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Die Welt · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Article
Unsere socialen Aufgaben
Date
1900-08-10
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet . Dorfo/»*;»^ UnH+oM Mi««. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct.__ Nr. 32. Wien, 10. August 1900. 4. Jahrgang Unsere socialen Aufgaben. Von Dr. Siegmund Werner. Das war in jenen Augusttagen des Jahres 1807 in Basel. Da legte das zionistische Judentimm vor aller Welt sein Glaubensbekenntnis ab: und über der Versammlung klang das geheimnisvolle Rauschen der alten, ewig jungen Sehnsucht des jüdischen Volkes, die ihre Flügel machtvoll regte, die Flügel, die man ihr im officiellen Judenthum so gründlich entfernt 2u haben glaubte. Das war ein wundervolles Tönen. Zu der Höhe dieses Geschehens reichte das misstönende Quaken aus den Niederungen der weltklugen Nur-Mosaischen nicht hin. Die mächtige Melodie jener Tage werden wir nicht vergessen, wenn auch das Lärmen des Werktages uns schon manche Dissonanz bescherte und noch manche uns bescheren mag. Wir fühlen die Kraft in uns, diese Dissonanzen zu klangvollen Accorden aufzulösen und, was den Wohllaut der Zionide zu stören scheint, zu vollem Einklang mit ihr zu verschmelzen. Wir wachsen. Das fühlen wir in allen Gliedern. Wie es jeder Wachsende verspürt. Das sind die Schmerzen des Reifens. Was um uns ist. das verändert mit uns seine Dimensionen. Was uns früher fast Scheu erweckte, das tägliche Leben um uns, das mit dem i n uns so wenig unmittel baren Contact zu haben schien, ist uns näher gerückt. Nicht mit dem Auge des Ahnenden, mit dem des Wissenden wollen wir es betrachten und, was das Heute verlangt, leisten, ohne des Morgens zu vergessen. Ueber der Aufgabe unseres Lebens wollen wir die Erfordernisse des Tages nicht vernachlässigen; denn das Heute ist das Morgen von gestern, wie es das Gestern des Morgen ist. Unlösbar aus seiner Verbindung, der es das Sein verdankt, deren Aufgaben es als ein Theil zu übernehmen und zu überliefern hat. Das hatten die Juden von heute vergesssen. Sie hätten am liebsten das Gestern ganz ausgemerzt, weil ihnen anfangs das Heute so schön erschien. Auch an die Zukunft glaubten sie nicht denken zu müssen, ganz der Gegenwart hingegeben. Als dann das Heute ihre Hoffnungen so schmählich enttäuscht hatte, da suchten sie angstvoll nach den Trümmern des Gestern, zu ohnmächtig, um sich selbst das Morgen zu gestalten. Aus dem Ghetto hatten sie fast nichts gerettet, den Traum der Freiheit sahen sie entschwunden, — das war das Erbe, das der Zionismus vorfand. Er ist sich seiner Aufgabe bewusst. Kaum hat er sich seinen Weg gebahnt, so knüpft er dort an, wo nur mehr einzelne Fäden erhalten sind. Die will er zur festen Webe für die Zukunft flochten. Da aber hat er am vorsichtigsten und doch am entschiedensten einzugreifen, wo es sich um die socialen Bedürfnisse des jüdischen Volkes handelt. In früheren Zeiten waren die Juden in allen altruistischen Einrichtungen auf sich selbst angewiesen. Es war die jüdische Gemeinde, die für ihre Angehörigen sorgte, wenn diese selbst im Lebenskampfe sich als zu schwach erwiesen. Es war die jüdische Gemeinschaft, die für die Gemeinden eintrat, wenn diese zu sehr in Anspruch genommen waren. Das wusste jeder Jude. So kam er als Bruder zum Bruder, als Gleicher zu Gleichen. Das Hekdesch, wo der landfremde Jude Aufnahme und Nahrung fand, die Schul, die Klaus, sie dienten als sociale Einrichtungen. Jeder Familenvater respectierte das Plett (Billet), das den fremden Juden an seinen Tisch wies. Als „Gast" nahm er ihn auf, das war der Titel, mit dem der Hausherr den Fremden ansprach, bevor der seinen Namen nannte. Das Judenspital pflegte den Fremdling, wenn er krank war. Das geschah bedingungslos, darauf hatte jeder Anspruch. Und war die Gemeinde zu arm, um dem Ankömmling selbst das Brot für Lebenszeit zu verschaffen, so wurde er mit Empfehlungen an eine Gemeinde gesendet, wo man ihn unterbringen konnte und auch unterbrachte. Da schickte man Leute nicht weg, bloss um sie los zu werden, unbekümmert darum, ob sie nicht am Wege verdarben. Da war auch noch die socialpolitische Einsicht nicht so gross, dass man auf den ingeniösen Gedanken kam, Vereine gegen den Wanderbettel zu gründen, und durch anthropometrische Messungen, eventuell durch Erlassung eines förmlichen Steckbriefes die lieben Nebenmenschen vor dem Verbrechen zu bewahren suchte, einen unsteten Bruder zu unterstützen. Das alles und viele andere ähnliche Einrichtungen des Ghettos haben die heutigen Juden aufgegeben oder nur noch in kläglichen Resten erhalten. Wohl ist da und dort eine Aenderung eingetreten. Wo der Freiheitsrausch verschwand, wo das Märchen von der Gleichberechtigung nicht mehr aufrechtzuerhalten war, wo

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