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Die Welt · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Article
Jüdische Dienstboten
Date
1900-08-10
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 ,£>ie jfr Weit' Nr. 32 er sich nur in einem Üebergangsstadium befinde, dass er es nicht nöthig habe, sich mit seiner Stellung im Erwerbsleben und in der gesellschaftlichen Schichte abzufinden. Da im Judenthum das Geld allein nie für die gesellschaftliche Stellung massgebend war, sondern Gelehrsamkeit und Stammbaum mitsprachen, so ist der Jude im allgemeinen nicht geneigt, jene Distanz einzuhalten, die nun der Reichthum einmal absteckt und die in dienender Stellung von selbst gegeben ist. Hier nun wird der Zionismus einzusetzen haben. Er muss die Erkenntnis verbreiten, dass der Jude systematisch vom raschen Aufstreben zum Besitze ferngehalten wird und dass wir uns einrichten müssen, unsere Lage mit den kleinen, aber sicheren Mitteln der Volksassociation zu verbessern. Er wird aber auch die Liebe zum Volke nähren, das Volksbewusstsein stärken, und die daraus entspringende Kraft wird uns jene Sicherheit bieten, die nothvvendig ist — zum Befehlen und zum Gehorchen. Wir werden den Reichen die Lust am Almosen nehmen. Volksgenossen lässt man nicht schnorren, man unterstützt sie in der Arbeit. Jedes arme jüdische Mädchen, das in einem guten Hause als Dienstbote unterkommt, ist eine Schwester, die man der Noth entreisst. Aber man darf sie das nie fühlen lassen. Sie soll arbeiten nach ihren Fähigkeiten und Kräften, aber man zeige ihr bei aller Strenge menschlicheTheilnahme. Nicht dass man christliche Diener schlechter halten soll, aber wir haben eine grosse Pflicht gegen unsere armen Schwestern im Osten zu erfüllen. Der Hunger treibt sie zu Tausenden in die niedrigsten Häuser der ganzen Welt. Man erziehe uns diese Geschöpfe zu Dienstboten. In jeder Stadt Galiziens muss die Gemeinde eine Dienstbotenschule gründen, wir wollen im Westen ihrer soviele unterbringen, als sie ausbilden. Wenn das erste Vorurtheil überwunden sein wird, dann wird jede jüdische Familie sich glücklich schätzen, ein Kind seines Volkes im Hause zu haben. Nur müssen die Frauen nicht vergessen, welche Qualen ihnen christliche Dienstboten bereitet haben, wieviel Niedrigkeit und Laster sie oft beherbergen müssen. Vor allem dürfen sie nie die menschlichen Fehler der jüdischen Dienstboten als jüdische Fehler stigmatisieren, und ein Fehlgriff soll sie nicht entmuthigen. Wir haben in Wien schon zahlreiche Familien, die jüdische Mädchen halten, und das Dienstverhältnis ist ein vorzügliches. Am schönsten aber leben Herr und Diener in Palästina zusammen, in den jüdischen Colonien. Wir sassen zusammen an einem Tische — Herr und Knecht beriethen am Sabbathausgange die Arbeitseintheilung für die Woche, wie Compagnons ihre Geschäfte eintheilen; — sie neckten die Kinder des Hauses und gestatteten sich manchen Spass — aber die Arbeit, die gieng vonstatten, und man sieht's am Boden, an den Reben und Bäumen, wie jüdische Hände sich regen, wenn ihnen die Sonne der Freiheit leuchtet. Was wir in London sehen sollen. Von Leo Rafaels. (Schluss.) Kein Theilnehmer am Congresse versäume es, die Heilsarmee bei der Arbeit zu sehen und ihre Organisation kennen zu lernen. Die Heilsarmee! Ja, was haben wir mit dem Corybantenlärm, der uniformierten Spielerei des General Booth und seiner Dynastie zu thun? Was haben unsere rein menschlichen, greifbar verständlichen Bestrebungen mit dei halb mystischen Seelenfängerei, was hat unser irdischer Zukunftsgedanke mit dem Feuer- und Schwefelprogramm der Heilssoldaten gemein? Nichts, rein gar nichts. Unser Denken und Fühlen ist von dem des General Booth himmelweit entfernt. Und doch sei die Heilsarmee als ein überaus interessantes Exempel einer Massenorganisation allen Zionisten eindringlich zum Studium empfohlen. Was war das für ein Aufruhr, als im Jahre 1S78 die Heilsarmee zum erstenmale in schonungsloser Art ihr Dasein ad oculos et aures demonstrierte! Leute aus dem Volke in auffallenden Matrosenjacken, die mit markerschütternder Musik durch die belebtesten Strassen Londons zogen und mitten im Hydepark ihre furchtbar lauten Stimmen erhoben, um