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Die Welt · 1900-07-13 · 28 (13.7.1900) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
28 (13.7.1900)
Article
Selbstmorde
Date
1900-07-13
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 2$ „Die & Welt* Seite 3 gewaltigsten Wasserfall, die ausgedehntesten Brauereien, das grösste Fernrohr der Welt, es überragt auch mit seinen jüdischen Selbstmördern alles bisher Dagewesene. Es überholt die Statistik der ganzen Welt und das zurück auf mehrere tausend Jahre. Wenn so ein Judge nur ein bisschen Localpatriotismus besitzt, dann lässt er die armen Juden laufen, damit sie sich ruhig weiter umbringen, jeder nach Belieben, mit dem Revolver, mit Gift oder durch den Strang. — — Sollte er aber hartherzigerweise bloss mit einem theilweisen Freispruche vorgehen und den Unglückseligen und gegen Erlag einer Bürgschaft für künftiges Wohlverhalten freigeben, dann müsste ein tüchtiger Anwalt Folgendes vorbringen : Euer Ehren! Möge es mir gestattet sein, für den gänzlichen Freispruch meines dienten zu plaidieren. und zwar aus folgenden Gründen: Vor allem handelt es sich hier um keinen strafbaren Einzelfall, sondern um ein Massendelict, um eine Herabminderung des Bewusstseins durch ein namenloses Massenelend moralischer und materieller Art. Wenn sich in wenigen Monaten 688 Menschen eines Stammes in einer Stadt tödten, eines Stammes, bei dem der Todtencultus und die reine Familientradition eine so wichtige Rolle spielen, so muss man annehmen, dass eine tiefgreifende und entnervende Furcht vor dem Leben diese ganze Schichte erfasst hat, und diese Massenpsychose wird Euer Ehren wohi als Strafaussehliessungsgmnd anerkennen. Sollte ich mich aber in meiner Annahme getäuscht haben, sollten Euer Ehren diese armen Teufel zum Weiterleben zwingen wollen, dann muss ich mir doch gestatten, auf die Grundursachen dieses Selbstmordes. hinzuweisen. Die Juden hier in Down-town, in der unteren Stadt, sie kommen zumeist aus Russland, aus Rumänien und aus Galizien. Nur wenige von ihnen haben ihre frühere Heimat freiwillig verlassen. Sie wurden entweder durch behördliche Massregeln hierzu gezwungen oder von fanatisierten Horden verjagt. Manche kamen auch, weil man sie daheim durch wirtschaftliche Massregeln aushungerte. So seltsam das Leben auch in solcher Stiefheimat sein mag, dieses Leben der Rechtlosigkeit, diese Stellung eines Paria — die menschliche Natur kann sich, wie es scheint, allem anpassen. Ein innerer Zusammenhalt versüsste diesen Leuten die äussere Bitterkeit. Sie lebten in enger Volksgemeinschaft, fussend auf Satzungen und Uebungen, die ihnen dadurch ehrfurchtgebietend und bedeutsam waren, dass zahlreiche Generationen ihrer Vorfahren in denselben Anschauungen ein Dasein der inneren Glückseligkeit fanden. Es gab auch unter ihnen realistische Himmelstürmer, junge Leute, die sich dem alten, gottgesandten Buche nicht beugten, die sich vollsogen mit dem Wissen der modernen Völker. Aber auch sie hielten in Treue zu ihren engeren Angehörigen, zu ihren jüdischen Volksgenossen. Mit einem gewaltsamen Rucke kam das alles ins Wanken. Ganze Gruppen wurden losgelöst von ihrer seelischen und materiellen Basis und hinausgeschleudert ins Ungewisse. Draussen, ausserhalb der Grenzen ihres Landes, da ergieng es ihnen gar merkwürdig. Sie fanden überall Juden, aber zumeist solche, die es nicht recht sein wollten, die sich ihr Judenthum als eine Confession zurechtlegten, von der sie doch nichts wussten. Wehe dem, der