Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Article
- Selbstmorde
- Date
- 1900-07-13
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die 2$ Welt" Nr. 28 Das könnte den Richter umstimmen, denn darin steckt ein grosses Stück Hoffnung. Da muss der Anwalt denn alles sagen, auch das, was unsere tiefste Schmach, unser grösstes Elend bedeutet. Er muss erzählen, wie die Verfechter dieser Idee von ihren eigenen Stammesgenossen niedergeheizt werden, wie man sie durch Spott und Hohn zu zerstören versucht, ja, dass man sie in ihrer bürgerlichen Existenz unmöglich macht, indem man sie für unrulüge Köpfe, für gefährliche Schwärmer erklärt. Er soll ihm beweisen, dass jeder Schritt auf diesem Wege voll ist von Hemmnissen aller Art, die die Juden selbst auflhürtuen. Dann — man möchte es fast beschwören — wird der weise Richter in die Tasche greifen und den Juden — seinen eigenen Revolver anbieten. Die Juden von Wien. Von Dr. Isidor Marmorek. In den letzten Tagen, da der Strom auswandernder rumänischer Juden Wien berührte, bot das Verhältnis der Juden von Wien zur grossen allgemeinen Judennoth dem denkenden Beobachter ein dankbares Gebiet der Betrachtung. Es soll nicht gesagt sein, dass unsere rumänischen Brüder bei den Juden von Wien nicht jenes Mitgefühl für ihre Leiden gefunden hätten, das man dem grossen Unglücke nicht versagen kann. Es soll — weil wir diese Frage hier nicht untersuchen wollen — auch nicht behauptet werden, dass die Juden von Wien in hartherziger und unjüdischer Weise ihre Taschwi vor den leeren Händen zugeknöpft hätten, die die Vertriebenen des „civilisierten Rumänien" ihnen entgegenstrecken mussten. Denn es ist etwas viel Wichtigeres, etwas viel Verdammenswerteres, das wir den Juden von Wien zum Vorwurfe machen müssen. Wir meinen die Thatsache, dass die Juden von Wien gar keine Kenntnis hatten von dem Elende, von den Leiden und der Unterdrückung, unter der die Juden Rumäniens schmachten; dass diese ihr Unglück bis vor die Thore der Stadt schleppen mussten, dass sie es den Juden Wiens förmlich in die Ohren schreien mussten, damit es hier bemerkt werde. Es zeigte sich, dass die beschämende Sachunkenntnis, welche viele Juden Wiens zu Gegnern des Zionismus macht, ohne dass sie dessen Ziele und Wege kennen, noch viel weiter reicht. Ja, sie folgen dem Zionismus nicht, weil sie die Judennoth nicht kennen, ja nicht einmal ahnen. Ein Zufall nur. der Umstand, dass der Weg die Verstossenen Rumäniens an ihrer Stadt vorbeiführt, lässt die Bewohner der grössten jüdischen Gemeinde der Welt erfahren, dass Juden jahrelang den gesetz- und rechtswidrigen Bedrückungen eines europäischen Staates ausgesetzt sind. Aber nicht einmal die Thatsache, dass die armen Auswanderer in Wien wvilten, hat genügt, um sie bemerkbar zu machen. Seit Tagen und Wochen ziehen die rumänischen Juden die Donau entlang an Wien vorbei, und erst die späte Laune der Zeitungen macht Offenbarungen über¬ Leute, welche in Noth und Verzweiflung sind und von den sich berufen nennenden Vertretern des Wiener Judenthums noch nicht bemerkt wurden. Dass die Wiener Juden jüdische Zeitungen lesen, dass sie um jüdische Dinge sich kümmern sollen, dass die grosse jüdische Gemeinde, als der grösste Nerv der weiten jüdischen Verzweigung, jeden Schmerz, der die Judenheit trifft, empfinde — dies zu verlangen, wäre zu