Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Article
- Die Judennoth in Rumänien
- Date
- 1900-07-13
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315880-3370973--20788-3371081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite & „bie & Weit" Nr. 2$ man boycottierle sie und lenkte alles öffentliche Unbehagen in das Bett des Judenhasses. Nun wandern diese Vogelfreien zu tausenden und tausenden hinaus über die Grenzen und über den Ocean, und mit einem satanischen Hohne wird auch noch damit geflunkert, dass die rumänische Regierung ihnen freie Eisenbahnfahrt bis zur Grenze oder freie Schiffahrt bis Rotterdam gewähre. Es ist unverfälschtes Mittelalter, und Europa rührt sich nicht. Das Unbegreifliche dabei ist, dass, während dieses Grauen sich vollzieht, nicht eine einzige Stimme auf die naheliegende Analogie des Tages aufmerksam macht. Mit Recht schäumen die Völker und Staaten in ungeheurer Erregung über das Schicksal auf, das den Fremden in China widerfährt. Aber ein ganz bescheidenes Theilchen dieser ungeheuren Erregung der Humanität und Civilisation, wäre es nicht auch angebracht gegenüber dem Furchtbaren, was an den rumänischen Juden verübt wird? Diese Armen werden nicht gemordet, aber vernichtet, und es sind ihrer zehn- und zwanzigmal mehr, als draussen die Opfer der Boxer. Es ist .kalter4' Mord, der schier noch grausamer ist als die Abschlachtung in China. Und nun fragen wir: Ist das eine unermessliche Culturlüge oder nicht? Um das Geschick der Juden in Rumänien zu bessern, um dieses Brandmal der rumänischen Judenwanderung von Europa fernzuhalten, bedürfte es keiner Panzerschiffe und Armeen: Europa brauchte nur zu reden. Aber Europa schweigt; es sind ja bloss Juden, um die es sich handelt. Und Rumänien — bleibt der vorgeschobene Posten der europäischen Cultur im Orient. O über diesen himmelschreienden Widersinn! Wenn man ihn nicht-so schwer zu beweinen hätte, man möchte mit Lessing grimmig auflachend fragen : -Wer lacht da? Ich glaub', ich w-ar es selbst." Selbstmorde. Y. Wir bitten alle empfindsamen Seelen und Leute mit heiklen Nerven, diese Zeilen zu überschlagen. Denn die Ueberschrift will nichts Bildliches ausdrücken, sie bedeutet, was sie sagt. Wir wollen nicht den geistigen oder seelischen Selbstmord der Juden, nicht ihre Charakter-Selbstzerstörung schildern; nein, wir sind gezwungen, vom wirklichen Selbstmorde zu sprechen, von der körperlichen Selbstvernichtung der Juden. Den Griechen und Römern war der Selbstmord nichts Unmoralisches — auch die Chinesen werfen das Leben von sich, sobald es ihnen zur Qual wird. Die Kirche suchte die aus dem Heidenthum übernommene Uebung der Selbsttödtung einzudämmen. Sie wussle von höllischen Strafen im Jenseits und sie weigert im Diesseits dem Selbstmörder ein ehrlich Begräbnis bis zum heutigen Tage. Das Judenthum hat den Selbstmord weder verboten, noch toleriert — es wusste nichts von ihm. Gott hat den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen, er hat ihm seinen Odem eingeflösstT das genügt. Wer wagt es, durch Selbstzerstörung ein Stück von Jehovas ewigem Wesen zu schänden? Nur in der grossen Ekstase der religiösen Verfolgungen, und wenn es galt, das Heiligste zu wahren, die eigene Ueberzeugung, die Treue zu Jehova, da wissen wir, dass Mütter erst ihre Kinder tödteten, dann sich =olb=1 mit dem Ar.mfo dp«? hrilicron Nomone in den Tod »Uuü.U-11. b.ia waren Märly rei inuon, uUsirwühlte Opfer für