eine verdorbene Welt aus ihrem behaglichen Schlummer zu rütteln — was wollten denn eigentlich diese unwissenden Taglöhner und Gesellen mit ihren grotesken militärisch sein sollenden Aufzügen, mit ihren rothen Fahnen, ihren verzückten ungrammatischen Reden,, ihrem ganzen vulgären mittelalterlichen Lärm? Strebsame Reporter giengen der Procession nach, und am anderen Tage erfuhren die Londoner, dass ihre an Sonderbarkeiten ohnehin so reiche Stadt um eine neue bereichert worden war, um die grösste, die es jemals in England gegeben. Ein obscurer Methodistenprediger namens William Booth hatte sich aus eigener Machtvollkommenheit zum General ernannt und die paar hundert arme Schlucker, die ihm folgten, als Armee mit ganz militärischer Einrichtung organisiert. William Booth hatte, wie die Reporter herausbrachten, zehn Jahre lang in verschiedenen Gebieten Londons als regelrechter Geistlicher bei ber Methodistensecte gewirkt, dann den Dienst verlassen, um auf eigene Faust im Osten von London, unter den ärmsten Dockarbeitern, die innere Mission zu betreiben. Volle dreizehn Jahre hatte er bei dieser selbstgewählten Thätigkeit ausgeharrt, mancherlei Anhänger unter den Männern und Frauen des Osten gewonnen. Auf einmal, scheinbar ohne vermittelnden Uebergang, war er auf die sonderbare Lächerlichkeit der Heilsarmee verfallen. „Verrückt," sagten die geistlichen Herren von der Methodistensecte, „total verrückt; Booth hatte immer höchst eigenthümliche Ideen." „Eine neue Form des religiösen Wahnsinns," meinten die Aufgeklärten. „Eine unangenehme Verkehrsstörung," klagten die städtischen Behörden. Die Ausländer, die nicht umhin konnten, die musikalischen Aufzüge der Heilsarmee zu bemerken, lachten in überlegener Klugheit und erzählten zuhause von der neuesten Ausgeburt des englischen Spleens. Das war im Jahre 187S. Einge Jahre darauf machten die geistlichen Herren, die William Booth und seine Frau für total verrückt erklärt hatten, sehr lange Gesichter, und die Aufgeklärten riefen nach der Polizei. Aus dem kleinen Gefolge von 1878 war ein veritables Heer geworden, das viele, viele tausende von Soldaten und Officieren zählte, ein Heer mit eiserner Disciplin, der sich die Frauen in gleicher Weise fügten wie die Männer, und das Wort des Generals war oberstes Gesetz. Die Heilsarmee hatte „Garnisonen" in allen Theilen des. Inselreiches und griff schon nach dem Continente auf der einen, nach Amerika auf der anderen Seite hinüber. An Sonn- und Feiertagen war kein Park, kein öffentlicher Platz, kein Common vor ihnen sicher, im Sommer waren alle Seebäder von ihnen überflutet. „Booth verführt das Volk," sagten die Geistlichen. „Booth lebt vom Volke," riefen die Aufgeklärten und verlangten, der Staatsanwalt sollte dem General sein lächerliches und gefährliches Handwerk legen. Das war in den Achtzigerjahren. Und heute? General Booth befehligt eine Armee von vielen Millionen, die sich auf 45 Länder vertheilt; 14.000, sage vierzehntausend Officiere widmen sich ausschliesslich dem Heilswerke und werden von der Heilsarmee erhalten; in 13 Mustercolonien, 80 „Rettungsanstalten" und 54 Werkstätten werden die Gefallenen und Geächteten der menschlichen Gesellschaft wieder zu Menschen erzogen; in hunderten von Nachtquartieren und Volksküchen wird die leibliche Noth der untersten Classen gelindert, und dort werden die ersten Versuche zur Rettung der Untergehenden gemacht. Parallel mit dem Wachsen der Heilsarmee gieng die Wandlung in der Stimmung der Londoner Bevölkerung vor sich. Man lacht nicht mehr über die sonderbaren Aufzüge der Matrosenjacken und man rufe nicht mehr nach der Polizei. Millionen fliessen in die Cassen der Armee, Millionen werden ausgegeben, und niemand wagt heute auch nur anzudeuten, dass General Booth und seine zahlreiche Familie die Bewegung geschaffen haben, um sich ein bequemes und sorgenloses Leben zu bereiten. Das ist ein Schauspiel ohnegleichen in der Geschichte der modernen Menschheit. Die Organisation der Socialdemokratie in Deutschland kommt dagegen nicht in Betracht, nicht einmal die Trades Unions in Grossbritannien lassen sich mit der wunderbaren Organisation der Heilsarmee ver-

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