Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Article
- An der Klosterpforte
- Date
- 1900-07-13
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2§ „Die j£ Welt* Seile 13 die Schwester Pförtnerin. — Wollt ihr wirklich da hinein, Mütterchen?" fragte er die zusammgekauerte Frau. „Sie lassen mich nit hinein," war die Antwort. Stanislaw drehte sich rasch um und schritt die Stufen hinunter zu seinem Genossen, den er unter Zeichen der grössten Ueberraschung wegzog. Er raunte ihm etwas ins Ohr, der andere blieb stehen und blickte zurück. Ein schadenfrohes Lachen drang zwischen seinen schadhaften Zähnen hervor. Dann spuckte er aus. „Hundsblut verfluchtes, geschieht ihnen recht!" „Recht oder nicht — was geht das mich an?" entgegnete Stanislaw. „Aber fang' Dir da was an! Eins, zwei verweigert Dir der Herl* Pfarrer die Absolution — dann geh' nach Kalwarya oder gar nach Czsenstocb.au zur Gottesmutter abbitten! Bei diesen Zeiten!" Die beiden Männer hatten den Platz verlassen, der still und menschenleer wurde. Die kauernde Gestalt hob den Kopf aus den vermummenden Tüchern. Sie blickte über den Platz, der langsam in das seltsame Dunkel des Vorfrühlingsabends tauchte, wo die Dämmerung den Tag von der Nacht zu scheiden beginnt. Sie schob das Kopftuch ein wenig zurück und athmete tief auf. Die schmale Scheitelperrücke war verschoben, aus der schwarzseidenen enganliegenden Haube, die das Kopfhaar bändigte, fielen wirre Strähnen ins Gesicht. Es war ein rundes, mageres Gesicht, das aussah wie nach überstandener schwerer Krankheit; die schlaffe Haut zeigte deutlich, dass die Fülle vor kurzem erst unter ihr gewichen sei, — die Augen schauten tief aus den Höhlen mit jenem hetssen und doch müden Ausdruck, den schweres Leid hervorruft. Sie blickte in die Ecke, in der die beiden Männer verschwunden waren. Es kam niemand, der Platz hüllte sich immer tiefer in schützendes Dunkel — kein Mensch konnte sie sehen. Sie schleppte sich die Stufen empor. Vor der Pforte fiel sie der Länge nach hin. Die Schwelle war ausgetreten. Da unten war ein Spalt. An diese Oeffnung legte sie das Haupt. Ein wimmernder Klagelaut drang durch die Stille des Klosters. „Sarah, mein Kind! Surele, mei Gold! Mein einziges Glück, mein herziges Maidele!" So kam es abwechselnd in deutscher Sprache und im Jargon aus der gepressten Brust. Antwortete nicht etwas? — Nein — nur die Klage kam ihr zurück. Heisse Thränen flössen auf den kalten Stein — die Brust zuckte auf — dann beruhigte sie sich. — Eine wohlige Erinnerung senkte sich nieder auf ihr verstörtes Gemüth. Sie streichelte das Holz des Thores. Es schien ihr etwas zu verkörpern, was es nicht war. „Mein einziges Kind!* murmelte sie zärtlich. So blieb sie eine Weile liegen. Das Dunkel hellte sich ein wenig auf. Ueber den Dächern zog ein Licht empor. Der Mond war im Zunehmen, keine Wolke hinderte seinen Schein. Hinter der Stufe war das Chor der Kirche vorgebaut, an seinem Abschlüsse hieng ein grosses Crucifix aus Stein. Von der Strasse her näherten sich Schritte, dazwischen kurze Gespräche. Drei Herren waren es, alle drei in elegnnter Kleidung. Siemussten bald hinter der Kirche hervorkommen. Die Frau richtete sich auf, um zu sehen, wer da komme. Im Aufstehen sah sie das fahl beleuchtete Bild des Gekreuzigten. Grausiger Schmerz sprach aus seinem entstellten Antlitz, das die wilde Pein der verrenkten Glieder wiederspiegelte. Wie niedergedrückt von dem Schreekensbild^nahm sie ihr Tuch um den Kopf und liess sieh wieder auf eine Stufe nieder. Die Herren waren inzwischen in ihre Nähe gekommen. Sie blieben eine Weile stehen und s-raehen mit unterdrückter Stimme. „Sie ist's, Exeellenz!" Der Angeredete war ein