Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-07-27 · 30 (27.7.1900) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
30 (27.7.1900)
Article
Assimilationsbestrebungen im Elsass
Date
1900-07-27
Page
5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315882-3371369--21064-3371499
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30 „Die & Weit' Seite 5 Die Juden machten sich wohl keine Illusionen; sie wussten, dass sie immer noch als Eindringlinge betrachtet wurden. Doch der Satz von der sicher kommenden Assimilation gehörte zu ihren Glaubensartikeln. In der Zeit des Fortschrittes, in der sie lebten, musste die vollständige Assimilation in der allernächsten Zeit eintreten. Da traten die Ereignisse der Siebzigerjahre ein; der Elsass wurde deutsch. Die Juden behielten ihre Gleichberechtigung vor dem Gesetze: im übrigen wurde dieselbe nur noch als eine Fiction betrachtet. Den Juden war die Staats - Carriere grösstenteils wieder verschlossen. Von einer Minderung ihrer Stellung als Bürger ganz abgesehen, bedeutete dies eine schwere Schädigung ihrer wirtschaftlichen Stellung. Doch damit nicht genug, durch eine iange Reihe von Massregeln und Gesetzen wurden sie in ihrer übrigeu Erwerbsthätigkeit schwer beeinträchtigt. Es wurden unter dem neuen Regime Gesetze erlassen, die dem Viehhandel Schranken auferlegten; es wurden allenthalben auf dem Lande Raiffeisen'sche Gassen und Consumvereine gegründet, die den Kleinhandel lahmlegten. Der Zweck, den man verfolgte, wurde erreicht. Die jüdischen Landgemeinden entvölkerten sich oder lösten sich zum Theile ganz auf. Die wirtschaftliche und politische Lage der elsässischen Juden hatte sich verschlimmert. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen die Emigration nach Frankreich grossartige Dimensionen annahm und diejenigen, die nicht auswanderten, Zustände herbeiwünschten, die den französischen ähnlich wären. Die Zurückgebliebenen hörten von jüdischen Präfecten, jüdischen Ministern, jüdischen Generälen. Wer aus Frankreich kam wusste nicht genug zu erzählen von den Gleichheitsideen, die dem Volke vollständig in Fleisch und Blut übergegangen seien. Doch allmählich mussten die elsässischen Juden einsehen, dass auch in Frankreich die idealen Zustände nicht herrschten, von denen sie träumten. Sie verfolgten mit wachsender Spannung die Etappen des in Frankreich neu auflodernden Judenhasses. Sie sahen den Antisemitismus von einzelnen Personen auf ganze Stände und von diesen auf das ganze Volk übergehen. Bei dem Drama des Hauptmanns Dreyfus, das sich nun vor ihren Augen abspielte, waren sie nicht nur Zuschauer, sondern auch handelnde oder vielmehr leidende Personen. Dreyfus war ein Sohn ihres Landes, und wuchtiger als alle übrigen Juden der Diaspora traf sie der Schlag, der allen gegolten. Sie sahen den Dreyfus-Hass in ihr Land und bis in die Stadt einziehen, in der Dreyfus geboren war. Antisemitische Excesse kamen wohl nicht vor, doch wohl nur, weil Manifestationen mit nationalistischem Beigeschmacke wenig Gegenliebe bei der Regierung gefunden hätten. * Doch die Andeutungen fehlten nicht, dass die Sympathien des christlichen Elsass für Mercier und seine Bande waren. Das Bürgerthum benützte jede Gelegenheit, um seinem Hasse gegen Dreyfus und die Juden Ausdruck zu verleihen. Bei der bekannten Subscription für die Familie des Fälschers Henry zeichneten die „Spitzen"' der Mülhauser Gesellschaft eine Summe von 1201) Francs. Während der schlimmsten Dreyfus-Hetze fasste ein feinerer Geselligkeits- Verein demonstrativ den