Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Article
- Jüdische Emigranten am Praterquai
- Date
- 1900-06-29
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2G „Die z£ Welt" Seite 3 nicht. Das eine weiss ich, dass sie auf der ganzen Strecke nur wenigemale Unterstützung seitens der diversen Gemeinden fanden.- * * * Ein anderer Beamter meinte, es wäre unbegreiflich, dass diese Juden in Wien dem Wohlwollen christlicher Beamten der Donau-DampfschifTahrts-Gesellsehaft ausgeliefert wären. „Wo sind denn die reichen Juden Wiens?" sagte er mir. Wir beruhigten ihn, indem wir ihm mittheilten, dass in Wien einige Comites zum Zwecke der Unterstützung dieser armen Auswanderer, existieren, die auch für die Weiterbeförderung der Leute sorgen wollen. * * * Auf den Wiesen lagern die Auswanderer. Ihr Gepäck haben sie bei sich. Für die Frauen und Kinder sind Decken ausgebreitet. Da sitzen sie im Kreise herum. Wortlos, ohne jede Bewegung. Jede Gruppe hat ihren Führer, den Präsidenten, wie sie ihn nennen, und ihren Gassier. Der Präsident, mit zwei oder drei Vertrauensmännern der Gruppe, ist in der Stadt, um Hilfe zu suchen. Die anderen warten auf Antwort. Es sind durchwegs kräftige Leute, jedoch mit einem müden Zuge im Gesichte. Sie selbst machen sich über ihre Zukunft gar keine Gedanken. Alles besorgt der „Präsident", der tüchtigste unter ihnen, der auch die deutsche und französische Sprache beherrscht. In Körben haben sie von Rumänien und Orsova noch Brot mitgebracht. Auch die Vertheilung des Brotes besorgt nach einer gewissen Regel ein Mann. Für die Kinder wird, so gut es geht, Milch und weisses Gebäck aus der Umgebung besorgt. * * * Um jede Gruppe herum steht ein grosser Kreis von Neugierigen. Sie betrachten ein stilles Schauspiel. Die Auswanderer rühren sich nicht und die Umstehenden sprechen auch nicht. Nur manchmal greift einer von dem Kreise in die Tasche und nimmt einige kleine Münzen hervor. Dieses Beispiel befolgen die anderen. Bald sind einige Gulden beisammen, welche dem Cassier übergeben werden. Dieser „bucht" das Geld genau in seine „Gasse". Diese Spender, die da herumstehen, sind jüdische Handwerker und Kleingewerbetreibende, arme Leute, die draussen in der Donaustadt wohnen. Sie thun, was sie thun können, vielleicht noch mehr. In der zweiten Nacht wurden bereits die meisten Frauen und Kinder von diesen armen jüdischen Familien nachhause genommen und ihnen Bettstätten eingeräumt. Auch die christlichen Lastenträger werfen in den herumgereichten Hut einige Kreuzer. Montag kam auch der jüdische Selchermeister Lustig mit einem Wagen voll Brot und einigen Kannen Milch hinaus. * * Die Wiese, auf der die Auswanderer liegen, stösst an die Reichsbrücke. Die Passanten und Fuhrleute oben auf der Brücke bleiben stehen und sehen voll Verwunderung auf die Menschen auf der Wiese hinab. Alle wissen sie, dass dies Juden sind, nur reimt es sich nicht mit ihrer Vorstellung zusammen, dass Juden in Wien kein Obdach hätten. Sie kommen auf die Wiese, um sich die Sache näher zu betrachten. Man hört aber kein lautes Wort, viel weniger ein Schimpfwort oder eine Beleidigung. Die Noth dieser Juden hat etwas an sich, was zur Achtung zwingt. Hervorgehoben sei die Thatsache, dass diese Gruppen sich noch nicht