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Die Welt · 1900-07-27 · 30 (27.7.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
30 (27.7.1900)
Article
Ein misshandeltes Wort
Date
1900-07-27
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ,Die # Welt" Nr. 30 Und darin offenbart sieh am erkennbarsten die ganze ungeheuerliche Fälschung, welche an dem Begriffe der Nation und an dem des Nationalismus verübt worden ist und täglich weiter verübt wird, dass der Nationalismus schlechthin zum Antisemitismus zusammenschrumpft, dass alles Edle und Hohe aus ihm ausgeschieden und nur durch Gemeines und Niederes ersetzt worden ist Jawohl, man ist durch den Antisemitismus hindurch zu einem neuen Begriffe des Nationalismus gelangt, man will die grossen Völker-und Staatengegensätze auf dem Rücken der Juden auskämpfen und merkt dabei nicht, wie man sich dadurch selbst entwürdigt. Es wäre fast eine lächerliche Don Quixoterie zu nennen, wenn es nicht so unsäglich •traurig für den allgemeinen Culturstand wäre. Und dieses unsäglich Traurige hat das obenerwähnte norddeutsche Witzblatt mit zersetzender Ironie verdeutlicht, indem es sagte, was in Europa der Nationalismus ist. das seien in China die Boxer. Alle gerechte Entrüstung über die chinesische Fremdenkatastrophe hilft darüber nicht hinweg, dass ihr unbewusst ein grosser Bestandtheil von Heuchelei beigemischt ist, denn was man auch sage, es ist Hypokrisio, wenn man über den Fremdenhass der Chinesen in Wallung geräth und dabei den eigenen Fremdenhass als etwas Selbstverständliches ausgibt. Wir Zionisten, die wir uns rühmen, den nationalen Gedanken im Judenthum erneuert zu haben, dürfen wohl von uns sagen, dass wir den Nationalismus in seiner edelsten Deutung in Ehren halten. Unser Nationalismus ist so weit entfernt von Hass und Unduldsamkeit, dass wir sogar das Lob eines neuen Cuiturelenients für ihn in Anspruch nehmen. Wir hah'-n, eingedenk der citierten Schiller'schen Mahnung, unser Volk aus seinem historischen Schlafe aufgescheucht und unser Ziel ist, es sich selbst und einem neuen nationalen Dasein wiederzugeben. Doch nicht etwa so, dass es nur sich selbst lebe, sondern dass es, einmal in seine nationale Existenz wiedereingesetzt, auch der Gesammtcultur und also allen übrigen Nationen Erspriessliches leiste. Für dieses Ziel hat allerdings der heutige Nationalismus, dieser Wechselbalg des Hasses und der Lüge, kein Verständnis; er drückt der Civilisation das Brandmal der Barbarei auf. Aber so wie wir ihn verstehen und trotz aller Hindernisse zu Ehren zu bringen hoffen, birgt der Nationalismus das Tiefste und Kostbarste aller Volkesseele in sich: er macht die Nation zu dem, was sie sein soll, zu einem Element der Cultur das, in sich selbst gründend, durch seine befruchtende Mitarbeit auch für die anderen nüUüch und wertvoll bleibt. Was wir in London sehen sollen. Von Leo Rafaels. Die selbständigen Naturen, denen jede ungebetene Bevormundung verhasst ist, müssen sich diesmal ausnahmsweise ein klein wenig Bevormundung gefallen lassen. Wer nach London geht, kann sich dagegen sträuben, so viel er will, es nützt alles nichts, er muss einen Führer haben. Wer vollends als Zionist und Congressmitglied nach London geht, kann ein Pfadfinder ersten Ranges sein und wird doch sehr wohl thun, die freundlichen Winke eines alten Anglomanen zu beachten. Freilich, wer sich damit begnügen will, Baedekers „Sehenswürdigkeiten" zu bewundern, der braucht keine Führung und keinen Rath: es ist unmöglich, Trafalgar Square und die Westminster- Abtei, die Towerbrücke und den Nationalliberalen