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Die Welt · 1900-07-13 · 28 (13.7.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
28 (13.7.1900)
Article
Nomaden
Date
1900-07-13
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 28 „Die jt> Weif* Seite 5 An der einen Wand des Saales steht ein Ciavier. In normalen Zeitläuften sorgt es für die Aufheiterung der Prachtsaal-Gäste. Heute sind die schön gedrechselten Holzfüsse in Stroh vergraben, und um das Pedale gruppieren sich Brotlaibe und Kofferchen. Da und dort hängen an den Wänden Täfelchen : „Das Belegen der Sessel mit Garderobestücken ist nicht gestaltet.» Diese Gesetzestafeln sind gleichfalls für die fröhlichen Zeiten des Saales berechnet; heute liest sich das kategorische Verbot wie ein ironischer Scherz. Wo gibt es hier „Garderobestücke"? Wo sind Sessel? Die Stühle hat der Wirt in kluger Vorsicht hinausgeräumt, und die Auswanderer hocken auf der Erde oder auf niederen Bänkchen, wie es vorgeschrieben ist für die Tage der Trauer. Und der ganze Vorrath an Garderobestücken ist für die nothdürftige Bekleidung der Auswanderer hinlänglich in Anspruch genommen. Die Toilette der Leute ist so beschaffen, dass jederzeit ein Theil der Truppe unter der Ungunst der Witterung zu leiden hat. Ein Theil der Auswanderer ist mit dünner, fadenscheiniger Gewandung bekleidet, und in den regnerischen, kalten Nächten, da die Auswanderer unter dem freien Il.jnmel Ungarns nächtigen mussten, bot sich ausreichende Gelegenheit, über die Unzulänglichkeit alles Leinenstoffes Betrachtungen anzustellen. Ein anderer Theil der Auswanderer ist mit groben Winterstoffen bekleidet, offenbar zur Abwehr gegen die Strahlen der Julihitze. Die Kinder sind zumeist barfuss. Um den Prachtsaal läuft eine Gallerie. Sie wird sogar von einigen rothen Marmorsäulen gestützt. Die Gallerie ist die Schlafstätte der Frauen und Mädchen. Die Männer schlafen unten im Saale. Wenn die Nacht hereinbricht, wird das Stroh auf den Dielen ausgebreitet. Der Fussboden, die Strohschichte, das ist das Bett der Auswanderer. Die Strohschichte ist ungefähr zweiundeinhalb Fäuste hoch. Dor Führer d«»r Auswanderer ist ein untersetzter, graubärtiger Mann. Wir erfahren vou ihm, dass die Truppe 140 Personen zählt. Sie sind aus Bukarest, Piatra, Jassy un l gehören dem Handwerker- und Arbeiterstande an. Die meisten sprechen ein recht hübsches Deutsch. Auch ein ehemaliger Hausierer ist unter ihnen. Er erzählt eine bittere Leidensgeschichte: Ursprünglich war er Kaufmann, es gieng ihm leidlich. Dann wurde der Boycott gegen die jüdischen Geschäftsleute ausgegeben, der Kaufmann gieng zugrunde und musste zum Hausierbündel greifen. Tage des Elends und der Noth. Die tiefliegenden Augen, die eingefallenen Wangen des Mannes sind eine beredte Bestätigung der Leidens - erzählung. Der Mann beschliesst auszuwandern. Er geht zum Präfecten, um sich einen Pass zu verschaffen. „Warum willst Du auswandern?" Der Präfect pflegt die Juden zu duzen. „Weil ich hier verhungere." „Warum arbeitest Du nicht?" „Bitte, ich bin bereit zu arbeiten, die Regierung vergibt öffentliche Arbeiten, selbst mit einer Anstellung als Strassenkehrer wäre ich zufrieden." „Die Stelle kannst Du nicht bekommen, Du bist ein Fremder, ein Jude." Dann muss ich eben auswandern." „Auswandern? Damit Du den Leuten draussen in der Welt erzählst, dass Du in Rumänien verhungerst!! Da ist es besser, Du verhungerst hier." Der Mann besteht auf der Ausfolgung des Passes und wird ins Gefängnis geworfen. Acht Tage bleibt er eingesperrt. — „Nichts zu essen hab' ich im Gefängnis bekommen, geschlagen haben sie mich." Er deutet, während er uns das erzählt, mit der Hand auf die Genickgegend. Bei der Truppe sind einige ältere, ja betagte Leute. Wie gross muss das Elend sein, wenn selbst diese Greise den Wanderstab