in ihrer jetzigen Stärke in den Ausgangspunkten ihrer Reise zusammengefunden haben. Ueberall. in Orsova, Senil in, Budapest u. s. w., nahmen diese Leute, die selbst nichts haben, noch einzelne Emigranten auf, die schon längere Zeit in diesen Städten lagerten und nicht weiter konnten. Auch Kranke befinden sich unter ihnen. In Budapest musste einer zurückgelassen werden, der schwer erkrankt war und sich sofort einer Operation unterziehen musste. Tn Wien mussten zwei dem Spitale übergeben werden, der eine mit einer Mittelohrentzündung, der andere mit einem inneren Leiden. Die Kinder sind durchwegs an Bronchialkatarrh erkrankt. Die mehrtägige Fahrt auf dem offenen Verdecke der Donau-Dampfer ist schuld daran. Im grossen und ganzen ist aber der Gesundheitszustand ein guter. Es sind eben Leute, denen Noth und Entbehrung nicht fremd sind. * * * In einiger Entfernung vom Haupttrupp sieh! man einige Frauen am Donau-Ufer die Wäsche waschen. Es war ursprünglich von den Leuten verlangt worden, dass sie sofort, dass heisst Montag, Wien verlassen. Die Leute sträubten sich aber dagegen, denn sie müssen ihre Wäsche waschen, ihr Schuhzeug in Ordnung bringen, die Kleider flicken etc., denn wenn sie schon arme Auswanderer sind, so wollen sie doch nicht in Lumpen gehen. Dienstag früh waren sie mit allen Arbeiten fertig und nachmittags brachten sie bereits ihr Gepäck auf die Westbahn. Unter diesen 5 Gruppen befindet sich auch die Gruppe, welche, wie wir an anderer Stelle mittheilen, in Predeal von der Grenzbehörde aufgehalten wurde. Es ist dies eine Fusstruppo, welche seit fünf Wochen auf dem Marsche ist. * * Die Gruppe von 60 Mann besteht aus Zimmertnalern, Anstreichern und Lackirern aus Bukarest. Schon seit vielen Monaten sind sie ohne jede Arbeit. Es war ihnen wie den anderen Juden nicht möglich, eine Unterstützung oder gar die Aufnahme zu den Nothstands-Arbeiten von der Regierung zu erlangen. Wohl hat die Regierung öffentliche Arbeiten ausgeschrieben. In dem Erlasse ist nicht einmal gesagt, dass Juden hiervon ausgeschlossen wären. Aber man hat nach dem berühmten Muster der Umgehung des Berliner Congresses auch hier einen vortrefflichen Ausweg gefunden. Vor den Amtsgebäuden, in denen die Arbeit ausgetheilt wird, stehen nämlich „Volkswachen", mit Knütteln bewaffnet. Wehe dem Juden, der sich dem Amte nähert, um Arbeit zu suchen. Er wird unbarmherzig fortgeprügelt. Die rumänischen Beamten sehen diesen Scenen aus den Fenstern schmunzelnd zu. Aber die öffentlichen Arbeiten sind für alle Nothleidenden. Es ist schwer zu erzählen, was man von den Auswanderern hört. Und sie sagen das nicht in breitspuriger Weise. Sie sagen nur Schlagwortes Man hat ihnen die Schulen gesperrt, die Aemter verschlossen, dann wurden sie aus den kleinsten Stellen, die sie be^ sassen, verjagt, die Geschäfte wurden geplündert, dann wurde ihrem Leben nachgestellt, wenn sie sich wehrten; wurden sie eingesperrt, nun macht man ihrer Auss Wanderung die grössten Schwierigkeiten und so fort. Wie gross muss diese Summe von Leiden sein* wenn sie nun alles im Stiche lassen. Alles, denn es ist nicht möglich, dass sie ihren geringen Besitz zu Geld machen. Es kauft niemand etwas von ihnen; Es ist ein grosses Anbot, aber kein Käufer. Und so ziehen sie