Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 29 (20.7.1900)
- Article
- Die Weltgeschichte hat Eile
- Date
- 1900-07-20
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Die Weitgeschichte hat Eile. Von Prof. G. Belkowsky (Petersburg). Die Erwartungen derjenigen, dieda glaubten, dass die im'Mai d. J. abgehaltene Plenarversammlung des Actions-Comites für heuer keinen Congress einberufen werde, haben sich nicht erfüllt. Kaum ein Monat trennt uns vom Tage, an welchem die activen Träger der Idee der Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seiner geschichtlichen Heimat sich in London versammeln werden, um die Fragen zu berathen, welche bei dem gegenwärtigen Stande der zionistischen Angelegenheiten zu lösen sind. Aufs neue ertönt ein durchdringender Seufzer der jüdischen Volksseele, welche durch die Vorfälle, die sich in Rumänien, Polna, Könitz, Paris und Wien abgespielt haben, tiefbewegt ist. Aber nur den ersten Tag werden die Zionisten den Ergüssen des Judenelends widmen. Wie gross die Bedeutung einer zeitweiligen öffentlichen Erörterung des Judenelends auch sei, würden die Zionisten sich dennoch niemals dazu entschHessen können, um dessentwillen allein die bedeutenden Opfer zu bringen, mit welchen die Veranstaltung eines Weltcongresses verbunden ist. Indem die Zionisten zu ihrer Parole das Princip der nationalen Selbthilfe gewählt haben, sind sie von der festen Ueberzeugung durchdrungen, dass der unerschütterliche Wille unseres Volkes, eine bestimmte Stelle im Familienkreise der Völker einzunehmen, zum gewünschten Ziele führen muss. Das Vorhandensein eines solchen Willens muss ausserhalb jedes Zweifels stehen. Er muss daher in ganz bestimmten Formen sich äussern. Die Frage der zionistischen Organisation tritt von selbst an die erste Stelle. Die zerstreuten Theile der Judenheit in einer Körperschaft zu vereinigen, welche das Recht haben soll, im Namen des gesammten Judenthums zu sprechen und zu wirken und dessen Lebensthätigkeit auf e i n festes Ziel zu richten, diese Aufgabe verlangt unstreitig eine grosse Agitationsarbeit. Unser übertriebener Individualismus ist jedoch nicht leicht einer Einwirkung zugänglich. Die am ersten Congress geschaffene Organisation zeigte wohl ihre volle Lebensfähigkeit, allein das Leben stellt an sie verschiedene Anforderungen, welche einige wichtige Vcibe.-i.-erungon nölhig «-fache'.nen lassen. Zum erstenmale sind in das Programm des Zionisten-Gongresses die ungemein wichtigen Fragen der physischen, geistigen und ökonomischen Entwicklung der Juden aufgenommen. Es ist zu hoffen, dass es dem vierten Congress gelingt, einen der verbreitetsten Irrthümer zu zerstören, welcher über uns herrscht: als ob der Zionismus in einen politischen, diplomatischen, culturellen, colonisatorischen u. s. w. einzutheilen wäre. Es muss festgestellt werden, dass der Zionismus seinem Wesen nach in nichts anderem bestehen kann, als in der Schaffung regelmässiger Bedingungen zur Entwicklung unserer nationalen Individualität in unserer historischen Heimat, und dass man mit diesem Gattungsbegriffe stets einen ganz bestimmten Inhalt verknüpfen muss. Der Zionismus muss auf alle Seiten unseres Lebens einwirken. Wer zum Beispiel seine Kräfte der Mitwirkung an der intellectuellen Entwicklung des Volkes weiht, der erfüllt nur einen Theil des allgemeinen zionistischen Programmes, da ja der culturelle Zionismus nur einen Artbegriff darstellt. Die Feststellung der richtigen Proportionen der einzelnen Theile des allgemein zionistischen Programmes untereinander und zum Ganzen bietet ein grosses praktisches Interesse dar. Es muss auf die Vereinigung sämintlicher Kräfte hingearbeitet werden, welche in verschiedenen Sphären wirken, aber einem und demselben Zwecke zustreben. Uns steht noch viel zu viel Arbeit bevor, als dass wir uns schon einen Luxus, wie die Bildung von Fractionen erlauben könnten. Derjenige, welcher in sich nicht die Fähigkeit entwickelt hat, sich einer gewissen Disciplin zu unterwerfen, hat kein Recht, sich einen Zionisten zu nennen. Es wird kaum übertrieben sein, wenn man sagt, dass das wichtigste Hilfsmittel des Zionismus zur Erreichung seines Endzieles die Jüdische Colonialbank ist. Ihre Schaffung ist der beste Beweis dafür, dass die Zionisten die Bedeutung der realen Momente erkennen, welche ihrer Thätigkeit zugrunde liegen müssen. Es ist nicht nöthig, zu diesem Zwecke die Blätter der Colonialgeschichte verschiedener Staaten aufzuschlagen. Man braucht nur in die Tiete der Ereignisse einzudringen, welche sich vor unseren Augen abspielen, und zwar vom Standpunkte jener realen Bedingungen, durch welche di<- Verhältnisse verschiedener YöI'.öt zueinan-'cr