Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Article
- Nomaden
- Date
- 1900-07-13
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6 ,Die Weif* Nr. 28 wanderern, man unterhält sieh theilnehmend mit den Heimatlosen. Und jetzt erleben wir ein eigenartiges Schauspiel : Eine Theatervorstellung der Auswanderer. Zu wohlthätigen Zwecken. Die Sonne ist untergegangen, der Hof der Talmud- " Thora-Schule ist matt beleuchtet. Vor einer schmalen? Stiegenterrasse werden einige Bänke aufgestellt, da nimmt das Wiener Publicum Platz. Ein Sängerchor der Auswanderer postiert sich auf den Steinstiegen und trägt Lieder vor. Inzwischen kreist im Publicum der Teller. Lautlos lauscht man den wehmüthigen Weisen. Auch Melodien von Goldfaden sind darunter. Der beste Sänger der Truppe, ein leidlicher Tenor, trägt die Solopartien vor, der Chor singt den Refrain. Auf der obersten Stiege steht ein Auswanderer mit einer Kerze, die Flamme wird von leichten Windstössen hin- und herbewegt, der flackernde Schein huscht über die Gesichter der Sänger. Im Gesänge ist etwas vom schmerzlichen Tonfall der Kinnoth. Die Liedertexte sprechen vom Judenelend.' Ein Lied hat den Refrain : »Geh, Jiidlein, geh!" Der Jude wendet sich an die Völker, er erzählt ihnen, wie er für sie gearbeitet, auf ihren Schlachtfeldern geblutet. Die Völker haben nur die eine monotone Antwort: „Geh, Jüdlein, geh". Der Jude muss wandern. Die Sänger des Chores haben keine geschulten Kehlen. Es kommen rauhe Dissonanzen vor. Dadurch wird die Wirkung dieser Klageweisen nur noch schneidender. Ein Lied wendet sich an Gott. Der Refrain: „Sag, sag, wann wirst Du enden diese Leiden". Eine Jeremiade, die unerträglich ans Herz greift. Die Dissonanzen noch schriller, quälender: -Sag, sag, wann wirst Du enden diese Leidon?" E. R. ©er Fmoäoiscbe ß^odus. Unter den Titel „Zur Steuer der Wahrheit" hat ehr Student der Rechte Friptu Fumuam ati3: J u s s y, über dessen Ausweisnng wir in. unserer vorletzten Nummer berichteten, eui Flugblatt in deutscher und rumänischer Sprache herausgegeben, das wir hier im Wortlaute abdrucken: Weshalb hat man mich ausgewiesen? Weil ich meine Stimme laut zu einem Proteste erhoben habe gegen die infamen Verfolgungen, denen unser armes unglückliches Volk je weit«', je mehr ausgesetzt ist,* weil ich protestiert habe gegen den thörichten verbrecherischen Verrath eines niedrig gesinnten Doctors, der uns Juden der Regierung verkauft hat um ein. lächerlich phantastisches Versprechen, das seiner Eigenliebe schmeichelte! Weil ich laut und offen die Wahrheit gesagt, weil ich die verschiedenartigen Verbrecher des IG. Mai entlarvt, weil ich Gerechtigkeit verlangt habe, die man uns seit Jahrzehnten schmählich versagt: weil ich meine Brüder angeeifert habe, Zion nicht zu vergessen, weil ich gerufen habe: „Sterbt eher vor Hunger auf der Strasse als Juden, als dass Ihr in Palästen als Christen lebt!" Weil ich die Taufe missbilligt habe, indem ich meine Stammesbrüder aufforderte, unseren zionistischen Führern zu folgen, die unsere wahren Propheten sind; weil ich freien Sinn und Muth gezeigt habe, — sendet man mich in die Fremde, und ich muss hier eine arme Mutter mit 3 Schwestern zurücklassen, die durch meine Ausweisung der letzten Stütze beraubt werden. Ich nehme diese verbrecherische Strafe mit Freude an, da ich weiss, dass ich draussen, wo die thierische Wildheit der Civilsatiön