Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 28 (13.7.1900)
- Article
- Die Judennoth in Rumänien
- Date
- 1900-07-13
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Die Judennoth in Rumänien. Aus dem Briefe eines Rumänen mitgetheilt von 0. Erter. --— Die Socio des rumänischen Ministeriums ist Take Jonescu. Ein verhältnismässig noch junger Mann, wohl kaum über die erste Hälfte der Vierziger hinaus. Seine Bewunderer preisen ihn als den brillantesten Redner Rumäniens, jedenfalls war er, bevor er zum erstonmale Minister wurde, der meistgenannte Advocat in Bukarest, und als solcher führte er seine Kanzlei auch in den Pausen, die seiner Ministerschaft nuferlogt waren, wie beispielsweise während des liberalen IUgimes Sturdza. Diesem Minister, den übrigens sein autochthones Rumänenthum nicht gehindert hat, eine Engländerin zu heiraten, würde man wohl unrecht thun, wenn man ihn in irgendeiner Richtung für einen unverbrüchlichen Grundsatzmenschen hielte. Er ist es weder in politischem noch in confessionellein Sinne. Er ist ein Geschäftsmann als Mensch und als Politiker. So oft er früher in Wien weilte, wohnte er als Gast bei einem reichen jüdischen Banquier aus Rumänien; ob auch jetzt noch, weiss ich nicht. Herr Take Jonescu ist also nicht eigentlich ein Judenhasser, weder wenn er sich, was vorkommt, in Geldnöthen befindet, noch wenn er, was ebenfalls bisweilen vorkommt, Geld wie Heu hat. Er ist aber der wandelnde Extract aller Eigenschaften, welche sich in der Oberschicht des Rumänenthums vereinigen, und unter diesen Eigenschaften, so fein und modernisiert sie äusserlich sich ausnehmen, würde man vergeblich nach ernster Lebens-, Staals- und Gesellschat'tsauffassung suchen. Viel Lack, viel Durchtriebenheit, viel Genusssucht, aber wenig, sehr wenig Gewissen. Man kann diese Charakteristik des einen getrost verallgemeinern; leider passt sie aber auch auf nicht wenige Bukarester Juden mit vollerem Geldsacke, die in der Strada Vicloriei und dort sons.thcrum in der Gegend des Königsschlosses hausen. Früher ist in Westeuropa über die römische Strafcolonie in der Wallache! reichlich gespottet worden, aber das war eine Spielerei mit philologisch-ethnographischen Reminiscenzcn. Man muss schon fester zugreifen, um zu einem Rüde der traurigen Wirklichkeit zu gelangen. Es handelt sich um eine grosse Culturlüg<\ mit der mau sich auseinanderzusetzen hat. Da heisst es immer, dass Rumänien ein vorgeschobener Posten der europäischen Cultur im Oriente sei. Dieses Schlagwort ist namentlich in der Diplomatie seit dem Berliner Gongresse sehr geläufig. Aber schon Fürst Bismarck selbst hat die Erfahrung gemacht, dass die Besatzung dieses vermeintlichen exponierten Guiturforts von iiar nichts anderem elwas wissen will, als von nolhdürfliger Pariser Tüncht; über orientalischer Corruption und Verschhigenhoit; gerade in der Jndenfrago hat der eiserne Kanzler ganz umsonst Rumänien auf die europäische Bahn lenken wollen. Nun bekommt der europäische Occident das a'.'er liesclireibung spottende rumänische Judeuelend lägiiVh ganz unmittelbar mit eigenen Augen zu sehen. Ls isl. geradezu ein Brandmal für Europa, dieses entrechtete, von Haus und Gut getriebene, in Hunger und Jammer westwärts wandernde rumänische Ahasverthum. Aber während man meint, dass die vielgepriesene europäische Humanität sich in lodernder Entrüstung aufrichten müsstc, rührt sich kein Mund und keine Hand. Es ist gerade so, als ob Europa sich vor Rumänien fürchtete. Und am Ende ist es auch ein wenig so. Man streichelt die Rumänen diplomatisch von rechts, damit s'u nicht nach links, und von links, damit sie nicht nach rechts hinüberfallen. Und so bleibt die Fiction von dem Culturberufe Rumäniens trotz allem bestehen. Was gilt das unsagbare Elend dieser hundertlausende rumänischer Juden diesem diplomatisch so fein geschulten civiüsierten Europa? Das verstehen aber Leut", wie besagter Herr Take Jonescu, und sie richlen sich darnach. Geduldete Fremdlinge in dem Lande, in dem sie geboren sind und schon ihre Giosseltern geboren waren — das war nur der Anfang, als Rumänien noch in den Kinderschuhen seiner staatlichen Selbständigkeit sich befand. Anderthalbundert — mehr nicht — sind ja durch das Parlament naturalisiert worden, was will man mehr? Dem Anfang folgte die Fortsetzung. Missernte, schlechte Wirtschaft, agrarischer Raubbau brachten ungünstige Zeiten über Rumänien, und da wurde zu der Frage vorgeschritten: Wozu überhaupt die Fremdlinge dulden? Mau weigerte ihnen die Zulassung zum Militär, mau versperrte ihnen die Schulet;