Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-07-13 · 28 (13.7.1900) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
28 (13.7.1900)
Article
An der Klosterpforte
Date
1900-07-13
Page
14 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315880-3371002--20859-3371093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 14 „Die 2& Welt" Ni. 28 Sie hielt eine Weile inne. Dann bettelte sie weiter. „Alles will ich Ihnen geben, gute, liebe, heilige Fräuleins — nur mein Kind will ich! — Nein, nicht geben sollen Sie sie mir, nur sehen lassen Sie mich das Kind, nur sehen!" Es war alles vei-gebons. Das Kloster blieb stumm. Wild kam die Erinnerung des grossen Leides über sie, des Schmerzes, den jene da drinnen ihr angethan hatten. Ungeberdig schlug sie nun an die Pforte. „Mein Kind, mein Kind will ich haben! Ihr habt mir mein Kind gestohlen!* Das kreischte, sie in die nächtliche Stille hinaus. Einige Fenster flogen auf, Stimmen wurden laut. Schritte kamen näher. Das erregte sie immer mehr. Sinnlos vor Leid, riss sie an der Glocke und schrie dazwischen nach ihrem Kinde. Auf dem Platze war es unruhig geworden. Einer fragte den anderen, erst mit unterdi-ückter Stimme, dann wurde das Sprechen rege und laut "r „Was, die!" hiess es. „Soll froh sein, dass ihr Kind gut untergebracht ist!" „Eine arme Mutter ist sie doch, sollten ihr das Kind geben!" meinte eine gebeugte Frau, indem sie sich mit der Schürze die Nase wischte. „Wie klug die alte Babe ist! Gebt ihr das Kind Jetzt, wo es die heilige Taufe bekommen hat!" rief geheimnisvoll ein Mann mit glattrasiertem Gesichte, der aussah wie ein Messner. „Nun ist es ein Christenkind, und Ihr wisst ja, Ostern kommt . .." Die Nächsten drängten sich an ihn. Er machte mit der Hand eine Bewegung quer über die Kehle. Die alte Frau Hess sich nicht abschrecken. „Was Ihr für schlechte Gedanken habt! Eine Mutter ist eine Mutter!" „Wer sich dieser Hundesöhne annimmt, kommt ins Fegefeuer!a drohte der Mann mit dem glatten Gesichte. Die alte Frau Hess sich nicht abschrecken. „Wird der' Herr für mich in der Hölle braten? Ich nehnrs auf mich, ich geh" zur Muttergottes und klag' ihr's, was Ihr da treibt!" Die Leute hörten nicht auf sie. > „Was lasst Ihr die Jüdin denn an der Thüre des heiligen Hauses rumoren?" meinte ein derber Mann mit stoppeligem Gesichte. Ein Murmeln des Unwillens erhob sich in der Menge, die inzwischen immer mehi angewachsen war. „In die Hölle mit dieser Brut! — Schickt die Jüiiin zum Teufel! — He, da kommen noch so ein paar! Ist wohl der Schächter auch dabei! — Packt sie, die Mörder!" Solche Rufe tönten einer Gruppe von Männern entgegen, die sich zur Klosterpforte drängten. Es waren ihrer etwa fünf, einige im dunklen Kafian mit langem Barte und Ringellocken, die typischen polnischen Juden. Ein Mann, der vorausgeeilt war, unterschied sich von ihnen in manchen Aeusserlichkeiten. Er trug einen dunklen Paletot, Bart und Haare waren modern zugestutzt, sonst war er in Gesicht und Wesen seinen Begleitern ähnlich. Er hatte die Frau sorglich umfasst und sprach ihr gut zu, „Ich hab' alles gethan, was nur möglich war. Telegramme an unsere Abgeordneten, an den Justizminister., an alle grossen Männer in Wien, die bekannt sind als gute Menschen. Der Minister hat hertelegraphiert an die Gerichte, an den Statthalter. — Sei ruhig, Gott wird helfen!" Die Frau hatte mit weitgeöffneten Augen den Mann angestarrt. Sie horchte seinen Worten und lauschte noch immer, als er längst nichts mehr zu sagen wusste. „Das hör' ich doch schon einen Monat, und mein Kind bleibt im Kloster! Ich will mein Kind haben!* gellte es über den Platz. „Mein Kind, mein herzediges Surele will ich!" Ein Murmeln des Unwillens antwortete aus dem erregten Haufen. Die Männer im Kaftan traten nun arif sie zu. „Macht keinen Aufruhr, keine Schande d°^ Namens! st**»* T'-r hier bei der Kirche, bei dem Gekreuzigten? Gehört sich das für ein jüdisches Weib?" Die Frau stöhnte nur noch schwach, erschöpft von der grossen Aufregung. „Mein Kind, mein Kind will ich!