Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Article
- Die Weltgeschichte hat Eile
- Date
- 1900-07-20
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit«* i> „Die O Welt" Nr. 29 bestimmt werden. Es ist auch für uns schon höchste Zeil, das unsichere Schweben im Bereiche abstracter Ideen aufzugeben und geraden Weges zur ernsten Wirklichkeit zu schreiten. Der Zionismus ist kein Theorem, sondern die Gesammtheit der Mittel, welche auf die Erreichung eines bestimmten, ganz reellen Ziele* gerichtet sind. Reelle Ziele aber werden mit - Hilfe reeller Mittel erreicht. Die Jüdische Golonialbank stellt dieses mächtige Mittel dar, welches imstande ist, dem Zionismus einen Lebensinhalt zu verleihen. Jede verkaufte Actie ist ein Stein des Volksgebäudes, welches die Zionisten in der Heimat errichlen wollen. Ungeachtet der grossen Menge innerer und äusserer Widerstände erfreut sich die Jüdische Golonialbank eines stetigen Wachsthums. Nicht durch die Gnade der Reichen, sondern durch die Mitfei der breiten Volksmasse, welche vor keinen Opfern zurückschreckt, erhebt sich diese heue nationale Ansialt, der beste Ausdruck dafür, wie tief die Idee der Selbsthilfe in unser Bewusstsein eingedrungen ist. Um diese Anstalt müssen sich alle Zionisten scharen und sie auch wie ihr allerhöchstes Gut schützen. Für ihre Entwicklung dürfen wir keine Kräfte schonen, für ihre Sicherstellung müssen wir alle unsere Energie anspannen. Bei einem Cassenbestande von 2'/2 Millionen Rubel in Barem wird die Jüdische Golonialbank ihre Operationen eröffnen können. Wenn die Actionäre der Bank die Theilzahlungen, mit denen sie im Rückstände sind, leisten würden, so wäre diese Summe nicht nur erreicht, sondern um ein Bedeutendes überschritten. Der Gongress zu London erscheint als eine dringende Mahnung an jeden Zionisten, seine Schuldigkeit zu thun. Es ist zu erhoffen, dass jetzt, nachdem die Aclien der Jüdischen Golonialbank von unserem Finanzministerium als der zollfreien Emission für den inneren Verkehr unterliegend anerkannt worden sind, alle, denen das Interesse dieser durch die Mühe des Volkes errichteten Anstalt am Herzen liegt, die Möglichkeit schaffen werden, das Angefangene zu Ende zu führen. Wer nicht vorwärts schreitet, der bleibt zurück. Auf halbem Wege können und dürfen die Zionisten nicht stehen bleiben. Die Möglichkeit, dass es dem Londoner Gongresse beschieden sein wird, die ersten praktischen Schritte zur Durchführung der zionistischen Aufgaben zu unternehmen, lässt eine bedeutende Anzahl von Theilnehmern als dringend erwünscht erscheinen. Die wahrhaften Zionisten werden weder die weite Entfernung, noch auch die etwas grösseren Kosten scheuen. Die zionistische Angelegenheit wird noch einen Schritt vorwärts machen und vielleicht einen sehr bedeutenden Schritt! Eine Protestkundgebung. Von Dr. J. Rülf. (Bonn.) Die jüdische Studentenschaft von Bonn hat „angesichts der schmachvollen Ereignisse zu Könitz" auf Anregung der jüdischen Studentenverbindung „Rheno- S i 1 e s i aM eine Protestkundgebung in die Welt geschickt, die wohl eine kurze Würdigung an dieser Stelle verdient. Man kann darüber getheilter Meinung sein, ob Form und Fassung des Protestes sachentsprechend seien. Eines aber verdient ungetheilte Anerkennung, die Gesinnung, welche sich darin ausspricht, der Muth des Bekenntnisses der Volkszugehörigkeit — Tugenden, die der jüdisch-akademischen Jugend an den deutschen Universitäten bisher zum