in die altersschwachen Hände nehmen! Wir sind indiscret und fragen den Führer nach seinem Alter. „Zweiundfünfzig Jahre," sagt er und schaut uns fragend an. „Für älter hätten wir Sie auch nicht gehalten." Aber er sieht aus wie ein Sechzigjähriger. In Rumänien fliessen keine Jungbrunnen für die Juden. Am glücklichsten fühlen sich die Kinder. Lachende, frische Gesichtchen. Sie sehen ganz wohlgenährt aus. Es besteht ein Causalnexus zwischen den bleichen Wangen der Mutter und den rothen Bäckchen der Kleinen. Die Eltern hungern für die Kinder. Wie oft hat die Mutter das erkämpfte Brot den Kindern gegeben, und sie selbst hat sich mit leerem Magen zur Ruhe begeben! Die Kinder sind durchaus nicht schüchtern. Sie sind weitgereiste Weltbürger, plaudern ohne Verlegenheit mit den fremden Besuchern, lassen sich jauchzend in die Höhe heben und klatschen lustig in die kleinen Hände. Die armen Würmchen haben keine Ahnung von dem Elend, in das sie hinausgestossen worden, spielend, mit heiteren Augen ziehen sie einer trüben Zukunft entgegen. Das helle Lachen der Kinder ist wohl der tragischeste Ton in dieser düsteren Auswanderer-Symphonie. * Die Talmud-Thora-Schule in der Malzgasse beherbergt eine zweite Auswanderertruppe. Der Anblick dieser Auswanderer ist, wenn auch hinlänglich mitleiderweckend, doch nicht so kläglich, wie drüben im Prachtsaal. Es fehlen hier die Frauen, die Alten, die Säuglinge. Die Truppe besteht durebgehends aus jungen Männern. „Heimat": Crajova. Es sind zumeist Handwerker. Spengler, Schneider etc. Auch drei Handelsangestellte sind bei der Truppe. Die Leute sind nett gekleidet. Eine Art Dress. Blaue Arbeiterblouse, Kniehose und Kappe aus dem gleichen Stoffe, schwarze Strümpfe. Die Schneider der Truppe haben das Wandercostüm angefertigt. Wir finden kräftige, breitschulterige Gestalten. Beim- Händedruck empfindet man die harte, breite Hand des Arbeiters. Sie haben ihr Hauptquartier im Turnsaale der Talmud- Thora-Schule aufgeschlagen. „Saal" muss wieder als Euphemismus bezeichnet werden. Der Boden des massig grossen Gemaches ist in seiner ganzen Ausdehnung mit Strohdunen belegt. Man traut sich nicht, das Zimmer zu betreten, weil man nicht auf dem Kopfpfühl der Inwohner herumtreten will. Die Auswanderer wissen diese Lagerstätte nicht hoch genug zu preisen. Auf dem Donaudampfer war das Verdeck ihre Schlafstätte. In den Ecken der Turnhalle liegen wieder die gewissen Bündel und Brotlaibe. Die Barrenholme an der Wand tragen Männerwäsche, die sich in den letzten Stadien eines primitiven Waschprocesses befindet Die jungen Männer sind „Verschworene". Sie haben vor ihrer Abreise geschworen, bis zum New-Yorker Hafen getreulich beisammen zu bleiben. Jeder, der in der Neuen Welt eine Stelle bekommt, ist durch Eid verpflichtet, einen gewissen Percentsatz seines Einkommens an die noch beschäftigungslosen Genossen abzuführen. Die Truppe hat eine stramme Organisation. Ein Präsident und zwei Secretäre stehen an der Spitze. Die Secretäre führen ein „Archiv" mit sich, eine schwarze Ledermappe, die mit Schriftstücken angefüllt ist. Wir sahen einen Secretär sogar mit einer Stampiglie hantieren. Ein „Ehrenpräsident", Herr Ruhig aus Crajova, seines Zeichens Anstreichermeister, geleitet die Truppe bis nach Hamburg. Vermöge seiner Welterfahrenheit leistet der alte, würdig aussehende Herr mit Rath und That den Auswanderern gute Dienste. / Die jüdischen Kleinbürger der umliegenden Strassen nehmen sich deir Brüder aus Rumänien nach Kräften an. Man ladet die Auswanderer zu Tische und bewirtet sie nach Kräften. Besonders thut sich Herr Fleischhauer G r ü n w a 1 d durch seine Gastfreundlichkeit hervor. Am Abend pilgern Männer, Frauen und Kinder aus der Nachbarschaft der Talmud-Thora-Schule zu den Aus-

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