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Die Welt · 1900-07-06 · 27 (6.7.1900) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
27 (6.7.1900)
Article
Die Kinder der Assimilation
Date
1900-07-06
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 27 „Die & Welt" Seite 3 Begriffen recht anständigen Menschen zu hören bekam. Er hatte in Hannover einem jener Congresse beigewohnt, wie sie die deutschen Fachleute in den letzten Jahren so häufig veranstalten, und war sehr erstaunt, wenn nicht tief verletzt, in den Festreden immer wieder deutschnationale Töne zu hören. „Sie würden es nicht glauben", sagte er, „wie ohne jeden zwingenden Grund fortwährend das Deulschthuin hervorgekehrt wurde. Deutsche Wissenschaft, deutsche Erfindergabe, deutscher Fortschritt, deutsches Gewerbe — ich kam mir ganz verloren vor in diesem Ueberniassc nationaler Begeisterung". „Und Sie fühlten sich gekränkt", ergänzte ich, „weil Sie die richtige Empfindung hatten, dass Sie nicht zu dieser Gesellschaft gehörten, dass Sie, obgleich ein deutsch redender und deutsch schreibender Mann der Wissenschaft, durch jene begeisterten Formeln von deutscher Wissenschaft und so weiter stillschweigend, aber unzweideutig von der nationalen Zusammengehörigkeit der Festredner ausgeschlossen waren. Ais Mann der Wissenschaft waren Sie zum Chemiker-fKongresse eingeladen worden, als Judo wurden Sie sanft vor die Thüre gesetzt." „Ganz richtig," sagte der Herr, „das war meine Empfindung." „Nun, und — —?" „Nein, nein", erwiderte er abwehrend, „ich kenne Ihre Folgerungen, aber ich lasse sie nicht gelten. Es gibt nur eine Hilfe. Ich fürchte mich beinahe es auszusprechen, es klingt roh, feig, barbarisch, aber es nützt alles nichts: wir müssen vergessen, dass wir Juden sind, damit unsere Enkel sich als Deutsche Anerkennung verschallen." Die Aeusserung traf mich wie. ein Schlag ins Gesicht. Gewiss, die bösen Worte kamen dem Manne nur sehr schwer von den Lippen, es war ihm, als er sie aussprach, recht böse zumuthe, denn er vermied es, mir gerade ins Auge zu sehen; aber das milderte den Eindruck nicht im geringsten. Es gieng mir dabei, wie es uns allen bei solchen Gelegenheiten ergeht; wir fühlen uns in tiefster Seele verletzt, als hätte jemand geringschätzig von seiner Mutter gesprochen. Das nachträg: liehe Vernünfteln ändert nichts an der Thalsache, dass wir trotz aller Toleranz allen anderen Menschen gegenüber für den fahnenflüchtigen Juden nur Verachtung und vielleicht sogar Feindschaft empfinden. Ich habe mir wegen dieses unausrottbaren Gefühles unzähligemale die bittersten Vorwürfe gemacht — die Fälle von Fahnenflucht sind ja nicht mehr zu zählen! — ich habe mir vorgehalten, dass ich nicht das geringste Recht habe, die Ueberzeugung eines Menschen zu bekritteln, dass es ausschliesslich Privatsache sei, wenn einer sich mehr zu jener als zu dieser Gemeinschaft hingezogen fühlt, ich habe mir den Renegaten sogar als Märtyrer ausgemalt, der sein eigenes Leben opfert, um seinen Kindern eine Wohlthat zu erweisen .... Es ist alles umsonst. Sobald ich voii einem Juden höre, der kein Jude sein will, geht es mir wie ein Riss durchs Herz, empfinde ich es wie ein grosses persönliches Leid. Deshalb kamen mir die selbstmörderischen Worte des Chemikers alle diese Tage nicht aus dem Sinn und, mir unbewusst, war ich im Geiste immerfort damit beschäftigt, die mir zugefügte Beleidigung zu überwinden und möglicherweise doch eine Verständigung zwischen meinem Gefühle und seinem Verstände zu linden. Ein schweres Geschäft . . . Wenn