn sie die Unternehmer waren. Sie wurden gehasst, ob sie arm oder reich oder mittelständig waren. Man nahm ihnen das Erwerben, aber auch das Geldausgeben übel. Sie sollten weder producieren noch consumieren. Von den Staatsämtern wurden sie zurückgestossen, vor den Gerichten hatten sie das Vorurtheil gegen sich, überall im bürgerlichen Leben fanden sie Kränkungen. Unter diesen Umständen war es klar, dass sie entweder die Todfeinde einer von Ungerechtigkeiten strotzenden Gesellschaft werden oder nach einem Zufluchtsorte ausblicken mussten. Das letztere ist geschehen, und hier sind wir. Wir haben uns gerettet." „Altneuland!" murmelte Friedrich. „Jawohl, das ist es," sagte David Littwak ernst und bewegt. „Auf unserem alten, theuren Boden haben wir uns eine neue Gesellschaft eingerichtet. Sie werden sie kennen lernen, meine Herren." „Der Deibel, das ist furchtbar interessant. Da gibt es ungeheuer viel zu sehen. Ich wollte Sie nicht stören in Ihrer geschätzten Anklageschrift gegen das olle Europa, sonst hätte ich sie nach einigen Bauten gefragt, an denen wir vorbeigefahren sind." „Ich werde Ihnen alles zeigen.* „Hören Sie "mal, geschätzter Mann und Jude, ich will Ihnen zuerst ein Geständnis ablegen, sonst bereuen Sie nachher Ihre Aufmerksamkeiten. Ich bin nämlich kein Jude. Heh? Nu werden Sie mich wohl 'rausschmei.ssen oder gelinde rausekeln, was?" „Aber Kingscourt!" wehrte Friedrich ab. Ruhig sprach David Littwak: „Dass Sie kein Jude sind, erkannte ich schon an einer Ihrer früheren Fragen. Lassen Sie sich sagen, dass meine Genossen und ich keinen Unterschied zwischen den Menschen machen. Wir fragen nicht, welchen Glaubens und welcher Rasse einer ist. Ein Mensch soll er sein, das genügt uns." „Millionen Bomben und Haubitzen! Und alle Eewohner dieser Gegend denken wie Sie?"

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