« Einer der jüdischen Männer begann sich zu ereifern. Es war ein hagerer Geselle mit eingefallenen Backen, struppigem, röthlichem Barte und langen Haarsträhnen an der Seite. „Ihr Kind will sie und hetzt uns die ganze Stadt auf den Hals! Warum hat sie ihr Kind in die Christenschul' geschickt, hm? Was braucht ein jüdisch Mädl polnisch zu können? Jetzt weint sie, jetzt..... Hätt' sie ihr Kind daheim behalten! Mit der Schul' fängt's an, und mit 'n Kloster hört's auf!" „Kommt nachhaus',• riethen die anderen, „sonst erleben wir noch ein grosses Unglück! Seht da die Leut*, wie sie nur warten auf einen Anlass! Und Ostern ist in der Nahe!" Inzwischen waren einige Polizeimänner gekommen, die den Leuten auf dem Platze riethen, sich nachhause zu begeben. Die Frau hatte sich wieder auf eine Stufe gesetzt, das Haupt in ihre Tücher vergraben, die sie mit Thränen netzte. Ihr Mann sprach ihr liebreich zu. An seinem Gesichte, das ein brauner Bart fast verdeckte, merkte man nicht die Spuren des Schmerzes, wie bei der Frau, nur dass die Augen tiefer lagen und die Wangen abgeblasst waren. Er hatte sich dem drückenden Gefühle auch nicht unthätig überliefert; er hatte gethan, was nur irgend in seiner Macht war. Jede Behörde im Lande und ihre Vorgesetzten in Wien, die Rabbinen und Gemeindevorsteher aller grossen Städte im Reiche — alle hatte er benachrichtigt, alle um Hilfe angefleht, und alle hatten ihm feste Versprechungen gegeben. Aber sonderbar — es geschah nichts, nichts — Tag um Tag vergieng, sein Kind blieb verschollen. Ein Monat war so verflossen, und täglich hatte er noch irgendeinen Mann gefunden oder eine Behörde, die er um Gerechtigkeit angehen konnte. Und täglich bangte er der Heimkehr in seine Wohnung entgegen, in die Räume, die sein Kind belebt hatte, die von ihrem Lachen und drolligen Reden erfüllt waren, und die ihm so leer, so verdüstert erschienen. (Schluss folgt). Spenden. Reisefonds für rumänische Juden : Verein „Livias Chen", Wien K 10. — Zionisten- Grupe in Dresden: Fleischmann Mk. 10, Schenker Mk. 7.—, Hurwitz B., Hurwitz J. je Mk. 5.—, Sunde Mk. 3.—, Grünfeld, Klein, Kreidl J., Lenobl, Fuhrmann je Mk. 2.—, Giskind, Bodmann, Regenbogen, Schmulowitz, Arndt, Kreidl E., Kan, Schwarz, Peker^ Loewenberg, Stutz, Fleischmann jun. Aspis A., Aspis H. je Mk. 1.—, Brumlitz, Wahlar, Klein jun. je Mk. 0.50. Zusammen Mk. 57.00 K 67.S5. — Sammlung am Technischen Gewerbemuseum durch Lorenz Scherlag K 5.40. — J. D., Wien K 5. -. — Aus B 1 e i s t a d t: Jul. Weiss K 4-.—, Ungenannt, Las. Sternvje K 3.—, Dr. Fuchs K 2.—. Zusammen K 12.—. — Sammlung durch Dr. Brings, Wien K 20.—. — Sammlung in Gaya K 2.—. — Ortsgruppe Dresden: S. Rawikowitch, M. Cholodenko je Mk. 3.—, F. Dawidowicz, M. Ausbruch, H. Ausbruch je Mk. 2.—. Nürnberg, Brück je Mk. 1.—, L. Rubinstein Mk. —.50. Zusammen Mk. 14.50 K 17.11. — Sammlung durch Jahrblum in Lodz: H. Jahrblum, F. Feinber, Raf. Goldberg, M. Engel, L. Krotowski, S. D. Lenczycki, A. Jelenkiewicz, N. D. Botns, H. Follmann, L. Finkenstein, Y., M. Kokotek, H. Czamanski, M. Schönwitz je R. 1.—, Dr. G-, B- Joffe, M. J., Dobkin & Langer, Benj. Besser, J. P., X. X., G. Najditsch, J. Ksigze, L. Schaffir, S. Stein, Z. Grünbaum, Salonion Frenkel. H. Landar je R. —.50, J. Bochstein R —.40. Zusammen R. 21.40 K 54.60. — Sammlung durch S. Neumark in Bolechow: Rosa Kurzer, Kohn, Kudisch, Adolf Aberbach, D. Adler, A. Adler je K 1.—, M. Blattberg, Sal. Neumark je K —.60, N. Lothringer, J. Pipis, A. Goldschlag, I. Bauer je K —.50, Landau, Graubard je K —.40. Zusammen K 10.—. Summe K 203.06.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.