Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Article
- Unsere socialen Aufgaben
- Date
- 1900-08-10
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die s£ Welt4* Nr. 32 die Noth drängte, da kehrte man zum alten Brauche zurück. Es geschah wahrhaftig nicht aus Separationsgelüsten — dem bekannten Popanz, der alten und jungen Kindern unter den Juden so lange imponierte —, dass beispielsweise die rumänischen Juden eigene Judc-nspitäler errichteten. Man nahm eben Juden in den rumänischen Spitälern nicht auf. Auch an anderen Orten, wo man Judenspitä'er baute, waren es keineswegs immer religiöse Rücksichten, wie man angab, die zu solchen Institutionen führten. Es war das offene oder auch uneingestandene Angstgefühl, dass jüdische Kranke dort nicht Einlass finden könnten, wo man sonst andere Staatsbürger unterbringen durtte, die der häuslichen Pflege entbehrten. Und konnten auch jüdische Kranke untergebracht werden, so war man keineswegs immer sicher, dass sie auch die Behandlung fänden, auf die leidende Menschen Anspruch haben. Sind es doch kaum ein paar Wochen her, dass ein öder Scribler in einem judenfeindlichen Blatte Wiens jämmerliche Klagelieder darüber anstimmte, dass die fremden Juden in den Wiener Spitälern Aufnahme fänden und dadurch, wenn sie mittellos wären, auch durch „christliches" Geld unterstützt werden müssten. Das ist ein Ausblick, der zeigt, dass solche jüdische Einrichtungen bald zahlreicher werden müssen, wenn wir nicht die Armen und Elenden unseres Volkes fremder Roheit überliefern wollen. Freilich können wir alle diese und ähnliche Institutionen nicht einfach so wieder herstellen, wie sie einstens waren. Wir sind moderne Menschen, und in moderner Weise müssen auch unsere Einrichtungen geschaffen und ausgestaltet werden. Weder die Sorge für die Arbeitswilligen, noch die für die Arbeitsunfähigen, noch die für unsere Kinder ist so leicht zu beheben, wie dies einst im Ghetto war. Wir werden uns in kein Ghetto mehr sperren lassen, wenigstens nicht wir Ziomsten. "Wir verlangen unseren Antheil an dem Kampfe der Civilisaiion, an dem Streben nach Beglückung der Gesammtheit, aber auch an den Früchten dieses Kampfes, geistigen und materiellen. In unserem Zeichen wollen wir kämpfen, in unserem Zeichen aber auch leben. Unsere socialen Einrichtungen von heute, die der jüdischen Gesammtheit, bedürfen dringend einer durchgreifende»! Verbesserung und Ergänzung. Die jetzigen jüdischen Machthaber sind nicht imstande, das zu leisten. Gerade jelzt, gelegentlich der Auswanderung der Juden aus Rumänien, hat sich der vollkommene Bankerott der Systemlosigkeit offenbart, die den stolzen Titel „Jüdische Wohlthätigkeitführt. Etliche hundert wandernde Juden, die auf einmal zum Wanderstabe gegriffen hatten, rnussten an ihrem Leibe die traurigen Ergebnisse dieser socialen Institution erfahren. Es sind jammervolle Ergebnisse, die geradezu beschämend sind für die gesaminte Judenschaft. Wie denken sich diese Herren denn die Situation, wenn Galizien und Russland seine verhungernden Juden zu Zehntausenden ausspeien, wenn die Sweatingsclaven in England und Amerika, ihrer Ketten müde, vor den Palästen der jüdischen Grossen aufmarschieren werden? Fruchtlose Frage. Sie wollen ja eben nicht daran denken! Das ist sicher. Dann wird es kaum möglich sein, all diese Leute mit Hilfe der Polizei gewaltsam in Waggons oder in Schiffe einzupferchen, um sie an den Ort ihres Elends zurückzusenden. Dieses Polizeijudenthum, die würdige Blüte der Assimilaüonsperiode, wird kaum auf die Dauer aufrechtzuerhalten sein. Da werden schon andere Anstalten getroffen werden müssen. Und da es diese Leute nicht