Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Article
- Assimilationsbestrebungen im Elsass
- Date
- 1900-07-27
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 ,Die & Welt" Nr. 30 Gleichheit und Brüderlichkeit in die That umsetzen zu wollen, die Macht des Clerus schien gebrochen. Nun, trotzdem alle diese Factoren zusammentrafen, trotzdem sie beinahe hundert Jahre hindurch ihre Wirkungen ausüben konnten, war von einem Verschmelzungsprocesse zwischen Juden und Christen nie etwas zu sehen, weil das christliche Volk nie von einer Verschmelzung etwas wissen wollte. Durch das bekannte Decret der Nationalversammlung vom 27. September 1791 wurden die elsässischen Juden sammt ihren französischen Glaubensgenossen zu französischen Bürgern erklärt. Ihre Lage, die vorher eine precäre gewesen war, veränderte sich wie durch einen Zauberschlag. Sie waren nicht mehr der Willkür der Behörden und den Ausschreitungen des Pöbels ausgesetzt, sie waren in ihrer Freizügigkeit nicht mehr behindert, alle Gewerbe standen ihnen offen, die Sondergesetze, unter denen sie zu leiden hatten, waren aufgehoben, ihre wirtschaftliche Lage besserte sich. Die jüdische Religion wurde den anderen Religionsgenossenschaften gleichgestellt; der Staat besoldete fortan die Rabbiner und trug die Kosten für den Cultus. Die Juden, die sich als Bürger des Landes fühlten, das ihnen die Freiheit und die Gleichheit geschenkt, hielten es nun für ihre heilige Pflicht, ihr Möglichstes zu thun, um sich ihren neuen Mitbürgern zu assimilieren und nur noch Franzosen israelitischer Confession zu sein. In diesen Ideen wurden sie noch durch die Beschlüsse des im Jahre 1S07 zusammengekommenen grossen Synhedrions und die Rathschläge und Aufmunterungen wohlmeinender Christen bestärkt. Sie eigneten sich die Umgangsformen und die Art des Auftretens ihrer elsässischen Umgebung an. Sie suchten ihren deutsch-jüdischen Jargon möglichst aufzugeben. Statt sich ausschliesslich dem Handel zu widmen, begannen sie in allen möglichen Zweigen der menschlichen Erwerbsthätigkeit sich nützlich zu machen. Man sah sehr bald jüdische Handwerker, jüdische Staatsbeamte, Officiere, Aerzte, Anwälte u. s. f. Das Studium der hebräischen Sprache wurde stark vernachlässigt. Die Grundlage des Religionsunterrichtes bildete nicht mehr die Bibel, sondern ein Katechismus, der die Form der christlichen Katechismen nachahmte. Der religiöse Unterricht verfolgte den Nebenzweck, die nationale Seite des Judenthums möglichst in den Hintergrund zu schieben. Allmählich gerieth die Idee eines jüdischen Volkes und der Ausdruck „jüdische Nation", womit bis 1791 das Judenthum officiell bezeichnet wurde, in Vergessenheit. Dass zum völligen Aufgehen^ der Uebertritt zum Christenthum vonnöten wäre, dafür hatte jedoch der elsässische Jude kein Verständnis. Die Judenmissionen haben im Elsass immer schlechte Geschäfte gemacht. Im Laufe der letzten hundert Jahre haben sich höchstens 40—50 elsässische Juden taufen lassen. Der Grund lag wohl darin, dass die Ideen der Aufklärungszeit noch durch die Luft schwirrten: ein getaufter Jude hätte sich bei der freidenkerischen Bourgeoisie nur lächerlich gemacht Der Zusammenhang mit dem nichtfranzösischen Judenthum wurde möglichst zerrissen. Schon 1840 konnte Heine schreiben: „Die Juden in Frankreich sind schon zu lange emancipiert, als dass die Stammesbande nicht gelockert ^vären." Dies stimmte auch für den Elsass. