Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Article
- Weshalb hat man mich ausgewiesen?
- Date
- 1900-07-13
- Page
- 9 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 28 „Die 4s Welt" Seite 9 sich sagen musste, diesem Märchen könne auch der leichtgläubigste Mensch keinen Glauben mehr schenken — werden doch die rumänischen Auswanderer in fast allen grösseren Städten Westeuropas gesehen — war sie gezwungen, zuzugeben, dass unter den rumänischen Juden eigentlich doch eine grosse Auswanderungsbewegung besteht, aber beileibe nicht deshalb, weil die Juden von den Regierungsorganen alle möglichen Chicanen zu erdulden hätten. Der eigentliche Auswanderungsgrund sei vielmehr in der wirtschaftlichen Krise zu suchen, die Rumänien jetzt durchzumachen hat. Indes scheinen einige Officiöse herausgefunden zu haben, dieser eine Grund allein könne doch nicht als genügende Erklärung für eine derartige plötzliche Massenauswanderung gelten. Und so muss in der Noth der Zionismus, der ja leider auch von jüdischen Blättern an den Haaren herbeigezerrt worden ist, als einer der Hauptgründe der Emigration nach — Nordamerika und Canada herhalten. Die Voraussicht, dass ein Mensch mit gesunden fünf Sinnen auf diesen Stumpfsinn nicht hereinfallen werde, hinderte die officiöse Dementier-Presse nicht, ihn auszuhecken. Und von deren Spalten aus hat er in einige ausländische Tageszeitungen Eingang gefunden. Es wird deshalb nicht ganz ohne Interesse sein, zu vernehmen, in welch energischer Weise der Bukarester N.-Correspondent der „Frankfurter Zeitung* in deren Nummer vom 7. Juli diese officiöse Legende zerstört Es heisst in dieser Corrcspondenz: „ . . . Da allem Anscheine nach die israelitische Auswanderungsbewegung noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht hat, dürfte es wohl angezeigt sein, die albernen, angeblich auf guten Informationen beruhenden Ausstreuungen der „Epoca" zu widerlegen, welchen zufolge das gegenwärtige Emigrationsfieber eine Frucht schon jahrelang betriebener zionistischer Agitationen sein soll. Der Zionismus hat mit den gegenwärtigen Auswanderungen gar nichts zu tliun, sondern muss denselben aus dem einfachen Grunde unsympathisch gegenüberstehen, weil ja doch seiner Theorie nach jene Juden, welche sich mit der Bevölkerung ihrer jetzigen Aufeuthaltsländer nicht assimilieren können oder wollen, sich ausschliesslich in Palästina ansiedeln sollen. Thatsächlich bestehen auch in Palästina bereits zwei im Jahre 1SS2 von rumänischen Israeliten gegründete Ackerbau-Colonien: Sichron Jacob, südlich von Kaipha, mit 1700 Einwohnern, und Rosch-Pinah in Galiläa mit 400 Einwohnern. Als die Pforte neuen israelitischen Ansiedlungen in Palästina Schwierigkeiten zu machen begann, liess auch der Eifer für die Sache des Zionismus in Rumänien bedeutend ji:ich, und schliesslich wurde die zu seiner Förderung im Lande geschaffene Organisation ganz aufgelöst. Erst im Jahre 1891 wurde eine neue zionistische Vereinigung für Rumänien geschaffen, welche seit 1S94 dem allgemeinen zionistischen Verbände augehört und an deren Spitze der um das Judenthum in Rumänien hochverdiente Galatzer Kaufmann P i n e 1 e s, ein österreichischer Staatsangehöriger, steht. Mit der gegenwärtigen Auswanderungs-Bewegung hat diese, allerdings auch Samariterdienste der Barmherzigkeit an nothleidenden Glaubensgenossen leistende zionistische Vereinigung nichts zu thun und nichts zu thun gehabt, und es kann daher nicht