Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 27 (6.7.1900)
- Article
- Vor den Pforten des Zionismus
- Date
- 1900-07-06
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Vor den Pforten des Zionismus. Von Berthold Feiwel (Brünn). Ein paar tausend von den „sechs Millionen lebenden, leidenden, blutenden Zeugen des Zionismus" wandern jetzt durch Europa. Die westeuropäischen Juden müssen sie sehen, ob sie wollen oder nicht Denn sie sind sogar schon von der nicht-jüdischen Oeffentlichkeit bemerkt worden. Noch mehr: Die westeuropäischen Juden sind im Angesichte der grossen Zahl der?Auswanderer gezwungen, zu fragen: „Warum wandert Ihr?" Und sind gezwungen, zu hören, welch grenzenloser Jammer unter den Juden Rumäniens herrscht, dass die tausende, die wandern, die Glücklichen sind, die noch Kraft genug hatten, sich aus dem Eieride zu retten, dass hunderttausende Juden in fürchterlichster Verzweiflung zurückbleiben müssen. Wie soll man helfen? Wo die Unsummen Geldes hernehmen? JJnd wenn man die tausende von Emigranten heute unterstützt, wer wird ihnen morgen helfen? Und dabei brauchen die hunderttausende, die zurückgeblieben sind, hoch dringendere, noch ausgiebigere Hilfe. Aber das ist nicht einmal alles. Den rumänischen Wanderern gesellen sich in den letzten Tagen Betteljuden zu, die in Rudeln aus Ungarn, Russland und Galizien kommen. Welch ungeheures Elend! Die grossen Geschäftsmänner, die gewaltigen Rechenkünstler verlieren die Uebersieht. Es schwindelt ihnen vor den Augen, die sie doch nicht abwenden können, weil sie sehen müssen! Ihr, die Ihr uns roh und täppisch in den Arm gefallen seid, als wir das grosse Rettungswerk des Zionismus eröffneten, damals, als es gerade hoch an der Zeit war, doch noch nicht zu spät, die Ihr, ein kleines Geschlecht von zu klugen oder zu dummen, von feigen oder satten Leuten, unseren grossen Gedanken in seinen Keimen zu ersticken Euch einträchtig mühtet, fühlt Ihr heute, wo die Judennoth durch Euer Zion, durch die Strassen der Residenzen schreitet, was Ihr unterlassen, was Ihr gesündigt, wie Ihr gefrevelt habt? So viele Wanderer, so viele Anklagen gegen Euch! Die da wandern, das sind Zionisten mit Herz und Leib, die ihre ganze Hoffnung in unser Rettungswerk setzten, in deren Namen wir zu Euch; sprachen. Und Ihr? Fühlt Ihr heute die Wucht der tausend Anklagen? Wo ist denn heute das überlegene Lächeln, ehrenwerte Assimilanten, das doch immer Eure Lippen umspielte, wenn wir von der Judennoth sprachen? Was steht Ihr rathlos da, da Ihr doch stets so viel klüger wäret als wir, die „Phantasten", die „Utopisten"? Und Ihr, ehrwürdige Rabbiner? Erzählet doch den Wandernden, was Ihr uns so oft erzähltet! Ihr wusstet das ja einst so schön in Worte zu setzen! So gehet doch hin zu den Emigranten! Suchet sie auf in den Friedhöfen oder unter den Brücken oder auf den freien Feldern, wo sie zu lagern pflegen! Und belehret sie, wie einst uns und Eure antizionistischen Gemeindevorsteher, was für ein schönes Ding es sei um den „Patriotismus" und ums Dulden, predigt ihnen, was der „wahre Geist dos Judenthums" sei und welcher Art die geheiligte Mission Israels unter den Völkern! Und Ihr, Ihr internationalen Socialdemokraten, warum erzählt Ihr uns nicht, wie vorher so oft, dass „alles Elend auf ökonomische Momente zurückzuführen ist", dass „es kein specifisches Judenelend gibt, dass der Zionismus nichts anderes ist als Bourgeoisieschwindel?" Die antizionistische Bruderschaft aller Länder hatte doch stets einen letzten Trumpf gegen uns! Als in Wien der Antisemitismus gross wurde, sprachen sie vom „Socialismus des dummen Kerls". Als bald darauf die furchtbaren Excesse in Galizien losbrachen, nannten sie das die „leichtbegreifliche Rückständigkeit halbasiatischer Länder" und zeigten auf das übrige schönere Oesterreich Als in Böhmen die Fensterscheiben klirrten, trösteten sie sich damit, dass das „Auswüchse des nationalen Chauvinismus" seien, die „mit der zunehmenden Reife der Völker von selbst verschwinden würden* — Beweis Deutschland und Frankreich. Als dann der Dreyfus-Process kam, sprach man von der „verderblichen Goalition des Weihwedels und des Säbels", die niedergerungen werden müsse. Polna und Holleschau waren abermals die „Folge mittelalterlicher Rückständigkeit, die u. s. w.% Beweis Deutschland. Erst als in Deutschland, dem ersten Culturslaate Europas, der „mittelalterliche Spuk" umgieng und kein Land mehr übrig blieb, wohin sich der jüdische Oprimismus retten konnte, wurde Antizion stutzig. Das war denn doch ein Ereignis, „dem alle wissenschaftliche Erfahrung