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Die Welt · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Article
Wenn wir solidarisch wären ...
Date
1900-08-03
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Wenn wir solidarisch wären . . . Was nützt alles Jammern, welchen Zweck hat es, wenn wir den berufenen jüdischen Wohlfahrtseinriehtungen den gerechten Vorwurf machen, dass sie es verabsäumt haben, die seit so vielen Jahren drohende Krise der rumänischen Auswanderung zu verhüten V Gewiss, die „Alliance Israelite", auf die wir älteren Leute so grosse Hoffnungen gesetzt haben — die Jugend von heute kann sich keinen Begriff davon machen, mit welcher Begeisterung uns die Schöpfung des unvergesslichen Cremieux einstmals erfüllte! —• hat ihre Pflicht vernachlässigt, ihre Daseinsberechtigung verwirkt. Seit 1S78, .dem Jahre des Vertrages von Berlin, ist die rumänische Judennoth ein offenes Geheimnis; die Rechtlosigkeit unserer Glaubensgenossen in der Moldau und Walachei wurde mehr als einmal in den Zeitungen aller Cultürstaaten discutiert, denn die rumänische Regierung sorgte dafür, dass immer neue Fälle von himmelschreiender Vergewaltigung vorkamen und das Ohr der Oeffentliehkeit bestürmten. Wer erinnert sich nicht des Jahre 1886, da Dr. Gaster, damals eine Zierde der Bukarester Universität, ein hervorragender Linguist und hochverdienter Forscher auf dem Gebiete der rumänischen Sprach- und Literaturgeschichte, von der heimatlichen Scholle vertrieben wurde wie ein Verbrecher, weil er es gewagt hatte, über das barbarische Vorgehen gegen die Juden Klage zu führen? Dr. G a s t e r hat im freien England ein Asyl und in der portugiesischen Gemeinde Londons als Rabbiner ein Feld segensreicher Thätigkeit gefunden: aber wie viele vernichtete Existenzen hat die Barbarei der rumänischen Regierung auf dem Gewissen? Alles das war der ganzen civilisierten Welt bekannt, konnte also doch wohl auch den Machthabern in der Alliance Israelite nicht ganz verborgen sein, ja, wie uns ein Londoner Würdenträger jüngst gesagt hat, ist den vereinigten Allianzen von Frankreich und England alles, sage alles, was die rumänischen Juden betrifft, bis ins Kleinste offenbar. Und was haben die Herren in den 22 Jahren seit 1S78 gethan, um eine acute Krise in der rumänischen Judennoth zu verhüten? Nichts, gar nichts. Und plötzlich war die Auswanderung da, „wie ein Dieb in der Nacht, wie ein gewappneter Mann." Doch genug davon. Wir wollen ja keine fruchtlosen Vorwürfe wiederholen, wir wollen keine unnützen Worte verschwenden. Das Elend ist da, riesengross. und wächst allen Wohlfahrtsbeamten über den Kopf. Die Allianzen von Wien und Paris sind rathlos, die Hilfbereiten sind 'machtlos, und immer neue Auswanderer pochen an unser jüdisches Herz. Was ist zu thun? Ich wüsste wohl, was zu thun wäre, aber ich fürchte mich förmlich, das Mittel zu nennen, so einfach ist es und zugleich so utopistischer Natur. Wenn wir wirklich solidarisch wären, ein Volk von Brüdern, wie wir es einst waren und doch wieder sein wollen, wenn wir so recht von der Ueberzeugung dieser Zusammengehörigkeit durchdrungen wären, und wenn wir gemäss dieser Ueberzeugung die Pflicht empfänden, unseren verfolgten Brüdern zu helfen, dann wüssten wir wohl, was wir mit den Aermsten anzufangen hätten. Denkt Euch nur, wie leicht es eigentlich ist, einige tausend entwurzelte arbeitswillige und arbeitstüchtige Juden auf eine Million sesshafter, broterwerbender Juden zu vertheilen! Es ist natürlich keine Rede von einer Auftheilung im Sinne einer Absorption: wir wissen alle, dass das keine Hilfe ist. Es geht den Sesshaften schlecht genug, viel zu schlecht, um auch nur einige tausend Flüchtlinge zu erhalten. Nein, nur von einem momentanen Auskunt'tsmittel ist die R.ede, von einer Hilfe, die jetzt in dieser Stunde so dringend nothwendig ist, weil tausende von Männern und Frauen, Greisen und Kindern unter dem freien Himmel übernachten und um ein Stück Brot betteln, in Rumänien, in Kleinasien, in Cypern, in Wien, in Hamburg, in London — wo nicht? Gottseidank sind noch immer soviele Judengemeinden in Europa, Gemeinden mit ungeheuren Budgets, dass eine systematische, wohlorganisierte Auftheilung keiner von ihnen eine unerträgliche Last aufbürden würde. Nehmen wir an, jede grössere Gultusgemeinde wie Czernowitz, Lemberg, Krakau, Brünn, Wien, Prag — ich folge dem Wege der Auswanderer — hätte für eine kurze Zeit je hundert Flüchtlinge übernommen: Wie klein wäre da die Last, wie gross die Hilfe gewesen, welches Elend hätte man dadurch mit verhältnismässig geringen Mitteln beseitigt! Und

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