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Die Welt · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Article
Chinesische Juden
Date
1900-07-20
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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>>\u- 0 „Die & Welt- Nr. 29 Es waltet ein eigener Unstern über der Judencolonie in China. Immer wieder wird der Versuch gemacht, unseren armen Stammesgenossen von Kai-fung-fu zuhilfe zu kommen und immer kommt irgend ein unglückliches Ereignis dazwischen und zerreisst die kaum angeknüpften Beziehungen. Der Vortrag Marcus Adlers hat das Interesse der weitesten Kreise geweckt; aber was etwaige praktische Folgen betrifft hätte er zu keiner ungelegeneren Zeit kommen können. Es wird jetzt viele Jahre dauern, bis man imstande sein wird, sich mit einer friedlichen Mission nach China zu begeben. L. R. ©cf iHiir>äf)iscbe ß^odus. Das neueste Stückchen der rumänischen Machthaber. Der ,.A deverul" schreibt unter dem 6. d. M.: „Seit zwei, drei Tagen beschäftigen sich zahlreiche Polizeiagenten damit, die Namen der jüdischen Notabein in Erfahrung zu bringen. Diese werden dann scharenweise zur Polizei-Präfectur vorgeladen, wo ihnen der Präfect Vorlesungen über Patriotismus und Bürgerpflichten hält und dann die einen in Güte, die anderen unter Drohungen auffordert, einen Protest gegen die „Alliance Israelite" und die ausländische Presse zu unterzeichnen. Einige von den zur Polizei Citierten haben kategorisch das Ansinnen des Präfecten zurückgewiesen, andere haben sich unter den verschiedensten Vorwänden entschuldigt wieder andere haben sich bereit erklärt, der Forderung unter der Bedingung zu entsprechen, dass der Protest kein individueller, sondern ein collectiver sein soll. Um ihn zustande zu bringen, haben es die letzterwähnten Juden übernom men die jüdischen Tempel-Comites (nach rumänischen Gesetzen gibt es keine officiellen Cultusvorstände) und Hilfs-Comites zusammenzuberut'en. um die Mitglieder derselben von der Notwendigkeit eines solchen Protestes zu überzeugen." Der ,..Adeverul~ fährt dann fort: „Die Nachricht von den Schritten der Polizei und der Gefügigkeit der Notabein hat unter den armen Juden neuerlich grosso Aufregung verursacht. Die Aufregung ist so bedeutend, dass es leicht zu Unruhen kommen kann. Man spricht von Denunciationen bei der Polizei, von Verzeichnissen der Ungefügigen, von Verhaftungen und Ausweisungen." Ueber den Inhalt des Protestes erhält das Wiener Actions-Comite aus Crajova interessante Aufschlüsse. Demnach wird in dem Protestformulare, das sämmtlichen Polizeipräfecturen des Landes von Bukarest zugeschickt wurde, von den „unterzeichneten jüdischen Bürgern" u. a. erklärt, dass sich an der Emigrationsbewegung kein einziger heimischer Israelit betheilig^, die Auswanderer vielmehr aus dem Auslande hergelaufene Vagabunden seien, die zu der Hefe der Bevölkerung gehör en. Die Polizeipräfecturen wenden die unglaublichsten Zwangsmittel an, um möglichst viele Unterschriften zu bekommen. Die Zuschrift aus Crajova erinnert daran, dass im Jahre 1S7R zur Zeit des Berliner Congresses der damalige Ministerpräsident Bratianu ein ähnliches Manöver versuchte, indem er von angesehenen Juden Erklärungen erpressen Hess, die besagten, dass die einheimischen Juden in Rumänien alle Bürgerrechte besässen. Eine Lection. Eine Wiener jüdische Firma, deren Name uns bekannt ist, hat dieser Tage an ein grosses rumänisches Geschäftshaus, welches mit ihr Verbindungen anknüpfen wollte, folgendes Schreiben gerichtet: „Wir danken Ihnen bestens für Ihre gefl. Mittheilungen, sind aber nicht geneigt, mit einem Lande, welches treue und verdiente Staatsbürger wegen ihrer Confession