die THeiligung des Namens". Der Selbstmord aus verletztem Gefühle oder gar der Selbstmord aus wirtschaftlicher Noth, er war den Juden unbekannt. Die Zuversicht in die Allmacht der Vorsehung stillte jeden Seelenschmerz; das Bewusstsein, einem treuen Volke anzugehören, das seine Kinder in Noth und Elend schützte, liess keine Verzweiflung aufkommen, keine tödtliche Brotsorge das Gemüth überwuchern. So wie Solon, der grosse griechische Gesetzgeber, keine Strafe suchte für den Vatermord, den er für unmöglich hielt, so wusste das jüdische Gesetz keine Busse für eine Sünde, die es nicht kannte. Die Strafgesetze der modernen Culturländer belegten den Versuch der Selbsttödtung mit schweren Strafen, ebenso die Anstiftung und die Beihilfe. Die härteste Busse trifft den erfolglosen Selbstmörder im Staate New-York, Vereinigte Staaten von Nordamerika, er wird mit Staatsgefängnis bis zu zwei Jahren gestraft oder zu einer Geldbusse bis zu eintausend Dollars verurtheilt. Die Witzblätter der Stadt New-York pflegen in ihren satirischen Beiträgen diese Strafbestimmungen tüchtig zu verspotten. Man liest da von Männern, die sich schämen, wegen Mangel an Treffsicherheit ins Gefängnis zu wandern, und die sich so lange einschiessen, bis sie ihres Revolvers sicher sind — man berichtet von Frauen, die sich ins Wasser stürzen, weil sie ausserslande sind, ihre Geldbusse für den letzten Selbstmordversuch zu bezahlen und Aehnliches. Vielleicht werden sie nun ausrechnen, wiviel jene 6SS Juden zu bezahlen hätten, die sich vom 1. Jänner 1900 bis zum 10. Mai desselben Jahres in ihrer Stadt selbst tödteten, wie gross ihre Basse wäre, wenn ihnen ihr schauerliches Thun misslungen wäre. Der Yankee- Humor arbeitet mit derben Effecten, fast so wie die amerikanische Statistik. GS8 Selbstmörder in 113 Tagen, das klingt stark. Vertheilt auf eine Bevölkerung von 400.000 Seelen (die Anzahl der Juden in New-York), ergibt das einen Durchschnitt von etwa 435 Selbstmördern jährlich für jedes Hunderttausend. Was bedeuten dagegen die Selbstmordziffern der europäischen Länder? In Preussen tödten sich jährlich 197 Menschen von hunderttausend, also kaum 1 von 5000. In Oesterreich, das ja auch von Judenelend zu erzählen weiss, geben sich 16 von hunderttausend den Tod,in Englands und in Russland — mit seinen 4yÄ Millionen Juden — gar nur 2*7. Diese Ziffern umfassen alle Confessionen, Juden und Christen. Nun beachte man folgenden Sprung: In New-York tödten sich Juden, Angehörige jenes Volkes, das Selbstmord gar nicht kannte, 435 per Jahr und hunderttausend, oder 25*75 von je fünftausend, 4-35 von tausend. Wenn die Ziffern nicht so deutlich sprächen, man müsste es für die Ausgeburt einer sensationslüsternen Phantasie halten: fast jeder 200. Jude in New-York ist ein Selbstmörder. Sie tödten sich beinahe zweiundzwanzigmal so häufig als die Preussen, siebenundzwanzigmal so oft als die Leute in Oesterreich, vierundfünfzigmal so rasch als die Engländer und einhundertachtzehnmal mehr als in Russland — Juden und Christen zusammengenommen. Die Amerikaner haben Sinn für den grimmigsten Humor, sie werden diese Aufstellung zu würdigen wissen nnd hoffentlich jene Juden, die man nach misslungenen Selbstmordversuchen vor den Richterstuhl eines Judge bringt, freisprechen. Amerika hat durch die Juden einen Record erzielt, vor dem die Wissenschaft noch in?päten Jrthren «taunend sich bongen wird. Amerika hat jetzt nicht nur die höchste üiuckc, acu