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Die Welt · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Article
Wenn wir solidarisch wären ...
Date
1900-08-03
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite ,Die s£ Welt" Nr. 31 was die Hauptsache ist: die überstürzte, wahnwitzige Auswanderung nach Kleinasien, nach Cypern, nach Ganada, die planlose Flucht, die an gehetztes Wild erinnert, wäre den Unglücklichen erspart geblieben. Und wenn man es recht bedenkt — warum nicht noch jetzt, da täglich neue Wanderer über die Grenze gehen, die Auftheilung versuchen? Wie ich mir eine solche Auftheilung denke? Du lieber Himmel, ich habe sie in mehr als einer Gestalt, bei mehr als einer Gelegenheit gesehen. Wie oft haben wir in meiner Heimat, einer kleinen Stadt der Lombardei, Einqartierungen gehabt, die Wochen, ja Monate dauerte! Es war nicht angenehm, hat aber keine Familie ruiniert. Und erinnert sich kein Würdenträger in den grossen Cultusgemeinden der Zeit, da wir Juden Gastfreundschaft im grössten Stile übten, da wir es noch für eine selbstverständliche Tugend hielten, jedem Fremden, dem wir in der Synagoge begegneten, einen Platz an unserem Tische zu bieten? Der Gedanke einer Auftheilung in diesem alt väterischen Sinne hat für mich keinerlei Schrecken. Alle. Berichte stimmen darin überein, dass die Auswanderer wohlgesittete, gesunde, reinliche, zum Theile sehr gebildete Menschen sind. Was spricht dagegen, solchen Glaubensgenossen buchstäblich Gastfreundschaft zu erweisen? Aber ich weiss, die modernen Juden würden sich mit Händen und Füssen gegen eine solche Einquartierung sträuben. Nun denn, so ist sie auch nicht gemeint. Wenn die Gullusgemeinde von Wien 100 Flüchtlinge während eines Monates beherbergt, so kostet sie das, hochgegriffen, dreitausend Gulden. Was bedeutet eine solche Summe für eine Wiener Cultusgemeinde, was würde das Zehnfache angesichts der furchtbaren Krise in Rumänien bedeuten? Wir brauchen Zeit, wir müssen uns fassen, uns berathen, die vorhandenen Mittel organisieren. Dazu sind vier Wochen genug. Während dieses einen Monats kann das Auswanderermaterial gesichtet, auf seine Fähigkeit geprüft sein. Wir werden wissen, wer etwa die Eignung hat, in Ganada den Boden zu bebauen, wer die Kraft und den Willen hat, in den Sägemühlen der grossen amerikanischen Wälder sein Brot zu verdienen. Dann werden wir aber auch darüber orientiert sein, worüber die gemeinjüdischen Wohlfahrtsanstalten, wie die Allianz und Ica, eigentlich immer orientiert sein sollten, in welchen Ländern dieses, in welchen jenes Gewerbe jüdischen Ansiedlern Nahrung und Duldung verspricht. Von diesem Wissen geleitet, kann dann die systematische Auswanderung beginnen. Findet man, dass ein Monat zu kurz ist, um eine solche Arbeit zu leisten? Gut, wir geben auch zwei, drei Monate. Aber die kostspielige Gastfreundschaft, die wir inzwischen den Flüchtlingen erweisen müssen! Nun denn, die rumänischen Juden sind keine Schnorrer. Ich glaube, die Angst vor einer langen unfreiwilligen Gastfreundschaft ist ganz unbegründet. Arbeit hat immer nocli ihren Wert, und so viel Arbeit werden die Auswanderer leisten, um ihre Herberge und ihre ^Nahrung wenigstens zum grossen Theile zu verdienen. Ist das ein Traum? Der Vorschlag eines weltfremden Utopisten? Vielleicht; bei dem jetzigen Stande des jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühles sogar sehr wahrscheinlich. Einst war es anders. Als die polnischen Juden vor den Kosakenschwertern flohen und zu tausenden und abertausenden hilflos die deutsche Grenze überschritten, da gab es keine Alliance Israelite, keine Israelitische Allianz, keine