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Die Welt · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Article
Jüdische Dienstboten
Date
1900-08-10
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32 ,Die # Welt' Seite 3 Wenn der Zionismus siegen wird, wenn Juden und Jüdinnen aller Stände sich zu ihrem Volke bekennen werden, dann wird es jüdische Dienstboten geben. Es bedarf hierzu einer Erziehung der Massen, aus denen die Dienstboten hervorgehen sollen und noch mehr einer Vorbereitung der Frauen zu Herrinnen jüdischer Mädchen. Wenn wir dies erreicht haben werden, dann wird ein grosses Stück Culturarbeit geschehen sein. Ganz selbstverständlich, ohne Zaudern auf der einen Seite und ohne Verwundern auf der anderen, wird sich dieses Verhältnis erst dann entwickeln, wenn sich alle Schichten unseres Volkes seelisch frei, politisch selbständig und materiell zuversichtlich fühlen werden. Der Dienstbote muss seine Arbeit als eine im bürgerlichen Leben nothwendige Leistung auffassen, die an sich nicht degradiert; er muss aber zu gehorchen verstehen und „dienen", ohne seiner Würde als Kind seines Volkes, ohne seiner Menschenwürde etwas zu vergeben. Die Frau darf von ihrer Volksgenossin kein kriecherisches Benehmen verlangen, keine Handküsserei, sie soll ihr nicht nur Herrin sein, sondern auch ihre Vormünderin, ihre Hausmutter. Ein freies Spiel der Kräfte wird verlangt: Der eine Theil muss zum Gehorchen erzogen werden, der andere das Befehlen lernen, dann wird sich ein vornehmes Dienstverhältnis ausgestalten, beiden Theilen zum grössten Vortheile. Da es unendlich schwierig ist, durch abstracte Begriffe eine feste Vorstellung hervorzubringen, so will ich ein Erlebnis schildern, das mir jenes Verhältnis wies, wie ich es im jüdischen Volke zwischen Herrn und Diener gerne sehen möchte. Im Thale von Pisa lebt eine mir befreundete Familie: reiche Fabriksherren. So oft mich der Weg nach Florenz führte, zog ich den Arno hinunter in das Haus dieser Leute. Es war vieles an ihnen gar fremdartig und anziehend. Der Cultur nach waren sie Italiener, sie sassen seit drei Generationen zwischen dem schiefen Thurme von Pisa und dem Palazzo vecchio. Als' Staatsbürger gehörten sie in die Schweiz. Ihr letztes, geheimstes Empfinden aber, ihre innigste Liebe widmeten sie einer fast erstorbenen Sprache — dem Rhäto-Romanischen. Sie bekennen sich zu einem Volkssplitter, zu dem letzten Reste einer hingeschwundenen Nation. Sie stammen aus dem Engadin und sie gehören demnach zu jenen 20.000 bis 24.000 Menschen, die noch jenes fremdartige Kind der romanischen Sprachenfamilie pflegen, dessen Name nur mehr Fachgelehrten geläufig ist. Sie leben ein zweifaches Culturleben, ohne jeden Bruch ihres Wesens, ohne eine Empfindung von Zwiespältigkeit. Jedes Kind des Hauses verbringt die Jahre der Volksschule in der alten Heimat, und wenn die Knaben zu Männern geworden sind und längst ihrem Berufe leben, dann ziehen sie häufig über die Appeninen zurück in die Alpen, um bei den Wahlen ihre Stimmen abzugeben. Diese mir befreundete Familie ist Verzweigt in ganz Toscana. Dass die Schweizer der verschiedensten Cultur: Deutsche, Franzosen und Italiener, es in der Fremde überall so halten, dass sie nach Generationen noch immer nach ihrem Ursprungslande gravitieren, das habe ich später erfahren. Bei einer meiner letzten Italien-Fahrten zogen meine Freunde mit mir nach Florenz. Es war im Carneval, und die Schweizer vereinten sich zu einem Balle. Das Tanzfest wurde im „Hotel Helvetia", meinem gewöhnlichen Absteigquartier, abgehalten, dessen grosser Speisesaal in schweizerischen Farben und Cantonalwappen prangte. Dieser Saal ist ein gar vornehmer Raum. Er war vor Jahren mit dem Palazzo signoria, dem mittelalterlichen Regierungspalaste der Herren von Florenz, verbunden, von welchem ihn