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Die Welt · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Article
Die Kinder der Assimilation
Date
1900-07-06
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die Welt* Nr. 27 Vergangenheit vergessen, die Sprache unserer Väter aufgeben, unsere Zusammengehörigkeit verleugnen. Assimilation der Massen um der Kinder willen. Gesetzt, wir hätten den Rath Mommsens befolgt — und wie nahe waren wir daran, ihn zu befolgen! — was wäre wohl aus unseren Kindern geworden? Hätten wir unseren Kindern und Enkeln wirklich das Glück, auch nur das ordinäre materielle Wohl erkauft? Nein und abermals nein! Welches Material hatte Mommsen, um den Kindern der Assimilation eine gedeihliche Zukunft zu prophezeien? Gar keines; was ihm den Muth gab, die Hypothese auszusprechen, war ein sehr einfacher, aber ein grundfalscher Schluss. »Den Juden geht es schlecht, weil sie Juden sind. Den Niehtjuden geht es gut Wenn die Juden aufhören, Juden zu sein, wird es ihnen auch gut gehen." So klar, so falsch. Die Geschichte zeigt es uns so deutlich, als man nur wünschen kann, dass es den Juden nicht gut geht, wenn sie aufhören, Juden zu sein. Und gerade diese Tage haben uns einen neuen Beweis für diese alte Wahrheit gebracht. Die chinesischen Juden haben den Rath Mommsens befolgt. Einst waren sie in vielen Gemeinden über China zerstreut, besassen Tempel und Schulen, hielten ihre Vergangenheit hoch und hofften auf eine grössere Zukunft. Im sechsten Jahrhundert waren sie überall wohlgelitten, im neunten waren sie ein wichtiger Factor im Reiche, im zwölften wurde ihnen eine grosse Synagoge auf Staatskosten gebaut, im fünfzehn!en war ein Jude, wie Marco Polo berichtet, ein hoher militärischer Würdenträger in Peking. Und jetzt? Die chinesischen Juden haben vor ungefähr zweihundert Jahren das Werk der Assimilation begonnen, und die Urenkel jener opferfreudigen, weitsichtigen Weisen gemessen heute die Früchte einer folgerichtig bis in die äussersten Gonsequenzen durchgeführten Assimilation: sie haben keinen Tempel, verstehen kein Hebräisch, heiraten heidnische und mohammedanische Frauen und — sterben vor Hunger in den Strassen. Wie das zu erklären ist? Wir Juden sind noch nicht weit genug von der Zeit der kritiklosen Gläubigkeit entfernt und haben daher noch keine Philosophie der jüdischen Geschichte entwickelt. Unsere Grossväter hätten zu der unleugbaren Thatsache die einfache Erklärung gegeben: Siehe fünftes Buch Moses, Gapitel 28: „Wenn Du aber nicht gehorchen wirst der Stimme Deines Herrn, Deines Gottes, dass Du haltest und thust alle seine Gebote und Gesetze, die ich Dir heute gebiete, so werden alle Flüche über Dich kommen u. s. w. u. s. w." Wir, die kritischen Enkel, suchen nach natürlichen, im Zusammenhange der Dinge begründeten Ursachen für den merkwürdigen Verfall der chinesischen Juden — weiss jemand Bescheid? Ich ahne den Sachverhalt, habe aber nicht den Muth, mich ohne ein grösseres Datenmaterial an einer Erklärung zu versuchen. Eines aber steht fest: unsere Kinder, die von uns, den Sentimentalen, die Treue erben, haben keine Ursache, die Kinder der Verstandesmenschen und Assimilationsopfer um ihre Zukunft zu beneiden. Sittliche Erziehung. Nüchtern und prosaisch ist die Zeit, in der wir leben. Erwerben, verdienen, gemessen ist die Parole des Tages. Je mehr jemand besitzt, desto geachteter ist er. So entsteht der erbitterte Kampf aller gegen alle, den man beschönigend freie Concurrenz nennt, in dem der Freund nicht mehr den Freund, der Bruder nicht mehr den Bruder kennt. Das Ideal ist aus dem Leben geschwunden, und wer ihm huldigt, wird als Phantast verspottet und verhöhnt. Das Streberthum ist in voller Blüte, und das Recht des Stärkeren triumphiert allenthalben. Wir Juden leiden ganz besonders darunter. Wohl halten wir ab und zu Versammlungen ab, in denen berathen wird, wie wir uns unserer Haut wehren könnten. Doch sieht dabei nichts heraus. Wie wir mit bekümmerten Gesichtern den Berathungssaal betreten, so verlassen wir ihn auch mit betrübten Mienen. Wir kommen über akademische Erörterungen nicht hinaus. Und quot capita. tot sententiae, wenn wir auch Flaggen mit stolz klingenden Inschriften, wie „Union" u. dgl. hissen. Im besten Falle können wir uns