Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Article
- Die Juden und die rumänische Regierung
- Date
- 1900-07-06
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 ,Die Weltf Nr. 27 Man ist von den rumänischen Regierungen schön an manches sonderbare Dementi gewöhnt, aber das oben Angeführte übertrifft alles Dagewesene. Die dementierten Artikel waren meistentheils Berichte von Augenzeugen, welche Gelegenheit hatten, in Wien einen Theil der unglücklichen Auswanderer zu sehen und zu sprechen. Diese Berichte dementieren, heisst also einfach die Realität hinwegleugnen wollen, und unter den gegenwärtigen Umständen, wo die Convois der Auswanderer an Europas Augen vorbeiziehen, richtet sich das Dementi von selbst. Wir werden dennoch das ptjficiöse Machwerk mit einigen Thatsachen illustrieren, damii.aueh die . pessimistischesten Politiker einsehen lernen, wie viel eine Ableüguung der rumänischen Regierung wert ist;. Das Telegramm beginnt damit, dass es behauptet, „die rumänischen Blätter dementieren . . u. s. w. Welche rumänischen Blätter, sagt es natürlich nicht, weil man sonst sehen würde, dass nur die Organe der conseryativen Partei die lächerliche Rolle übernommen haben, das allgemein Sichtbare abzuleugnen. Vor zwei Wochen haben säinmtliche Blätter der liberalen Partei und, was am wichtigsten ist, die einzigen zwei unabhängigen Organe Rumäniens, der „Adeverul" und der „Patriotul", folgenden Fall consUdiert: Der Jude Leiha Mos k u, welcher am Siebenundsiebziger- Kriege theilgenommen hat und folglich rumänischer Bürger ist, entgieng trotz alledem nicht dem Lose seiner Brüder. Er wurde systematisch verfolgt und von jeder Arbeit ausgeschlossen, so dass er sich zu guterletzt entschloss, trotz Bürgerrecht, auszuwandern. Als er aber um einen Pass ansuchte, wurde er im Polizeikeller eingesperrt und dort dermassen gel-cnutet und gefoltert, dass drei Tage nach seiner Freilassung sein mit Striemen und Wunden bedeckter Körper bei dem Gerichtsarzte ein Gefühl des Entsetzens hervorrief. Die Presse schlug Lärm, der Gefolterte wandte sich an die Staatsanwaltschaft, aber alles war umsonst. Die Regierungsorgane leugneten alles ab, und die verbrecherischen Polizeibeamten wurden in ihren Aemtern belassen. In seiner Nummer vom iK). Juni veröffentlicht der „Patriotul" die folgende, auch von anderen Blättern bestätigte Meldung: „Am 2k Juni wurde der Jude Heinrich Marcusohn für 10 Uhr morgens auf das 38. Polizei-Commissariat bestellt unter dem Vorwande, der Commissär habe ihm etwas mitzutheilen. Marcusohn gieng hin, natürlich nicht ohne eine gewisse Sorge, da er zu ahnen glaubte, was ihm bevorstehe. Kaum hatte er die Schwelle des Amtes überschritten, da wurde er auch schon in einen Keller geführt und fürchterlich geschlagen, ohne dass man ihm gesagt hätte, wodurch er sich diese Tortur zugezogen hat. Er wurde mit einem Ochsenziemer, der mit dickem Leder überzogen war, geschlagen. Der Kopf und der ganze Körper sind mit Wunden bedeckt. Je stärker das arme Opfer aufschrie, desto wüthender hauten die Schergen zu. Diese Barbarei währte länger als zwei Stunden. Nur als sie sahen, dass sich das Opfsr nicht mehr regte, Hessen sie davon ab. Nach einiger Zeit kam das Opfer zu sich, aber nur um Zeuge einer neuen Tortur zu sein. Ein alter, sechzigjähriger Jude wurde ins Commissariut gebracht, weil er als Schneider eine Weste des Herrn Commissärs nicht rechtzeitig geliefert haben soll. Im Keller wurde er ebenso gefoltert, wie der obengenannte Marcusohn. Dieser, entsetzt über die Art, wie sein Glaubensgenosse geschlagen wurde, fieng zu schreien an: „Lasst ihn los! Ihr tödtet ihn ja!" Dies genügte, damit sich die Bestien wieder auf ihn stürzten, während der Commissarius brüllte : „Alle werde ich Euch hier tödten, ohne das jemand davon etwas erfährt." Während dieser Zeit