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, auf gemeinsamen Ursprung und gemeinsame Leiden begründet, existierte nicht mehr. Man hielt sich nicht nur an die Antwort, die die dem Synhedrion vorangegangene Notabeln-Versammlung der Regierung gegeben hatte, dass „ein französischer Jude sich in England selbst in den Verhältnissen mit englischen Juden als fremd betrachtet". Man gieng darüber hinaus, man betrachtete die ausländischen Juden nicht nur als Fremdlinge, man begann sie zu hassen oder als minderwertig zu verachten. Man hatte allmählich die Ueberzeugung gewonnen, man verdanke die Emancipation der eigenen Kraft und dem eigenen Verdienste, die nicht emancipierten Juden anderer Länder seien selbst an ihrer unglücklichen Lage schuld, und da glaubte man, die fremden Juden könnten es auch einmal so weit bringen wie die französischen, wenn sie das französische Judenthum zum Beispiel nähmen. Diese Ideen werden wohl am besten durch die Thatsache illustriert, dass von allen internationalen jüdischen Wo hl thätigkeits-Veranstaltungen die „Alliance" im Elsass und im übrigen Frankreich allein populär wurde: sie suchte ja den unterdrückten Juden hauptsächlich dadurch zu helfen, dass sie sie französische Sprache und französische Sitten lehrte und ihnen das französische Judenthum gleichsam als Beispiel vor Augen führte. Die Assimilations-Bewegung machte im Elsass in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ziemliche Fortschritte — in den Städten ging es in schnellem, auf dem Lande in langsamem Tempo vorwärts. Doch sonderbarerweise, man sah nie den Verschmelzungsprocess sein Ende erreichen. Noch 1S6G konnte ein judenfreundlicher Schriftsteller, H. Mossmann (Etüde sur Thistoire des Juifs de Colmar) schreiben : „Die Assimilation macht sich langsam, aber sicher." Ueber den Ausdruck „sicher" lässt sich nach den späteren Erfahrungen streiten. Ueber einen todten Punkt schien die Bewegung nicht hinwegkommen zu können. Das Judenthum sah eben bei all seinem Liebeswerben sehr wenig Entgegenkommen bei der christlichen Bevölkerung. Das elsässische Volk hatte von Anfang an von der Emancipation nichts wissen wollen: es hatte mit aller Macht sich dagegen gesträubt und hatte zähneknirschend, dem Zwange folgend, nicht dem eigenen Triebe, das fait accompli angenommen. Die Emancipation hatte es nicht verhindern können; doch allen Assimilations-Gelüsten setzte es einen dauernden, unbezwingbaren passiven Widerstand entgegen. Der Hass und die Verachtung nahmen nicht ab; im Gegentheile, der Neid, den der emporblühende Wohlstand der Juden erregte, gab ihnen neue Nahrung. Eine Verschmelzung oder besser ein temporäres Zusammenleben war nur dort eingetreten, wo der Staat seinen Einfluss geltend machen konnte: in der Schule, in den Verwaltungen, beim Militär. Im übrigen war alles beim Alten geblieben. Wie vorher blieb der Name „Jude", auch ohne Epitheton ornans, ein Schimpfwort. Das Landvolk fuhr fort, die Juden, auch die angesehensten, per Du anzureden und verweigerte ihnen die Anrede „Herr". Nur Furcht vor Polizei und Militär hielt das Volk zurück, sich thätlich an den Juden zu vergreifen. Sobald der Druck der Regierung nachliess, stürzte das Volk wie eine Bestie, die des Bändigers nicht mehr achtet, in die Judenquartiere, zu sengen und zu plündern. Noch denken die Juden von Dürmenach, Altkirch, Thann u. s. f. mit Schrecken an den berüchtigten „Judenrummel" von 1848. Das Gesetz kannte kein Ghetto mehr; einem instinctiven Gefühle folgend, blieben die Juden in ihren Juden quartieren wohnen oder bauten neue. Das Gesetz erlaubte ihnen, sich überall niederzulassen; trotzdem gelang es vielen Ortschaften, wie zum Beispiel Ruffach, „judenrein" zu bleiben. Die Juden mussten ihre eigenen Geselligkeits-Vereine beibehalten; in den Wirtschaften hatten sie ihre Judenseite oder fanden ihre eigenen Tische reserviert. Einige reiche Familien wurden wohl in der christlichen Gesellschaft toleriert; dies war jedoch auch schon vor der Emancipation der Fall gewesen.