Beschluss, den Dreyfus-freundlichen „Figaro" nicht mehr zu halten. Die jüdischen Mitglieder dieses Vereines hielten es für unnöthig, nach einem solchen Beschlüsse aus dem Vereine auszutreten. Die clericale Presse war zum Ableger aller nationalistischen und antisemitischen Lügen geworden. Die elsässischen Juden begannen allmählich klar zu sehen. Sie erkannten, dass sie trotz aller-Opfer, die sie ihrem Vaterlande gebracht, in demselben Fremde geblieben waren; und das Gefühl, das sie nicht mehr zu empfinden hofften, trat mit elementarer Gewalt wieder auf — das Gefühl, heimatlos und vogelfrei, ein Spielball der Völker zu sein, in Zeiten guter Laune geduldet, in Zeiten des Zornes verfolgt und geächtet. Sie sahen ihr Geschick und das ihrer Nachkommen, das sie durch die Assimilation hatten sicherstellen wollen, wieder ungewiss. Ihr Ringen war vergeblich gewesen. Ein neuer Sisyphos, hatten sie ihren Stein beinahe bis zum Berggipfel gebracht — und wieder war er ihnen entrollt. Da hörten sie — es war die Zeit der ersten Baseler Congresse — ganz ungewohnte Worte. Sie hörten von einem Volke, dessen Söhne sie seien: von Aufgaben der Cultur, die sie, den anderen Völkern gleich, als Volk zu lösen hätten; von einer Sprache, die ihre Väter gesprochen und die ihre Kinder wieder sprechen sollten; von einem Lande, das ihre Vorfahren bebaut und das sie wieder bebauen sollten. Und die, die diese Worte verstanden, gelobten in ihrem Inneren, den Juden im Elsass ein Ideal zu weisen, verschieden von dem, das sie seit einem Jahrhundert erstrebt. ©ei3 ruiijäfjiscbe Brodas. Ausblicke. Die glänzenden Ernteaussichten vermögen nicht die Auswanderungsbewegung einzudämmen. Ganz im Gegentheile ist dieselbe im Wachsen begriffen und nimmt immer grössere Proportionen an. Früher bildeten sich Gruppen von je hundert Auswanderern, heute wird aus Bukarest die Bildung einer Gruppe angezeigt, welche tausend Familien umfasst. Rumänien wird bald die durch die Auswanderung dem Lande verloren gegangenen Arbeitskräfte bitter vermissen. Schon macht sich in den Donauhäfen ein Mangel an Trägern bemerkbar. Die Hafenarbeiter, welche eine der schwierigsten Arbeiten zu verrichten haben, bestehen zumeist aus Fremden : Griechen, Bulgaren, Serben u. s. w. Auch einige hundert Juden, kräftige und stämmige Gestalten, verdienten als Hafenarbeiter, Träger, Verlader u. s. w. den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien. Aber die Hafenbehörden, insbesondere einige Beamte, trieben den Antisemitismus so weit, dass sie den armen jüdischen Trägern principiell jede Arbeit verweigerten oder durch Chicanen und Polizeimassregeln es verhinderten, dass die in Betracht kommenden Händler jüdische Arbeiter anstellen. Unter solchen Umständen wanderten auch diese jüdischen Hafenarbeiter aus. Für sie wäre gewiss jetzt Arbeitsgelegenheit gewesen, und dennoch sind sie ausgewandert. Dies beweist entgegen den Behauptungen der officiösen „A g e n c e R o u m a i n e", dass die Juden nicht allein infolge der ökonomischen Misere, sondern auch aus politischen Gründen dem Königreiche den Rücken zukehren. Mittlerweile blicken die in Rumänien zurückgebliebenen Juden voller Hoffnung auf den nahenden Londoner Zionisten- Congress. Sie erwarten, dass dort ihre Sache mit wirklichem jüdischen Herzen vertreten werde, und dass dadurch die englische Weltpresse in die Lage kommt, auch über den Balken im europäischen Auge ein Wörtchen zu sprechen, wenigstens zwischen zwei Entrefilets, in welchen über die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.