wurde ein drittes Opfer in den Keller eingeführt. Diesmal war es ein jüdisches Kind im Alter von dreizehn Jahren. Der arme Junge wurde ebenfalls mit dem Ochsenziemer in barbarischer Weise geschlagen." Dies schreibt der „P a t r i o t a P, ein Blatt, welches weit davon entfernt ist, philosemitisch zu sein, welches aber nicht den Kopf so weit verloren hat, um solche Ergebnisse der Propaganda der antisemitischen Liga für ein Zeichen der Vaterlands- und Volksliebe zu erklären. Wir könnten die Liste solcher Fälle noch um viele vergrössern, verzichten aber darauf, da die obigen Fälle zur Genüge illustrieren, was die rumänische Regierung behauptet, nämlich dass „kein Fall von Verfolgung, noch von schlechter Behandlung' der Israeliten" zu verzeichnen sei. Diese Behauptung klingt umso lächerlicher, wenn man weiss, dass unter den vielen Gemarterten sich auch ein Jude, der österreichischer Unterthan ist, befand, welcher sich bei seiner Gesandtschaft beschwerte. Wenn die rumänische Regierung die vielen unabhängigen Zeitungsstimmen nicht hört und die vielen Beschwerden, welche der Staatsanwaltschaft zugiengen, nicht kennt, sd^vollen wir doch hoffen, dass sie den Vorstellungen des Vertreters von Oesterreich zugänglicher war. Was die Behauptung betrifft, dass die auswandernden Juden nicht zahlreich sind, so ist dieser in Form einer Nebenbemerkung hingeworfene Satz eigentlich der wichtigste, auf welchen es der rumänischen Regierung am meisten ankommt. Denn die Auswanderung hat zur Folge eine starke Verminderung der städtischen, also der consumfähigsten Bevölkerung, was natürlich den schon stark mitgenommenen Credit des rumänischen Staates nicht gerade kräftigt. Aber auch diese Behauptung der Regierung ist falsch. Auch diesbezüglich strafen die rumänischen Blätter, auf welche sich das offieiüse Dementi beruft, dasselbe Lügen. Der „Adeverul" vom L2S. Juni schreibt: „Die Auswanderung gewinnt in Jassy immer mehr an Ausdehnung. Ausser den Fussgänger - Gruppen P r i b e g i und Ben Israel, deren Abreise wir seinerzeit ankündigten, haben sich noch folgende Auswanderungsvereine gebildet, welche theilweise reisefertig sind, zum Theile aber die Abreise vorbereiten: Jezias Romania, bestehend aus S7 Mitgliedern; Ziel Amerika über Hamburg. Levy Echod über Galatz und Fiume nach Amerika. Ben Jakob, ausschliesslich aus Handwerkern bestehend, welche nach Transvaal ziehen wollen. Agudoh Ahas, Ziel Canada über Hamburg.- .Verein der auswandernden Kau 1'- leute, Ziel Transvaal. Jedes Mitglied hinterlegt mindestens zehntausend Francs. Verein auswandernder Aerzte, bestehend aus Aerzten und Apothekern; jedes Mitglied hat tausend Francs hinterlegt. Ziel Congo oder Transvaal." In derselben Nummer des „Adeverul" lesen wir noch: „Aus Galatz sind 250 Juden nach Cypern ausgewandert und :;0 junge Leute auf dem Schiffe „Edniore" der Johnston Line nach Rotterdam. Aus Focschani ist die fünfte Emigranten-Gruppe ausgewandert. Sie besteht aus dreissig Mitgliedern. Eine sechste Gruppe ist in Bildung begriffen." Und fast jede Nummer der rumänischen Blätter bringt solche Listen. Glaubt also denn die Regierung wirklich, was sie behauptet? Sicherlich nicht. Dies erhellt aus der Thatsache, dass, nachdem sie sich überzeugt hat, dass man mit Gewalt die Auswanderung nicht eindämmen kann, sie einzulenken scheint auf den Weg, den sie schon längst hätte betreten müssen, den Weg der Milde und der Toleranz. Ein Bukaresler Blatt bringt nämlich folgende unglaublich klingende Nachricht: „Eine grosse Anzahl Polizei-Agenten durchwandert die jüdischen Stadtviertel und fordert die beschäftigungslosen Juden auf, Hausierhandel zu treiben, indem sie versichert, dass deswegen niemandem etwas geschehen werde. Sehr viele Juden zögerten aber, da sie eine Falle befürchteten, welche es der Polizei ermöglichen soll, sie