auf papierene Resolutionen und Proteste einigen. Dass man mit solchen Mitteln dem Strome der Zeit nicht Einhalt gebieten kann, versteht sich von selbst. Der Krebsschaden derartiger Vereine zum Schutze der jüdischen Interessen und der von diesen Vereinen veranstalteten Versammlungen besteht darin, dass sie dem Judenthum nur von heute auf morgen auf die Beine helfen, nur Flickarbeit verrichten wollen, von kleinlichen, beschränkten Gesichtspunkten getragen sind, das Judenthum vom Standpunkte der Gegenwart, nicht von der Zinne der Weltgeschichte, durch das Brennglas der Vergangenheit betrachten. Eine erfreuliche, herzerquickende Ausnahme bildet eine Minderheit der Juden. Wo sie tagt, herrscht Jubel, Freude, Gehobenheit. Die wackeren Zionskätnpfer sind e i n Herz und ein Sinn. Sie sind von der materialistischen Zerstörung emaneipierte, innerlich freie Menschen, welche, ohne nach rechts und links zu schauen, ihren eigenen Weg gehen. Sie gemahnen mit ihrem heiligen Daseinswillen an die tapfere Schar der Makkabäer. Sie suchen der das Judenthum und seine Bekenner bedrohenden Gefahr nicht mit kleinen Mitteln beizukommen, sondern sie ein für allemal zu beschwören. Das Geheimnis des Sieges ist Begeisterung, Selbstvertrauen oder, was im Grunde dasselbe ist, Selbstbewusstsein und Sammlung aller verfügbaren Kräfte. Die Brust der Zionisten ist von einem Ideal geschwellt, von dem Glauben, dass das Heilige Land sich durch die Juden verjüngen wird. Sie besitzen grosses Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein heisst nicht etwa nur sein Spiegelbild sehen, es heisst vielmehr im höheren Sinne des Wortes von dem eigenen Ideal ergriffen werden, die Mahnung und den Antrieb von ihm empfangen. Dieses energische, schöpferische Selbstbewusstsein gibt sich bei ihnen in eclatanter Weise darin kund, dass sie nicht Auch- Juden, sondern Juden pur et simple sind, sich als solche fühleii und mit dem Einsätze ihrer ganzen Persönlichkeit bethätigen. Dadurch haben sie dem Judenthum unschätzbare Dienste geleistet, sich als ein Bollwerk desselben erwiesen. Die Führer der Bewegung haben den Boden für die Renaissance des Judenthums gedüngt, sie haben es aus seiner Lethargie, aus seinem Scheintode geweckt, die schier verlorene Jugend durch ihr mannhaftes, begeisterndes Beispiel zu ihm zurückgeführt, das Studium der jüdischen Geschichte und Literatur angeregt, die alte Sprache des Pentateuch und der Propheten selbst in den Centren der Assimilation in eine lebende verwandelt, sie haben mit einem Worte das erstaunliche Wunder vollbracht, dass neues Leben aus den Ruinen des Judenthums erblüht ist. Jung-Israel ist es auch zuruschreiben, dass die Zahl der Ueberläufer, der Charakterlosen, welche die Religion wie einen Rock wechseln, erheblich abnimmt. Die schwanken Geister fangen nachgerade an, sich vor den Zionisten, welche gottlob bereits zu einem ansehnlichen Machtfactor herangewachsen sind, mit dem grrechnetwerden muss, zu schämen. Die Zionisten concentrieren ferner ihre Kräfte durch Wort und Schrift undThat, durch literarische Vereinigungen, Journale, Gründungen von Banken und eine weitverzweigte, vielverschlungene Organisation, welche die ganze Diaspora umspannt. Diese Organisation findet zuhöchst ihren Ausdruck in den seit mehreren Jahren allsommerlich zusammentretenden Congressen, in denen sich Delegierte aus aller Herren Ländern zusammenfinden, um sich in feierlicher, weihevollerStimmung über die Massnahmen zu besprechen, welche sie ihrem Ziele, der Colonisation Palästinas in grossem Stile, näherzubringen geeignet wären. Historische Zeiten verdienen nur dann gross zu heissen, wenn sie sichtbare ethische Fortschritte einschliessen. Sie mögen glückliche oder unglückliche Zeiten sein, ihr geschichtlicherWertist durch die sittliche Kraft bedingt,die sie erzeugen. Die zionistische Bewegung wird daher mit goldenen Lettern in der Geschichte verzeichnet werden, denn sie ni-mmteinen Ehrenplatzin dem idealonHaushaltederMenschheit ein. Aus hoher idealer Gesinnung hervorgegangen, eröffnet sie eine neue Quelle der Idealität, errichtet sie einen neuen Herd des Altruismus. Sie wirkt dem drohenden Verfalle im jüdischen Volksleben entgegen, indem sie von der glorreichen

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