grossen Theile abhanden gekommen zu sein schienen. Gerade hier war ja jene Assirnilierungs- und Amalgamierungssucht der Nach-Mendelsohn'schenPeriode grossgezogen worden, die nichts mehr von einer jüdischen Nation wissen wollte. Und da die Adepten dieser Assimilierungssucht auch vom jüdischen Glauben nichts wussien, so waren sie schon gar keine Juden mehr. Der Name aliein thut's nicht; der macht uns weder zu gläubigen, noch zu nationalen Juden. Und die Anpassungssucht der akademischen Bürger jüdischen Glaubens hatte ansteckend gewirkt auf ihre Commilitonen an allen Universitäten der Welt Die russischen Akademiker waren noch weit gefall- und abfallsüchtiger als die deutschen und hatten nur noch Hohn und Spott für ihre Glaubens- und Volksgenossen, und dieser Hohn erstreckte sich sogar bis auf Ihre Universitätsgenossen in Deutschland. Was wollt Ihr? hiess es, wir sind noch weit bessere Russen als ihr deutsche Studenten Deutsche seid, und unsere Stellung und Haltung ist eine bevorzugtere, sowie auch unsere Aussichten in Bezug auf den Staatsdienst weit besser sind als die Eurigen. — So war's, ich hab's erfahren und kann's bezeugen. Und wie war denn die ehemalige Stellung der jüdischen Studierenden vorantisemitischer Zeit? Sie befanden sich wahrlich in keiner ehrenvollen und beneidenswerten Situation. Sie waren geduldet, aber nicht gleichgestellt und gleichgeachtet. Jude zu sein blieb jederzeit ein Makel,- selbst zu der Zeit, als Freiheit und Gleichheit, liberale Gesinnungen und Bestrebungen noch an den Akademien ihre letzte Zuflucht fanden. Dicstudentisclien Verbindungen haben wohl auch Juden aufgenommen — nicht ulle, denn gewisse Corps, die sich besonders vornehm dünkten, haben sieh von jeher gesträubt, Juden als Mitglieder zu dulden —: allein, was hat so ein jüdischer Verbindungsstudent, seine Herkunft betreffend, hören und eiirngen, welche Selbstverleugnung, Schmeichelei und Kriecherei hat er üben müssen, um seine Stellung zu behaupten. Er war das Stichblatt aller Verbindungsmitglieder, selbst der geringsten und nichtsnutzigsten, und dieser, der selbst viel gehänselten, erst recht. Man hat seine geistigen Vorzüge, seine geistige Ueberlegenheit willig anerkannt; aber w*ehe ihm, wenn er in Leibesgewandlheit und Leibesübung, im Saufen und Raufen — was glücklicherweise allzinneist der Fall war — gegen die anderen zurückstand. Er hatte alle Höllenqualen schon diesseits auszukosten. Man kann getrost behaupten, dass die gegenwärtige Stellung der jüdischen Studierenden eine weit günstigere, freiere und würdigere ist als ehemals, da sie noch als „Conkneipanten" in den studentischen Verbindungen mitthun durften. Jetzt sind die jüdischen Studenten unter sich, und wie es ihnen beliebt, bleibt ein jeder auch für sich, oder sie bilden jüdische Studentenverbindungen, wie solche schon an den meisten deutschen Universitäten bestehen. Der einzelne findet unter der Finken schal t Genossen jeglicher Art, mit denen er harmlos, ungezwungen und unbelästigt auf dem Fusse der Gleichberechtigung verkehren kann, und wäre dieser Genosse seiner Gesinnung nach selbst ein eifriger Christlich-Deutscher. Und nun gar die jüdische Studentenverbindung — welch ein frohes, freies, gemüthvolles Burschenleben herrscht in einer solchen Verbindung! Es ist sehr viel über das Für und Wider solcher Verbindungsberechtigung gestritten worden. Für einen jeden, welcher auch nur eine einzige Stunde in einer solchen Verbindung zu-