viel, wäre ein Gedanke, der nur Zionistenköpfen fntsprinort. KSmpfon du» Wiener nicht etwa muthig gegen die Wiener Localgrössen; thun sie nicht ihr Aeusserstes und schliessen sich mit Aufopferung aller Würde den Deutschnationalen an? Kennen sie nicht die Judennoth und wissen nicht, dass in schweren Zeiten man sich vereinigen müsse, um bestehen zu können, und vereinigen sie sich nicht, um den Antisemitismus zu bekämpfen — mit Juden? — nein, mit Antisemiten?! Wir könnten unsere Betrachtung über die Wiener Juden schliessen, nachdem wir ihr naives btaunen gebrandmarkt haben, mit dem sie von der traurigen Lage der Juden ausserhalb Wiens erfahren. Aber »s ist noch eine Lehre aus der Wanderung der rumänischen Juden zu ziehen. Das Gapitel, über das man da zu sprechen hätte, geht tiefer, es heisst: Die Juden und ihr Schutz durch das geschriebene Recht. Noch immer bestehen für Oesterreich die Staatsgrundgesetze und für Rumänien der Berliner Vertrag. Und so könnte die Aufzählung weitergehen für fast alle Länder der Erde, in denen Juden wohnen. Naive Gemüther werden fragen, was man denn mehr verlange als Gesetze, welche die Juden schützen oder ihnen gar Rechte gewähren. Tiefere Naturen werden schon seufzend beklagen, dass Gesetze nichts nützen, wo Volk und Regierung sie nicht in Anwendung bringen oder umgehen. Thatkräftige Leute aber werden sich da nach einem Hilfswege umsehen und für ihre Brüder arbeiten. Bios die Juden von Wien schöpfen aus schlimmen Thalsachen keine Lehren, sondern nur Unbehagen. Soviel Elend trotz des Berliner Vertrages! Doch deswegen werden sie noch nicht Zionislen, o nein, sie lesen bloss die Dichtungen Carmen Sylvas nicht mehr. Nomaden. Wien, 5. Juli. „Prachtsaal zur schönen Schäferin." So nennen Firmenschild und Geschäftsplacat das Restaurationslocal in der Wiener Sechsschimmelgasse. Heute campiert im „Prachtsaal zur schönen Schäferin", wo sonst Paare im Walzertakte sich drehen, eine Truppe jüdisch-rumänischer Auswanderer. Eine dumpfige, schwüle Luft schlägt Einem entgegen, wenn man in den Prachtsaal eintritt. Man holt unwillkürlich minder tief Athem, die Lunge wehrt sich instinetiv gegen die Aufnahme dieser Atmosphäre. Auf den ersten Blick nimmt sich der Saal wie ein Zigeunerlager aus. Etwa in der Mitte des Saales liegt ein Haufen Stroh, ein sonnverbrannter Mann liegt auf dem Rücken im Stroh und schläft mit offenem Munde. Um ihn herum tummelt sich eine Schar brauner Kinder. Manchmal kollert ein Kind in der Hitze des Spieles auf den schlafenden Mann. Er öffnet halb die Augen und schläft wieder weiter. An der Wand kauert eine Gruppe Frauen und Mädchen. Eine Frau hat ein Kind an der Brust. Müde, abgehärmte Gesichtszüge, die Stirne faltenreich. Die Leute reden fast gar nichts, sie blicken vor sich auf den Boden hin, und in Körperhaltung und Gesichtsausdruck machen sie den Eindruck, als würden sie auf etwas warten. Wie die Leute, die in den Bahnhofhallen herumsitzen. In den Winkeln des Saales liegt ärmliche Habe: Fettige Bündel, mit Spagat umgürtete, schadhafte Kofferchen, Blechgefässe und Brotlaibe. Es sind Brotlaibe von ungewöhnlicher Grösse und aus einer robusten — vielleicht zu robusten — Teigsorte. Das P>rot ist eine Liebesgabe der ungarischen Juden, und die Auswanderer führen es als dauerhaftes Denkmal des brüderlichen Wohlthätigkeitsßinnps durch halb Europn.