Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Article
- Vor den Pforten des Zionismus
- Date
- 1900-07-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315879-3370750--20635-3370889- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 „Die # Welt«* Nr. 27 rathlos gegenüberstand", wie die Wiener „Arbeiter- Zeitung" gestehen musste. Aber es fand sich doch noch eine Rettung: Militär und Standrecht. Unsere Antizionisten gewöhnten sich wieder das Nachdenken über sich und die anderen Israeliten ab, bevor sie sich's noch recht angewöhnt hatten. Aber diesmal müssen sie doch länger nachdenken, ob sie wollen oder nicht. Denn was sie vor sich sehen, das ist das letzte Glied in der traurigen Kette, die Judemioth heisst. Scharen von jüdischen Bettlern, ohne Heim, ohne Recht, ohne Schutz, arbeitsfähig und arbeitswillig, ohne Gelegenheit zur Arbeit zu haben, halb Lebensüberdrüssige, halb Desperados — und dahinter hunderttausende, noch unglücklicher, noch ärmer, noch verzweifelter. Das zieht an ihnen vorbei, spricht zu ihnen, sie sehen mit eigenen Augen die jüdische Masse, die sich hilfesuchend heranwälzt, und schaudernd denken sie einen Augenblick daran, dass sie selbst nicht halb so sicher sind, als sie sich's vorher einbilden mochten. Der Gedanke, den sie so lange von sich gestossen haben, dringt mit grausamer Wucht auf sie ein: Es gibt eine ungeheure Noth unter den Juden, gegen die nur die Solidarität aller Juden aufkommen kann. „Alte Juden müssen das ihrige beitragen, dass man den nothleidenden Brüdern Brot und Arbeit schafft", so schreibt ein antizionistisches Blatt. Wir horchen hoch auf. Tausendmal haben die Zionisten das oder Aelmliches ausgesprochen. Aber man würde sehr fehlgehen, wollte man annehmen, dass das antizionistische Blatt dem Zionismus das Wort reden wollte. Es gebraucht die Argumente des Zionismus, spricht das grosse Wort gelassen aus, das unser Wort ist, aber es hat nicht die Kraft, nicht den Muth, inconsequent, das heisst zionsfreundlich zu werden. Und so wird das, was bei uns ein gewaltiges Arbeitsprogramm einschliesst, im antizionistischen Blatte zur Phrase. Die „Israelitische Allianz" spricht angesichts des rumänischen Unglücks von der dringenden Notwendigkeit der „planmässigen Regelung der jüdischen Auswanderung14. Ist das nicht, als wäre es aus dem zionistischen Wörterbuche abgeschrieben? Sie spricht des weiteren von „dem permanenten osteuropäischen Judenelend, in dem auch eine grosse Gefahr für das Gesammtjudenthum liegt", von den bisherigen Versuchen zur Rettung der Nothleiilenden, die „nicht viel fruchteten, weil sie sich nur auf einzelne Ländertheilc oder einzelne Zweige erstreckten", erzählt das nicht besser und nicht schlechter als irgend ein zionistischer Versammlungsredner, um gleich darauf — man sollte meinen, für eine gross angelegte Colonisation — für die Begründung von Hausindustrien u. a. in Galizien Propanda zu machen. Von der „planmässigen Regelung der Auswanderung" wird nur nebenher gesprochen, dass sie nothwendig ist, dass sie die Arbeit eines Menschenalters umfasst und dass dazu die Hilfe eines Landes „nicht genüge". Auch die „Allianz" gebraucht unsere Worte, aber auch sie verschweigt, dass es bereits eine grosse, über die Welt verbreitete Bewegung gibt, die die planmässige Regelung der jüdischen Auswanderung bezweckt, mit einem kürzeren Ausdruck „Zionismus" genannt. Wie die Auswanderung gebildet werden soll, wohin, unter welchen Garantien, davon spricht der Aufruf der „Alianz" nicht Er müsste ja sonst noch von anderen Dingen sprechen, die nur dem Zionismus zu entlehnen sind. Bis hart an die Pforten des Zionismus sind sie schon gelangt, mit einem festen Schritte unser Lager zu betreten, dazu komm «ne sich nool» nicht ort!scM?r>?