können, so werden es die Zionisten thun müssen. Selbst die Dinge des Alltags werden sie nicht mehr solcher Unfähigkeit anvertrauen dürfen. Auch das Heute wird ihre Sorge sein müssen, wie das Morgen. Gewiss! Es. wird nicht angehen, jede kleine Gemeinde zur Entfaltung einer grossangelegten socialpolitischen Thätigkeit zu bewegen. Das materielle Unvermögen würde da bald allen Anstrengungen ein Ende machen. So ist es auch gar nicht gedacht. Es gibt gewisse Leistungen, die auch die kleine jüdische Gemeinde wird auf sich nehmen können. Für grössere Einrichtungen haben eben die grösseren Gemeinden, eventuell auch die Judenschaft des Landes, respective eines Reiches, oder die Gesammtheit aufzukommen. Es soll hier nicht ins Detail eingegangen werden. In diesen Blättern werden alle die Gebiete socialer Hilfe einer genauen Betrachtung und die grundlegenden Aufgaben einer eingehenden Besprechung unterzogen werden. Wir werden erst die noch bestehenden jüdischen socialen Einrichtungen prüfen und den gegenwärtigen sozialen Stand des jüdischen Volkes, sowie einzelner Classen desselben darzulegen suchen.*) Das ist eine grosse Arbeit, aber doch nur eine Vorarbeit. Sache der Sociologen wird es dann sein, das gewonnene Material zu verwerten. Wenn es wahr ist, was ein moderner Theoretiker behauptet, dass die Geschichte die Strömung der Massen vom Orte höheren Druckes zum Orte geringeren Druckes auf der Linie des "geringsten Widerstandes darstellt, dann wird es Aufgabe der jüdischen Sociologen sein, diese Linie des geringsten Widerstandes, diesen Ort des geringsten Druckes festzustellen, um bewusst diese Strömung zu beeinflussen, respective die für die Juden geltenden Modifikationen dieses Gesetzes zu ergründen. Denn wir wollen die Worte wahr machen, die Herzl auf dem dritten Gongresse als unser Führer in unserem Namen gesprochen hat: „Aufschwingen wollen wir uns zu einer höheren Stufe der Gesittung, dem Verkehre der Völker neue Strassen bauen und für die sociale Gerechtigkeit einen Durchbruch suchen." Unsere sociale Arbeit aber muss schon das Heute erfassen, um dem Morgen ruhig entgegensehen zu können. Jüdische Dienstboten. Von H. York-Steiner. Wenn der Zionismus wirklich jene regenerative Kraft besitzt, die wir ihm zusprechen, dann muss er uns jüdische Dienstboten schaffen. Wir brauchen jüdische Dienstboten. Wir bezahlen den christlichen Diener theurer als der Christ, wir werden schlechter bedient und wir müssen uns im eigenen Hause Zurückhaltung auferlegen der Dienstboten wegen. Dabei laufen wir Gefahr, uns einem Feinde auszuliefern. Die besseren Dienstboten suchen sich ohnehin seit langem christliche Plätze und bessere christliche Häuser nehmen kein Dienstmädchen auf. das bei Juden gedient hat. Es entsteht eine eigene Schichte von christlichen Juden- Dienstboten, und zwar eine geringwertige. *) „Die Welt" wird in den nächsten Nummern eine Anzahl Essays zur socialen Regeneration innerhalb des Gesammtjudenthums veröffentlichen. Der Artikel „Jüdische Dienstboten" ist zeitlich, wenn auch nicht methodisch, der erste in der Reihe. Es sind unter anderen folgende Themen in Aussicht genommen: I. Die ökonomische Gesammtlage der Juden. IL Die sogenannte Cultusgemeinde. III. Die Aufgaben der Cultusgemeinde. IV. Gemeinde und Staat. V. Synagoge oder Tempel? VI. Wie wir unsere Jugend erziehen. VII. Unsere Geselligkeit. VIII. Unsere Feiertage. IX. Die jüdische Familie. X. Die jüdische Ehe. XI. Unsere Frauen. XII. Jüdische Arbeiter. XIII. Die jüdische Seelsorge. XIV. Unsere Armenpflege. XV. Unsere Altersversorgung. — Das Programm ist reich, vielumfassend; ernste Mitarbeiter sind überaus willkommen. Die Redaction.