Club, das Britische Museum und die Nationalgallerie zu übersehen. Wer diese Wunder nicht von selbst bemeikt, der wird von jedermann dazu gedrängt, sie zu sehen. Auch der ungeheure Verkehr, die grössle Sehenswürdigkeit Londons, kann einem nicht entgehen. Von welcher Himmelsrichtung aus man sich der City auch nähert, immer und überall wird einem dasselbe Schauspiel begegnen. Zahllose Eisenbahnzüge über und unter der Erde, über und unter dem Wasser; Züge mit Locomotiven. Züge mit elektrischem Betriebe; in den Strassen endlose Wagenreihen, die mit Menschen dicht besetzt sind, drinnen, dmussen, auf dem Dache. Alle diese Wunder Londons sind mit dem leihlichen Auge zu sehen : dazu braucht ni.ui keine Führer. Aber das Merkwürdigste, das London für uns Juden enthält, drängt sich den Sinnen nicht auf, und kein ofticieller Führer nimmt sich die Mühe, uns darüber zu unterrichten. "Deshalb ist es nothwendig, an dieser Stelle die Theilnehmer am (Kongresse zu ermahnen, sie mögen ja nicht verabsäumen, sich drei jüdische Merkwürdigkeiten Londons anzusehen. Die erste Sehenswürdigkeit Londons, die sich den Blicken entzieht, ist der Boden, auf dem sich die Millionenstadt erhebt. Man s eht, ihn nicht, wo ihn das Pflaster bedeckt, aber auch nicht, wo ihn der immergrüne Rasen der grossen öffentlichen Parks und der kleinen Privalgärlen bekleiden. Das ist nicht der echte, natürliche Boden Londons. Die Arbeit von Jahrhunderten, man kann beinahe sagen von Jahrlausenden — denn London sieht an Alter nicht hinter Rom und Jerusalem zurück — und ungeheure, im Weltverkehre erworbene und mit Millionen Menschenopfern bezahlte Schätze stecken in der Cultur, die den nackten Naturboden zu beiden Seiten der Themse verbirgt. Wenn Ihr sehen wollt, wie die Erde unter der Culturschichte beschaffen ist. lasst Euch von den schnellen Verkehrsmitteln der Hauptstadt nach dem Norden tragen, nach der vielbesuchten, fast immer windbewepten Haide von Hainpstead. Dort sieht man in den zahlreichen Gruben und Mulden, wie der Boden von Hause aus beschaffen ist und was er von Natur an Bäumen und Sträuchern erzeugt. Sand und Geröll kommen zun» Vorschein, sobald der Sioek des Spaziergängers den dünnen Graswuchs durchdringt, dürrer, gehaltloser Boden, auf dem gerade nur so anspruchslose Hungerkünstler wie Wachholderbüsche, Brombeersträucher ihr Armendasein fristen. Schaut nach rechts und links: wo nicht fleissige Menschenhände die Gartenerde dazu getragen haben, da sind Boden und Vegetation dürre Haide. Eine Fahrt nach dem Ost« n zeigt, dass diese Armut nicht auf die Gegend von Hampstead beschränkt ist. Die Great Eastern-Bahn fährt lange durch trostloses Gebiet, wo Gemüsegärtner mit Mühe und Noth dem kargen Boden eine mässige Ernte abringen. Selbst die Felder von Essex zeugen von dem rastlosen Kampfe des Landmannes mit der widerwilligen Natur. Der Süden von London ist über und über mit echten Haidepflanzen bedeckt. Besenstrauch und Stechginster können sich?uf den Kreidebergen erhalten : für andere Pflanzen hat die Natur nicht gesorgt. Und auf diesem unfruchtbaren Haideboden wohnen gegen 6 Millionen Menschen dicht beisammen und finden jeden Morgen ihren Tisch von neuem gedeckt. Ist das nicht das grösste Wunder, die interessanteste Sehenswürdigkeit Londons? Für uns Juden, die wir daran gehen, unsere alte Heimat wieder wohnlich zu machen, ist diese Sehenswürdigkeit ein lehrreiches Exempel. Wenn wir von der Wiederbesiedelung Palästinas sprechen, sind die Denkträgen und Mattherzigen schnell mit der trostlosen Ein-

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