Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-07-27 · 30 (27.7.1900) · p. 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
30 (27.7.1900)
Article
Ein misshandeltes Wort
Date
1900-07-27
Page
1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315882-3371367--21056-3371495
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien. IX., Türkenstrasse Nr. 9. zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3—4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heiter. Der Inseratentheü wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Bezngspreise: Äri/Cich--DK-arn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland . . _ 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg.. halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 GL Nr. 30. Wien, 27. Juli 1900. 4. Jahrgang Ein misshandeltes Wort. Von 0. Erter. Es ist keine Rettung beabsichtigt. Lessing selbst würde sich vergebens bemühen, der Unbill Einhalt zu thun, welche seit geraumer Zeit dem Begriff des „Nationalismus" zugefügt wird. Wenn die Gedankenlosigkeit und der böse Wille eines Schlagwortes bedürfen, so verüben sie an dem Sprachgeiste die brutalsten Gewaltthätigkeiten, und weil nun schon einmal, wie' bekannt, •„Verstand stets nur bei Wengen gewesen-, so gelangt die Mehrheit, die, wie ebenfalls bekannt, „Unsinnist, immer wieder eines Tages ganz bona fide dazu, einen schönen Begriff in einen widerwärtigen umzuwandeln, ein gutes Wort mit einem schlechten Inhalt zu füllen. Oder vielmehr, sie gelangt dazu, für eine vollwertige Münze eine nichtsnutzige hinzunehmen, ohne dass sie sich weiter um die Fälscher und die Fälschung kümmert. Eine niederträchtige Fälschung aber ist es, die an dem Worte „Nationalismustagtäglich hundertmal begangen wird, und da jüngst sogar ein sehr hervorragendes norddeutsches Witzblatt das chinesische Boxerthum und den „Nationalismus" in einem Athem genannt hat, so verlohnt es sich wohl der Mühe, die nichtswürdige Tendenz niedriger zu hängen, welche bei dieser Gewaltthat am Sprachgeiste im Spiele ist. Die Zionisten haben ein besonders lebhaftes Interesse daran, die sogenannten „Nationalisten" zu demaskieren, denn für uns bedeutet die Ehrfurcht vorder Nationalität die kostbarste und unveräusserlichste aller Volkstugenden. Wir wissen, welcher Schatz von geistiger Kraft und Erhebung in dem Glauben an die Natur, an das Merkmal der Geburt, verschlossen liegt, und wie vergebens es ist, sich dieses Merkmals entäussern zu wollen. Aber wir wissen auch, wie wenig der Hass der Ausschliesslichkeit mit dem Bekenntnis zur nationalen Gemeinschaft zu scharten hat; und dass auch die Deutschen — sie sogar zuerst — den Nationalismus zu einem Feldgeschrei des Hasses gemacht haben, ist uns umso unverständlicher, als gerade einer von den grössten deutschen Dichtern mit dem tiefsten Pathos menschlicher Empfindung gesagt hat: Nichtswürdig ist die Nation, Die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre. Diesen Dichter hat man das Gewissen seiner Nation genannt, und er ist daneben auch durch hundert Jahre der Dichter der deutschen Jugend gewesen. Und fürwahr, die deutsche Nation hat dem Nationalismus, den er in die Seele dreier Generationen gepflanzt hat, mehr zu danken, als sie heute vielleicht einzuräumen geneigt ist. An der nationalen Wiedergeburt des deutschen Volkes hat ausser Bismarck kein Deutscher einen grösseren Antheil als Schiller. Daran muss man stets von neuem erinnern, wenn der heutige sogenannte Nationalismus, der die schmachvollste Verleugnung alles edlen Volksthums ist, in seinen von Hass und Roheit strotzenden Orgien schwelgt. Schiller war ein Nationalist, aber was für einer! Er meinte nicht, dass eine Nation ihr Existenzrecht beweise, indem sie das Existenzrecht einer anderen Nation beeinträchtige und verkümmere: ihm schwebte das grosse Ideal des nachbarlich freundlichen Nebeneinander aller Nationen vor, und mehr noch: die Anerkennung und Unterstützung der kleinen Nationen durch die grossen, der schwachen durch die starken. Dieser ideale Nationalismus ist nur noch eine schöne Erinnerung von vorgestern. Etwas anderes, das sein gerades Gegentheil ist, hat seinen Namen usurpiert. Die neuen Nationalheiligen heissen Treitschke, Schönerer, Drumont. Was heute sich Nationalismus nennt, ist ein betrügerisches Schlagwort, hinter dem sich nichts als der Antisemitismus verbirgt. Es handelt sich den deutschen Nationalisten nicht um die Behauptung der nationalen Machtstellung, den französischen nicht um die Wiedererlangung des früheren internationalen Uebergewichtes; trotz aller Gegensätze dies- und jenseits des Rheins mündet der französische mit dem deutschen Nationalismus zusammen in dem gemeinsamen Hasse gegen die Juden. Man konnte den starken Pulsschlag echter nationaler Empfindung in dem Liede des Dichter» Nikolaus Becker spüren, das mit seinem hellen Refrain : „Sie sollen ihn nicht haben, den deutschen Rhein!* aufstürmend nach Frankreich hinüberdröhnte und Alfred de Mussets feurige Erwiderung hervorrief. Aber davon ist nichts, gar nichts übriggeblieben in den gehässigen Pamphleten Treitschkes, in den nichtswürdigen Machinationen Merciers und den niederträchtigen Verleumdungen Drumonts.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.