Ica, kein Baron Hirsch hatte hunderte von Millionen für arme Juden gestiftet — aber zurückgeschickt nach Polen wurde keiner, und die kleinen deutschen Gemeinden, welche ihre verfolgten Brüder aufnahmen, giengen an dieser Gastfreundschaft nicht zugrunde. Worochta. Eine jüdische Arbeiter-Colonie. Von Dr. Leo Zamara. Eine Bahnstuude von Delatyn entfernt liegt das malerische Huzulendorf Worochta, umgeben von wälderbekränzten Höhen; es ist ein Lieblingsaufenthalt für Sommerfrischler, Cm-bedürftige und Touristen. Uns interessiert dieses Dorf wegen seiner grossen Dampfbrettersäge der Firma Josias Eissler&Söhne, der sich in jüngster Zeit noch eine zweite kleinere von Frommer & Griffel zugesellt hat. Die Hälfte der Arbeiterschaft besteht nämlich aus Juden, denselben „arbeitsscheuen" Juden, von denen es heisst, dass sie nur für leichten Erwerb zu haben sind. Die Firma Eissler hat das Märchen von der Arbeitsscheu der Juden in Galizien gründlich zerstört, sie gibt den jüdischen Proletariern Arbeitsgelegenheit und Erwerb und kommt nicht zu kurz dabei. Für Frommer, den früheren Director dieser Säge, war das Verhalten dieser Firma vorbildlich, und auch er beschäftigt in seinem neuen Werke viele Juden, und auch er kann sich über deren Minder-: leistung nicht beklagen. Im Gegentheil, allgemein wird anerkannt, dass sie an Fleiss und Pflichttreue den ruthenischen und magyarischen Arbeitern nicht nachstehen und ihnen durch Klugheit, Abrichtungsfähigkeit und stete Nüchternheit sogar überlegen sind. Gäbe es hierzulande nicht so viele jüdische Protzen und Assimilationsnarren, die in ihren Gewerken Juden „principiell" nicht anstellen, die systematische Erziehung zur Arbeit würde ungeahnte Fortschritte machen, und der Segen der Arbeit würde die Judenschaft Galiziens aus ihrem Elend, dem moralischen und materiellen Verfalle retten. Erziehung zur Arbeit! Man sehe doch den Nachwuchs der Judenarbeiter: kaum flügge geworden, regt er seine Händchen und Füsschen, um den Eltern behilflich zu sein und sich selbst einen Heller zu erarbeiten. Das lungert nicht mehr, in Fetzen und Lumpen gehüllt, an allen Strassen ecken, wird nicht mehr Tagedieb und Bettler — ehrliche, stramme Arbeiter, die jedermann achtet. werden aus ihnen heranwachsen, jener vierte Stand, der dem Judenthum noch fehlt und der allein die Grundlage für ein gesundes und entwicklungsfähiges Volksthum abgeben soll. Da sind wir an den Punkt gelangt, wo unsere humanitären und nationalen Bestrebungen anzusetzen haben, um das Volk für den grossen Zukunftszweck, die Besiedelung des verheissenen Heimatlandes, vorzubereiten. Interessant ist die Lebensweise der Worochtaer Judenarbeiter, die sich in Wald-, Platz- und Sägearbeiter gliedern. Um 5 Uhr früh beginnt das Tagewerk und dauert mit einer kurzen Frühstücks- und einstund igen Mittagspause bis G Uhr abends. Die Säge arbeitet auch nachts und die Sägearbeiter lösen einander regelmässig ab. Unter der gegenwärtigen, ebenfalls jüdischen Direction sind schöne Arbeiterhäuser entstanden, sowie eine musterhatte Schule für die Arbeiterkinder. Aus früheren Zeiten zurückgeblieben sind noch zahlreiche „Kolyben", das sind höchst primitive Bretterzelte, in denen Partien von zwölf bis zwanzig Mann — ausschliesslich unverheiratete Arbeiter — wohnen. Ihre Nahrung besteht fast ausschliesslich aus. Kukuruzmehl-Brei mit Zwiebeln — an Wochentagen. Am Sabbath, den die meisten feiern — es herrscht kein Zwang — gestatten sie sich eine Suppe, gekochte Fisolen, Weissbrot und - wohl auch ein Stückchen Fleisch dazu. Der Schnaps zum Kidusch fehlt auch nicht. An einem eing^-

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