es wagt, sie als Volksgenossen anzusprechen. Von der Höhe ihrer gesicherten Staatsbürgerschaft« blicken sie mit sichtbarer Geringschätzung auf jene hinab, die heimatlos umherirren. Sie sammeln Almosen und reichen Bettelbrot denen, die ein warmes, brüderliches Herz erwarten. Die Gegner der Juden, die nunmehr allgegenwärtigen und allmächtigen Antisemiten, begleiten selbst diese vorderbliche Gabe mit hasserfüllten Blicken. Man drängt sie von Land zu Land, man fürchtet ihre Nähe und sucht sie recht weit zu verschicken, weit, weit übers Meer. Vergeblich senden wir Angstschreie von Amerika hinüber, vergeblich schildern wir •die bedrängte Lage unserer armen Juden, es hilft nk-lits, wie sinnlos, ohne Uebcrlegung, ohne jede Voraussicht, ohne eine Spur von Organisation, hetzen sie uns alle armen vertriebenen Juden aus der ganzen Well ins Land — seit Jahrzehnten. Was ist hier ihr Los? Der kleine Handel ist überfüllt, im ambulanten Strassenverkauf finden sie kein Brot, höchstens in geringen Arbeiten, die erbärmlich gelohnt werden. Sie sitzen zusammengepresst in engen Stuben und treiben die Nähmaschine 1:2 und auch lö Stunden, um ein karges Brot zu finden. Wessen Finger nicht geschmeidig sind, wessen Beine nicht flink sich regen, er wird bald ausgeschieden aus der Brigade der Erwerbenden, er gehört zur grossen Armee der Arbeitslosen, die bei uns alljährlich grösser wird. Hier, wo alle verzweifelten Existenzen Europas Brot suchen, kann nur der Stärkste im Kampfe ums Dasein bestehen. Als Kaufmann und Händler ist der Anglosachse dem Judcng^über, als Arbeiter vielfach stärker und gewandter, jedenfalls beliebter als der Fremdling, der die Landessprache gar nicht kennt. Nun hat der Jude alles verloren. Die gebildete Jugend kann ihr fremdsprachiges Wissen nicht ausnützen. Das Brot ist nicht zu erobern. Sie blicken nach rückwärts. Verfolgung und Plünderung in dnr sogenannten Heimat, Missachtung und Almosen bei den Volksgenossen, sinnloses Herumhetzen durch ganz Europa. Die Gegenwart : Ein wahnwitziger Kampf um ein Stückchen Bröl, ein stetes Zittern vor dem nächsten Tage, der vielleicht die absolute Brotlosigkeit bringt und ihn aus der dumpfen Wohnstätte schleudert. Das ist Amerika, das heissersehnte Ziel der Hafen der Ruhe und der sicheren Nahrung. Die Zukunft: Immer mehr armselige Volksgenossen kommen ah — sie nehmen ihm Luft und Licht: sie pressen ihn zusammen auf dem engen Raum, den er sich erzwungen hat. Sie nehmen ihm jede Hoffnung auf Brod. — — — Und so : betrogen um seine Heimat, um sein Volksthum und um seinen Glauben, ohne seelische Kraft und ohne körperliche Nahrung, ohne Sprache, ohne eigene Cultur, zerrüttet und zernagt, ohne Hoffnung auf eine Zukunft, so vegetiert die Mehrzahl der Juden, die man uns aus Europa;herschickt. Begreifen es nun Euer Ehren, dass diese Leute zu Strick und Revolver greifen, dass sie nach dem Gifte streben oder ins Wasser gehen, dass sie sich in Massen hinmorden, in Massen, von denen die Geschichte bisher nichts zu erzählen wussle? Und der weise Judge wird vielleicht, gerührt von solchem Elend, den Juden bedingungslos freisprechen. Es wäre denn, er hätte auch vom Zionismus gehört, Von jener Bewegung, die alle jüdischen Massenauswanderungen ordnen und regeln will, die den verfolgten Juden eine sichere Heimat gründen möchte — in ihrer wirklichen Heimat, wo sie seelisch stark und wirtschaftlich nach Möglichkeit gesichert, ein neues Leben beginnen könnten.

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