scharf genug verurtheilt werden, wenn zur Verdunkelung des wahren Ursprunges der gegenwärtigen Judenauswanderungen aus Rumänien der Zionismus zur Erklärung einer durch die Noth weiter Bevölkerungskreise veranlassten und durch den unbefriedigenden Stand der rumänischen Judenfrage verschärften Auswanderungs-Bewegung herangezogen wird." j. z. Cypern und die rumänischen Auswanderer. Herr D. Trietsch sendet uns aus Berlin folgende Erklärung: Nachrichten, welche ich soeben erhalte, veranlassen mich, im Folgenden nochmals öffentlich vor jeder planlosen Auswanderung nach Cypern zu warnen. Ich erfahre nämlich, dass 28 rumänische Familien, welche völlig mittellos in Cypern landen wollten, nach Piräus zurückgesandt worden sind, und weiter wird mir aus Galatz geschrieben, dass 250 Seelen mit einem Segelschiffe — und zwar gleichfalls völlig mittellos — soeben nach Cypern abgereist seien. Ich erkläre ausdrücklich, dass ich mit diesen Auswanderergruppen nichts zu thun habe, als allenfalls, dass dieselben trotz meines Abrathens sich einem Lande zugewendet haben, dessen Eignung für jüdische Colonisation nach meiner Ansicht feststeht, in welchem man iber ebensowenig wie irgendwo sonst planlos und mittellos eine Ansiedlung bewerkstelligen kann. Die cyprische Regierung gestattet die Einwanderung nur gegen eine Garantie, über deren Natur officielle Mittheilungen noch fehlen, die aber darin zu bestehen scheint (nach privater Information), dass jeder Immigrant im Besitze von £ 5 sein muss. Die Einwanderung in Cypern ist also nicht untersagt, wie zur Zeit in Palästina und Kleinasien, sondern von ähnlichen Bedingungen abhängig, wie in den Vereinigten Staaten, wo jeder Einwanderer 30 Dollars besitzen muss. In den mir zugekommenen Nachrichten werde ich gebeten, für die unterwegs befindlichen rumänischen Flüchtlinge die Einwanderungs-Erlaubnis in Cypern zu bewirken, nnd sicherlich werde ich thun, was nur irgend möglich ist Ob aber meine Mühe erfolgreich sein wird oder nicht — ich muss iu jedem Falle jede Verantwortung für diese Verzweiflungsthat ablehnen. Die Leute wusste», da«ss sie mittellos in Cypern nicht landen konnten, und der Führer der Gruppe hatte mich vor mehr als vier Wochen vorstand igt, dass der Verein sich aufgelöst habe. Vor einer Einwanderung ohne Mittel und ohne Organisation habe ich von allem Anfange an gewarnt und muss es heute so dringlich w i e j e. Für Katastrophen, die daraus resultieren, dass eine Anzahl verzweifelter Flüchtlinge entgegen den Absichten der Landesregierung die Einwanderung zu forcieren sucht, ist nicht zur Rechenschaft zu ziehen, wer den Namen des Landes in die Discussion gebracht hat — sei es nun Cypern, Amerika oder Palästina. Nochmals: Ohne Organisation und ohne Mittel keine Immigration — am allerwenigsten in ein „neues Land"! Der vierte Congress. Die vierle Jahresversammlung der „English Zionist Federalion" hat die Abhaltung des Gongresses in London mit einer Zustimmungs-Resolulion begrüsst. Gleichzeitig constituierte sich die Versammlung als Empfangs-Comite. Zum Präsidenten desselben wurde Sir Francis Montefiore, zum Vieepräsidenten Morris B a r n e 11, zum Cassier A. Engländer und zum Ehrensecretär J. de Haas gewählt. * Das Executiv-Comile hat folgende Beschlüsse gefasst: Samstag den 11. August abends wird ein Massenmeeting in der Great Assembly Hall, Mile End, veranstaltet Auf dieses Meeting wird der officielle Empfang der Delegierten durch das Comite folgen.