ihm sein Herz nichts sagt, wie soll ich ihm durch trockene Gründe sein Unrecht zum ßewussfsein bringen? Die'Verstandesgründe sind ja alle auf seiner Seite. Aus Verstandesgründen hat noch niemand das jüdische Martyrium getragen. Wer für das materielle Wohl seiner Kinder und Enkel bedacht ist . . . Ich wollte den Gemeinplatz wiederholen, der so vielen Abtrünnigen dazu dient, vor sich und ihren Stammesgenossen den Verrath an ihren Vätern zu beschönigen. Wir hören es ja auf Schritt und Tritt, der grosse Mommsen hat dem Worte durch sein Ansehen erhöhtes Gewicht gegeben, und wir selbst, die wir die Fahnenflucht aus Gründen des Herzens verabscheuen, haben nie an dem Dogma gezweifelt: Mit dem Austritte aus dem Judenthum hat man für die Kinder und Enkel materiell die Judenfrage gelöst. Ich halte jetzt dieses Dogma für eine sehr schlecht begründete Hypothese. Der Austritt aus dem-Judenthum soll das materielle Wohl der Kinder begründen. Nun denn, man verlässt das Judenthum als einzelner, in möglichst unauffälliger und wenn möglich schmerzloser Weise; das geschieht, indem man jede Interessengemeinschaft mit den Slammesgenossen löst, ohne der Form nach das Glaubensbekenntnis zu wechseln. Man wird ein Wellbürger, betrachtet die Ereignisse von einer hohen Zinne, die weder Bekenntnis, noch Blut, noch geographische oder geschichtliche Verhältnisse berücksichtigt, alle Dinge werden mit dem Masse der Gesammlmenschheit gemessen. Eine gemischte Ehe, wenn sie zu erreichen ist, beschleunigt den Uebergang zum reinen Menschenthum. Das ist „die persönliche Lösung der Juden frage." Was wird aus diesen Kindern der Assimilation? Ich kenne nur einzelne Fälle und hüte mich wohl, aus einer beschränkten Erfahrung einen allgemeinen Salz zu abstrahieren. Sonst würde ich sagen: Die Kinder der Assimilation sind halllose, genusssüchtige Individuen, unfähig sich für etwas Höheres als ein Derbyreimeti oder ein Preisringen zu interessieren, Leute ohne einen Gedanken an morgen, Verschwender, Schlemmer, Hochstapler, unfehlbar dazu bestimmt, in der Gosse oder im Zuchthause zu enden. Das ist meine Erfahrung. Aber ich wiederhole es: ich bin davon entfernt, aus dieser Erfahrung verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen. Wer aber kann behaupten, dass die Kinder der Assimilation die Absichten ihrer Eltern rechtfertigen und zu glücklichen Menschen werden? Hat man die Fälle studiert? Gibt es eine Statistik der Assimilierten? .Nein. Worauf also gründet sich die Hypothese der opferfreudigen Väter, die ihr Judenthum wegwerfen, um ihren Kindern mit ihrem Verrathe das Glück zu erkaufen? Die braven Väter werden vielleicht einen und den anderen Hofrath, einen und den anderen Professor anführen, die Kinder der Assimilation sind. Aber diesen ohne Zweifel gelungenen Exemplaren sieben die historischen Beispiele der grossen Banquiersfaniilien von Wien und anderen Städten gegenüber, die vor hundert Jahren einflussreiche Stimmen im Käthe der Könige hesassen,. nach der Assimilation aber einlach wie ausgetilgt waren aus dem Gedächtnisse der Menschen. Doch dieser Fall, nämlich die individuelle Lösung, der Austritt eines einzelnen aus dem Judenlhum, kommt ja gar nicht in Betracht. Als Mommsen in seiner menschenfreundlichen Absicht zur Assimilation rielh, meinte er nicht eine vereinzelte Givilehe, einen vereinzeilen Olaubenswechsel, sondern ein massenhaftes, plannlässiges Aufgeben alles dessen, was uns innerlich von unserer Umgebung unterscheidet. Wir sollten unsere

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