=r«rt. Hören wir, was in einem anderen antizionistischen Blatte zu lesen ist: „Mit kleinen Mitteln", heisst es dort, „kann; diesem Unglücke nicht abgeholfen werden. Ja, es muss ein Moses gesucht werden, der 200.000 arbeitsfähige Menschen herausführt aus dem Lande der Knechtschaft und sie führt in ein Land des Rechtes und der Freiheit Vereinzelte Actionen eines Vereines können in einem solchen Falle keine Hilfe bringen, sondern nur ein vereintes Vorgehen aller ..." Man braucht den Zionismus der Menge nicht mundgerechter zu machen, als es hier im antizionistischen Blatte geschieht In demselben Blatte finden wir an einer anderen Stelle den Vorschlag, zur Rettung der rumänischen Juden die Steuerumlagen der Cultusgemeinde um 10 Percent zu erhöhen. Die dadurch einlaufenden Beträge „sollen die Präsidenten der kleineren Orte den Präsidenten der Grossstädte und diese wieder dem Präsidenten in Wien zweimal jährlich abführen. Diese Steuer würden alle Juden gerne entrichten." Wer erinnert sich dabei nicht an unsere Steuer, den Schekel, nicht an unser oft ausgesprochenes Begehren, die jüdischen Cultusgemeinden in den Dienst der Nothleidenden des Volkes zu stellen? Bis hart an die Pforten des Zionismus! Doch nicht hinein! Ist ihr Hass gegen den Zionismus so gross, dass sie, obwohl sie zu unseren letzten Schlüssen gelangten, doch lieber weiter quacksalbern, als offen mit den Zionisten arbeiten wollen? Oder ziehen manche ihre Schlüsse, weil sich eben keine anderen Schlüsse ziehen lassen, um theoretisch ihre Aufgabe gelöst zu haben, in der Ueberzeugung, damit auch schon genug geleistet zu haben? Und soll dann nach einer Zeit wieder alles aus sein, wenn, wie alles Unglück, auch das rumänische durch die Gewohnheit von seinen Schrecken verloren haben wird? Wir glauben, das fürchterliche Ereignis der Juden-Emigration wird wenigstens den Einsichtigen unter unseren bisherigen Gegnern die Augen öffnen. Die werden sich nicht begnügen, vor den Pforten des Zionismus stehen zu bleiben, sie werden früher oder später ganz zu uns kommen. Wenn uns eines dabei niederdrückt, so ist es das Gefühl, dass erst so grosses Unglück über die Armen unseres Volkes kommen muss, bevor diejenigen Juden, denen es besser geht, die Macht und Notwendigkeit des Zionismus erkennen lernen. Was sie uns nicht glauben wollten, das sagen ihnen jetzt die Thränen, die verzweifelnde Väter ob dem Hunger ihrer Kinder weinen und verzweifelnde Kinder ob der Noth ihrer Mütter. Denn: „Alle die Thränen, sie fiiessen Zum Süden im stillen Verein, Sie fiiessen und ergiessen Sich all in den Jordan hinein ..." Die Kinder der Assimilation. Von Leo Rafaels. Es ist mit dieser Ueberschrift beileibe nicht beabsichtigt, der deutschen Sprache einen neuen Hebräismus ins Blut zu schmuggeln. „Ein Kind der Assimilation" würde im Sinne des Alten Testamentes ein mit Haut und Haar der Anpassung verfallenes Individuum bezeichnen, etwa wie man seit Luther allgemein „ein Kind des Todes" sagt und richtig versteht Nein, ich meine nicht die Assimilierten im ersten Geschlechte, sondern ihre Nachkommen, ihre Enkel und Urenkel. Mir klingt ein böses Wort in den Ohren, das ich dieser Tn^o a'is d**». Mimrlr» oin^s mch bürgerlichen