den Platz geräumt hat, für meine Brüder werde .arbeiten können. Ich werde dem Auslande zeigen, was sich hier zwischen Karphaten und Donau zuträgt, werde der modernen Welt das alte Aegypten unter der Maske der Civilisation zeigen : Rumänien. Abschiedsworte. Je mehr diese wilde Verfolgung wächst, je mehr Euch die Möglichkeit beschränkt wird, als Juden zu leben, je mehr Druck und Hohn Euch drückt, desto kräftiger haltet aus, desto mehr schliesst Euch zusammen mit der Liebe zu Eurem Volke. Vergesst nicht, dass die Nichtachtung und der Hass unserer Verfolger nichts anderes ist, als böäer,schmutziger Neid. Wer sich für. sein Judenthum. opfert, ist heiliger als , der Heilige in den Augen des Sterblichen. Nichts wird Euch von den Krallen unserer unbarmherzigen Verfolger befreien können, als unsere erhabene Volksbewegung: der Zionismus; deshalb muss der Jude alles, was er nur Liebes hat, für diese Idee opfern. Genie, Moral, das Schöne sind Kennzeichen unseres Volkes. Der Zukunftsstaat, der alle Völker vereinigen wird, wird ein jüdisches Staatswesen sein. Blickt auf Herzl, Nordau, Gaster, Dr. Marmorek, auf unseren Dr. Lippe, und Ihr werdet sehen, dass Ihr stolz sein könnt auf Euren Namen Jude, den unsere Feinde nicht genug in den Schmutz zerren können. ■ Rumänische Civilisation. Einem rumänischen Blatte entnehmen wir folgende Darstellung: Der Jude Moscu Lei bu, wohnhaft in der Strasse Dudesti Nr. \-% beschloss, mit Frau und sechs Kindern nach Canada auszuwandern. Er verkaufte alles, was er besass, behielt sich nur das allernothwendigste Gepäck und sollte schon heute früh abreisen. Kurz vor der Abfahrt wurde er vom Sub-Commissär II. Classe der 3f>. Section (Strasse Mircea-Voda) abgeholt und auf"die Polizei geführt. Hier; wurde er vom Sub-Commissär vernommen, mit Faustschlägen ins Gesicht tractiert und in. einer fürchterlichen '; Art und Weise mit einem Ochsenziemer bearbeitet. Moscu L e i b u hat uns in der Redaction besucht, und > wir waren bei seinein Anblicke entsetzt. Sein Körper glich; einer grossen Wunde, Striemen, vom Schlagen mit dem : Ochsenziemer herrührend, kreuzten sich in allen Richtungen. ■ Der Bedauernswerte wollte sich rechtfertigen und zeigte seine sämmtliehen Steuerquiltungen vor, ebenso auch den Pass, der vollständig in Ordnung war. Der Sub-Commissär "wollte ihn nicht anhören, nahm ihm alle Papiere ab und liess ihn in den Keller stecken. Nach einiger Zeit wurde er wieder hervorgeholt, worauf ihm der Sub-Commissär die durcheinandergeworfenen Papiere wieder einhändigte und ihm strenge befahl, sofort abzureisen und ihm nicht mehr unter die Augen zu kommen. Zuhause angelangt, wollte der Bejammernswerte seine Papiere ordnen und bemerkte zu seinem grössten Entsetzen, dass zwei Stück Hundertgulden-Scheine, die zwischen den Papieren gelegen, verschwunden waren. — Moscu Leibu war zur Zeit des Unabhängigkeits-Krieges Soldat und wurde mit Diplom Nr. 0-2-2 vom 10. December 1879 als Einheimischer erklärt. Sein Pass trägt die Nr. 71900 und ist vomPolizei-Präfecten sub Nr. 1676 ddo. 9. Mai 1900 visiert. Die entsetzliche und empörende > Roheit seitens officieller Organe ist geradezu unfasslich. Wir verlangen von der Regierung, dass sie eine strenge Untersuchung einleite und — wenn dies noch möglich ist — diesen Polizei-Banditen bestrafe. — Wir wollen hoffen, dass, nachdem die Regierung sich von der Richtigkeit obiger Thatsachen