nur eine ganz schmale Gasse trennt. Vom Jahre 1859 bis zur Eroberung von Rom im Jahre IS70 tagte im alten Palaste das italienische Parlament, dessen Büffet in diesem Saale untergebracht war. Gute Bilder des grossen Italien aus jener Zeit zieren die Decke zur Augenweide der feierlichen „Misses", die nunmehr hier ihren stillen Lunch zu nehmen pflegen. Das eidgenössische Fest brachte nun eine ganz eigenartige Gesellschaft in diesen vornehmen Saal: Herren in Salonkleidung, denen man es ansah, dass sie dem Parquett gewachsen sind, daneben derbe, junge Leute mit rothen Händen. Zwischen Damen in eleganter Robe sassen Mädchen in guten, aber wenig salongemässen Sonntagskleidern. Es war der Durchschnitt aller Schweizer, die in Toscana leben. Ein reicher Cönserven-Fabrikant und kleine Commis, Chefs grosser Handelshäuser und einfache Handwerker, dann Kellner und Stubenfrauen, die ja in Italien so gerne aus der Schweiz bezogen werden. Als der Tanz begonnen hatte, kam der Portier des Hotels, auch ein Engadiner, und führte, strahlend vor Glück, seine junge Frau in den Saal. Er hatte seine dunkelblaue Parade-Uniform an, die aussah wie schwarz, eine weisse Cravatte und desgleichen Handschuhe. Das kleine Schnurrbärtchen war stark aufgedreht. Er schritt auf und ab und forderte die Schwester meines Freundes im rhätischen Idiom zum Tanze. Das Fräulein folgte ihm. und ihr Bruder beeilte sich, die Frau Portier im Walzer zu schwenken. Im ganzen Saale wunderte sich nur ein einziger Mensch darüber, und das war — ich. Für mich war alles andere verschwunden — ichsahnur nach dem Portier, dem ich seit Jahren meine Koffer übergab und den ich meine Pakete machen liess, wie er mit der nüchternsten Selbstverständlichkeit von der Welt die feinen Fräuleins zum Tanze führte, jeder ein freundliches Wort zu sagen wusste und von allen freundlich, ohne Herablassung behandelt wurde. Mein Verwundern sollte sich noch steigern. Am nächsten Tage stand der Portier wieder in seiner Loge, ordnete Cartons, Taschen und Koffer und sortierte die Briefe. Im L.ufe des Tages reisten die Ballgäste ab: er reichte ihnen das kleine Gepäck, half den Damen in den Waagen, und — ich habe es selbst gesehen — seine Tänzerinnen von gestern drückten ihm das übliche Trinkgeld in die Hand, das er ohne Ziererei mit einer höflichen Verbeugung annahm. Ich wusste nicht, wer mehr zu bewundern sei. der Portier, der mit solcher Würde sein Recht als Eidgenosse übte, seine Zugehörigkeit zum Völklein der Rhätier genoss — ohne im Dienste seine Dienerstellung zu vergessen — oder die Damen, die den Tänzer und den Portier gleichmassig freundlich behandelten, die sich mit derselben Miene zu Tanze führen und die Tasche reichen Hessen — immer mit einem Satze in ihrer besonderen Mundart das Gemeinsame betonend. Dieses kleine Symptom zeugt von einer uralten Gewohnheit, in Freiheit zu leben. So hätte sich das Verhältnis im jüdischen Volke gestaltet, wenn unser Volksbewusstsein nicht verkrüppelt wäre — wenn wir nicht unter stetem Drucke gelebt hätten. Unsere Besitzenden sind Reiche von vorgestern. In ihnen ist noch die Unruhe, das Schwanken der Aufstrebenden. Es ist ihnen Bedürfnis, den Besitz an der Unterwürfigkeit der Abhängigen stündlich neu zu empfinden. Was der Zufall ihnen brachte — sie nehmen es für persönliche Superiorität. Sie suchen so rasch als möglich in neue, höhere Schichten einzudringen, sie erheben sich hoch über die ärmeren Massen, die sie schon deshalb meiden, um nicht an ihren Ursprung gemahnt zu werden. Aber auch die Massen des jüdischen Volkes müssen sich in ihrem Bewusstsein festigen, um ein wahrhaft demokratisches Zusammenleben möglich zu machen. Da es einzelnen Juden gelungen ist, zu Reichthum und Ansehen zu gelangen, glaubt jeder kleine Mann, dass

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