verfolgt und ausweist, in Verbindung zu treten." Ist die wirtschaftliche Krise allein die Ursache der Judenauswanderung? Diebeste Antwort daraufgeben wohl folgendeThatsachen: Der Grosskaufmann Simon Bernstein in Br.aila hat seine Häuser, sein Warenlager und was er sonst an beweglichem und unbeweglichem Vermögen besass, verkauft und ist mit dem Erlös — 200,000 Fiancs — dieser Tage nach Canada ausgewandert. — In Bukarest hat sich vor kurzem eine Auswanderer-Gesellschaft gebildet, die nur solche Mitglieder aufnimmt, welche über ein Barvermögen von 20.000 Francs verfügen. Fünfundachtzig Personen sind bisher dieser Gesellschaft beigetreten. Der Gründer und Leiter der Gesellschaft ist der Bukarester Banquier H a 1 p e r n. Die rumänische Regierung bietet alles auf, um die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen, diese haben einander jedoch schon den Eid der Treue geschworen und machen sich unwiderruflich bereits in den nächsten Tagen auf den Weg. Wem verdanken die Rumänen ihr bisschen Europäerthum? Vorige Woche wurde wieder ein jüdischer Journalist aus Rumänien ausgewiesen, weil er in einer Broschüre den entmenschten Bedrückern seiner Volksgenossen einige unangenehme Wahrheiten gesagt hatte. In der betreffenden Broschüre heisst es u. a.: „Ihr habt von den Juden zuerst gelernt, aus Tellern zu essen, und nun springt Ihr ärger mit ihnen um als mit Euren Hunden. Euer erster und einzig bedeutender Dichter war ein Jude (Alexandrij), Euer erster und einzig hervorragender Philologe ein Jude (Scheineanu) und Euer erster und in Europa einzig anerkannter Mathematiker gleichfalls ein Jude (Emanuel David)! Und so verhält es sich auf allen Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Literatur. Was Ihr Rumänen an Europäerthum habt, das verdankt Ihr den Juden. Und dennoch behandelt Ihr sie schlimmer als Parias, gewähret ihnen nicht einmal Schutz des Lebens und Eigenthunas.* Noch etwas Auswanderer-Statistik. Aus Bukarest sind laut einer amtlichen Zusammenstellung innerhalb eines Jahres 5786 Juden ausgewandert. — Aus Jassy wanderten im Mai d. J. 725 junge Leute im Alter von 15 bis 30 Jahren, ferner 272 Mädchen im Alter von 15 bis 20 Jahren aus. — Im Verlaufe der vorigen Woche wandelten aus: 569 Personen aus Bukarest, 105 Familien aus Podul-Illoie, 497 Personen aus G a 1 a t z, darunter 20 Mädchen per Eisenbahn und 86 Fussgänger; ferner aus B r a i 1 a 360 Personen nach Cypern und 89 Fussgänger nach Canada, aus Jassy 212 Fussgänger, aus Focsani 110 F'ussgänger, darunter 50 Mädchen, aus Bottuschan 150 Fussgänger, aus Husch 100 Fussgänger, aus B a c a u 120 Fussgänger und 100 Personen per Eisenbahn, aus Roman 65 Personen, aus Rimnicu-Sarat 30 Personen, aus V a s 1 u i 20 Personen. Von den Leiden den Auswanderer. Vorige Woche kam in Budapest mit dem Dampfer „Hildegard* der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft eine Gruppe von Auswanderern an, die einen sehr traurigen Anblick gewährte. Als einige Vertreter der Pester Cultusgemeinde sich auf das Schiff begaben, stürzte ihnen eine Auswandererfrau, die einen Säugling in den Armen hielt, schluchzend und händeringend entgegen. Sie war körperlich so herabgekommen, dass sie dem armen Wurme schon seit einigen Tagen nicht hatte die Brust reichen können, und in der Schiffsküche wollte man ihr, wie sie erzählte, trotz ihrer flehentlichen Bitten keine Milch verkaufen. Rasch wurden Aerzte herbeigeholt, welche constatierten, dass der Säugling dem Hungertode nahe sei, und dessen Ueberführung in das Rochusspital veranlassten. Die anderen Auswanderer bestätigten die Angaben der armen Frau und beklagten sich

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