älterer Herr, mit sorgfältig gepflegten Bartcotelettes im schmalen Gesichte, ein Monocle im Auge, die elegante Gestalt in einen modischen langen Rock gehüllt, auf dem Kopfe einen eleganten Cylinderhut. „Dumme Geschichte!" flüsterte er, indem er die Cigarre in die Hand nahm. „Compromittiert uns vor ganz Europa!" Er machte einen Zug und blies den Rauch bedächtig vor sich. „Telegraphieren von Wien, ich soll das Mädel suchen, ihren Eltern zurückgeben, und wissen so gut wie ich, dass an dieser Thür meine Macht aufhört!" Er wies mit der Cigarre nach der Klosterpforte. „Ich schicke den Commissär, ich schicke Gendarmen: sie müssen in der Vorhalle stehen bleiben — Klosterregel! Die Klosterfrauen sagen: „Die kleine Sarah ist nicht da." Und aus ist's und schön." Der eine seiner Begleiter, ein kräftiger Mann mit buschigem Schnurrbart, der über die Mundwinkel herabhieng, fiel ihm etwas derb in die Rede. „Eigentlich furchtbar traurig für uns, Excellenz! Es gibt ja kein Land in Europa, wo so etwas noch möglich wäre!" „Was wollen Sie, Professor?" entgegnete der dritte, ein Mann von echt polnischem Typus, die verfeinerte Ausgabe der beiden Träger. „Was wollen Sie da sagen? Wir Polen hängen an der katholischen Kirche; sie ist unser Schutz, unsere Kraft. Wo sie hingehen, unsere Leute, an den Rhein oder an den Erie-See, überall erhält sie die Kirche in unserer Nationalität." „Ist das alles?* entgegnete der Professor. „Nein, sie sorgt auch für ihr leibliches Wohl. Sehen Sie einmal, wie erbärmlich es den protestantischen Masuren ergeht und den Ruthenen! Und dann, was wollen Sie? Sollen wir wegen eines .Judenmädels das Land revolutionieren? Dringen Sie in ein Frauenkloster ein, und die Bauern kommen mit Dreschflegeln über uns." „So ist es," nickte die Excellenz im Weitergehen. „Ja, ja, die Bauern, dieses Landvolk, was wollen Sie da thun?" Man hörte es seinen Worten an, wie glücklich er war, eine so prächtige Entschuldigung gefunden zu haben. Die Schritte verhallten. Der Mond war höher gezogen, der Platz lag in vollem Lichterglanze. Aus den Fenstern der Häuser blinkten Lichter, nur das Kloster lag in all der Helle — ein dunkler Haufe — ohne freudigen Schein. Von einem Thurme schlug es die achte Stunde — nach einer Weile meldeten sich andere Kirchenuhren, und zum Schlüsse liess der Thürmer von der Marienkirche eine kurze Fanfare hören. Scheu blickte die Frau auf. So spät schon, und sie hatte ihr Ziel wieder nicht erreicht! Sie erhob sich. Warum diese Furcht, dieses Zagen? Was konnten sie ihr noch anthun? Ihre Jugend war in einem Kramladen verblüht Ein Mann hatte sie herausgeholt, weil sie die Mitgift besass und das Geschäft verstand. Sie hatte alles willenlos genommen xmd gegeben. Erst mit ihrem KLndo hatte das Leben für sie begonnen; nun konnte sie über ein "Wesen gebieten, einen Menschen voll ins Herz schliessen, lieben ohne Ende. Das alles hatte sie sich nie klar gemacht, e-; äusserte sich nur in ihrem Thun. Sie hatte nichts gelernt ais nothdürftig hebi-äisch lesen, gerade genug, um die Gebete hersagen zu können, und die jüdische Currentschrifc für Familienbriefe, sowie einige Ziffern, wie das Geschäft sie verlangte. Ihr Kind sollte es besser haben. Die Welt war jetzt frei, auch die Mädchen konnten lernen. Sie schickte ihre Sarah in die öffentliche Schule; dort lernte sie polnisch sprechen, sie konnte lesen und schreiben wie ein Edelfräuloi». Und jetzt, wo sie gross und stark gewoi'den war, gar nicht wie eine Dreizehnjährige — jetzt . . . Sie suchte sich zu bezähmen und bat milden Tones: „Liebe, gute Fräuleins, um CotteswihVn geben Sie mir mein Kind! Was liegt Ihnen an einem Mädl? Geben Sie mir sie zurück, meine Surele!"