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Die Welt · 1900-07-20 · 29 (20.7.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
29 (20.7.1900)
Article
Chinesische Juden
Date
1900-07-20
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 ,Die 3& Welt" Seite 5 vorkommt: „Tagtäglich rufen wir unter Thränen den heiligen Namen an. Wenn wir uns nur wieder Rabbiner verschaffen und unseren Tempel herstellen könnten, dann hätte unsere Religion eine feste Stütze." Im Jahre 1850 beschloss die Missions-Gesellschaft in London, genaue Erkundigungen über die Juden in Kai-fung-fu einzuziehen, und sandte zwei bekehrte Chinesen hin, die sich zu diesem Zwecke mit Empfehlungsbriefen jüdischer Kaufleute in Shanghai ausgerüstet hatten. Sie fanden die jüdische Colonie in einem trostlosen Zustande: nicht ein einziger unter ihnen war imstande, hebräisch zu lesen, seit fünfzig Jahren hatten sie keinen Rabbiner mehr, und die Synagoge war verfallen; die ganze Gemeinde mochte aus etwa fünfhundert ungemein dürftigen, herabgekommenen Menschen bestehen. Ihr Ritual war ganz genau dasselbe, das die Juden in Yemen befolgen und wie es Maimonides in seinem Jad Hachasaka vorschreibt. Möglicherweise hatten sie in früheren Zeiten ein anderes Ritual gehabt, und dieses von persischen Sendboten angenommen. Die Missionäre brachten sechs Gesetzesrolhm und vierzig Gebetbücher nach London, und Dr. Neubauer hat sie in der „Jewish Quarterly Review" beschrieben, und Marcus Adler ist nach genauem Studium zu der Ansicht gelangt, dass sie alle aus dem Jahre 1(520 stammen dürften. Auch Bücher im Quartformat, auf chinesischem Papier gedruckt, besassen diese chinesischen Juden; jedes enthielt einen Wochenabschnitt, und eines derselben trug die Jahreszahl 1(52:}. Die Berichte protestantischer Missionäre erregten endlich die Aufmerksamkeit der Juden, und der verstorbene ^«-S^^-^TT 1 ^.siJiiaaflg: 5:4H'P^^k^: iiSfiMwWMxri Chief-Rabbi drang in den Londoner Gemein de vorstand, sich der armen Glaubensgenossen in China, die sich in so trostloser Lage befanden, mit Rath und That anzunehmen; aber die Tai-Pieg-Empörung machte dies unmöglich. Im Jahre 1S52 wollte ein jüdischer Verein in den Vereinigten Staaten, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, jüdische Missionäre in weltferne hilfsbedürftige Colonien zu entsenden, eine Mission nach China ausrüsten, als der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach und das Unternehmen im Keime erstickte. 1S64 kam der jüdische Reisende Benjamin II. nach England und erbot sich, im Namen der Londoner Judenschaft nach China zu gehen: daraufhin bildete sich sofort ein Verein zu diesem Zwecke, aber Benjamin starb plötzlich, und so kam wieder nichts zustande. Im Sommer des Jahres 1SG7 besuchte der Jude V. L. Liebermann Kai-fung-fu und der Bericht, den er über die chinesischen Juden an seinen Vater schickte, wurde damals von Rev. Dr. Löwy ins Englische übersetzt. (Julinummer des „Jewish Chronicle".) Die jüngsten Nachrichten, die uns über unsere chinesischen Glaubensgenossen zugekommen sind, rühren aus einem Artikel im „American Hebrew" vom 12. Jänner 1900 her, in dem es heisst, dass die jüdische Colonie in Kai-fung-fu 400 bis 500 Seelen zählt, den Sabbath und die hohen Festtage haobachtet, aber in chinesischer Sprache betet. Vor kurzem hat der Chief-jRabbi Dr. Adler zwei Briefe aus Shanghai erhalten, einen von Lewis M oore, dem Chef der Firma Philipp Moore Sc Comp., und einen von S. I. Solomon, dem Chef dar Firma E. D. Sassoon & Comp. Wir citieren einige Stellen aus dem Briefe Solomons: „Unsere kleine Gemeinde ist von dem grössten Eifer beseelt, den Juden in China in ihrer beklagenswerten Lage beizustehen und einige Herren erklärten sich bereit, sich nach Kai-fung-tü zu begeben. Wir sahen aber vorläufig davon ab und wollten zuerst versuchen, brieflich Erkundigungen einzuziehen und vielleicht einige Glaubensgenossen in Kai-fung-fu zu bewegen, nach Shanghai zu kommen, um mit uns über die Mittel und Wege zu berathen, wie ihnen zu helfen sei. Ich habe also an einige gute Freunde im Innern Chinas geschrieben und bedaure, dass die Antworten, die ich erhalten, so ungünstig lauten. Unsere armen Brüder in Kai-fung-fu — es gibt ihrer dort und in den umliegenden Districten etwa MX) bis 500 — sind leider nur dem Namen nach Juden, denn sie können weder hebräisch lesen, noch beobachten sie den Sabbath, halten kein einziges von unseren Geboten, haben weder Lehrer, noch Synagoge und heiraten heidnische und mohammedanische Frauen, was zur Folge hat, dass sie selbst Heiden oder Mohammedaner werden. .

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