Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Article
- Die Juden von Stanislau
- Date
- 1900-06-22
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315877-3370298--20329-3370431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite £ ,Die & Welt" Nr. 25 Da sie ihre Abstammung nicht verleugnen können, so lösen sie jede Zusammengehörigkeit mit ihrem Volke, auf das sie mit "namenloser Verachtung herabsehauen. Sie beschimpfen und verächten ihre armen Volksgenossen ärger als die Antisemiten. Wenn man ihnen von jenen Unglückseligen spricht, die wir aus dem Elend des Ghettos befreien möchten, dann stören sie unser Gefühl des Mitleids durch ein schlau-vertrauliches : „Kennen Sie denn diese Leute!" Mit diesem einem Satze scheuchen sie alles von sich, was wir ihnen etwa an Zusammengehörigkeit, ja an Mitleid zumuthen möchten. Losgelöst von jeder ethischen Gemeinschaft, Scläven ihrer Eigensucht, verpesten sie das wirtschaftliche Leben und schaffen den Antisemiten immer neue Waffen, die auf das Haupt des armen Juden niedersausen, den sie so sehr verachten. Von solchen Herrschaften kann man schon erwarten, dass sie die elementarsten Grundsätze der Bruderliebe, der Menschenpflicht ausseracht lassen. Wer aber möchte es auf sich nehmen, die Herren Repräsentationsjuden in Stanislau jenen Unglückseligen zuzuzählen? Können sie nicht bloss in feiger Furcht geirrt haben, ist es nicht möglich, Jass sie missleitet waren? Bevor man solch schwere Anklagen erhebt, ehe man daran geht, Männer, die — sie mögen wollen oder nicht — zu uns gehören, die unseres Stammes sind, der allgemeinen und dauernden Missachtung zu überliefern, muss man nicht alle Umstände sorgfältig prüfen, das Für und Wider gegeneinander halten und bei einigem Gerechtigkeitsgefühl alle mildernden Momente hervorsuchen, die den Beschuldigten entlasten könnten? Betrachten wir noch einmal das Delict. Die Stanislauer Juden haben bei den Behörden angesucht, man möge den rumänischen Flüchtlingen den Zutritt zur Stadt verweigern. Das ist wahr. Diesem Ersuchen kam die Behörde in bereitwilligster Weise nach. Auch das ist eine Thatsache. Was kann aber die Staatsbehörde veranlasst haben, einem solchen Verlangen nachzukommen? Welchen Grund hatte diese Massregel V Indem wir so, streng unparteiisch, nach den letzten Beweggründen einer unverständlichen Massregel forschen, finden wir zu unserer grössten GenugLhuung auch zugleich die Entschuldigung. Rücksichten auf die öffentliche Gesundheit leiteten die Juden von Stanislau und ihre Behörde, denn die Juden aus Rumänien führen gefährliche K r a n k h e i t s k e i m e mit sich, so hiess es in Stanislau. Und diese Behauptung ist tief begründet. Wir rufen es in alle Welt hinaus. Die Flüchtlinge aus Rumänien führen eine schwere Krankheit mit sich. Diese Krankheit kann unter gewissen Umständen sehr gefährlich werden. Es ist nachgewiesen worden und gilt heute als feststehend, dass sie zahllose Existenzen zerstört hat, dass die mit diesem Leiden Behafteten vielfach in ihrer Entwicklung gestört werden: geistig gelähmt und körperlich verkrüppelt. Die Kinder der Verseuchten haben oft greisenhafte Gesichter, die Frauen altern bald, die Männer gehen mit gebeugtem Rücken. In früheren Jahren sind dieser Pest sogar zahllose Menschenleben zum Opfer gefallen. Wer will nun die Juden von Stanislau schmälen? Mögen andere Gemeinden die Aermsten der Armen gastlich empfangen und freundlich bewirten : sie halten sich die Verseuchten vom Leihe. Denn ihre Krankheit ist ebenso contagiös, als sie gefährlich ist: sie ist im höchsten Grade leicht übertragbar und erblich. Ja es genügt, im Verdachte dieses Leidens zu stehen, um von der gesunden Mehrheit gemieden zu werden. Es ist eine gefährliche Plage, vielleicht die älteste der Welt. Die Aegypter bekämpften sie drastisch, sie Hessen die Knaben der Unglückseligen ins Wasser werfen, während die Eltern in harter Sclavenarbeit gehalten wurden. Syrer, Perser, Griechen und Römer giengen ihr mit dem scharfen Stahl zuleibe. Im Mittelalter verjagte man die von dieser Plage befallenen aus vielen Städten und Ländern, trieb sie auf öffentliche Plätze und verbrannte sie dann, die Ueberlebenden sperrte man wie die Aussätzigen in besondere Stadttheilo. Weder das Feuer noch die Schärfe des Schwertes vermochten diese Krankheit zu unterdrücken, selbst die in neuester Zeit beliebten Hungercuren führen zu keinem greifbaren Resultate. Manche versuchten es mit einem Wasser von geheimnisvoller Kraft. Einige Tropfen sollten genügen, das alte Leid zu bannen. Es war zumeist eine kurze Täuschung. Wenn eine Generation geheilt blieb, schlug die Krankheit bei der anderen durch. Weder Feuer, noch die Schärfe des Stahles, noch das Wasssr wollen helfen . . . Es ist ein uraltes, sich stets erneuerndes, erschütterndes Leid, das vom Anbeginn der Menschheitsgeschichte durch die Welt zieht, unaufhaltsam, unausrottbar. Diese Krankheit, sie zerstörte das Heim unserer Brüder in Rumänien, sie raubte ihnen die Nahrung, sie trieb sie in die Ferne. Das ist eine feststehende Thatsache, ein wissenschaftliches Axiom. Heil sei den Herren von Stanislau, den grossenHeilkünstlern, den rühmenswerten Diagnostikern. Sie haben das Rechte herausgefunden und sich beizeiten salviert. Heraus Ihr Gendarmen, lasset die Waffen klirren, Cammandos ertönen. Die ©ampfpfeife schrillt zur Warnung von Stadt zu Stadt. Achtung auf den Zug! Er führt chronisch Behaftete mit sich, ansteckende Kranke, sie leiden am — Judenthum. Weiter, immer weiter, brotlos, ruhelos, heimatlos —! Auf Allerhöchsten Befehl. Von Dr. A- Friedemann. Wie ein Aufathmen geht es durch die deutschen Gaue. Die lang gewordenen Gesichter unserer Assimilationshelden nehmen wieder das gewohnte ovale Format an, und wie in Könitz sich die Assessoren statt in den landläufigen Begrüssungsformeln mit verständnisvollem „Hepp, Hepp" hegrüssen, so tönt es von den Läppen der Beruhigten : „Siehst Du wohl, es ist gar keine Gefahr." Jawohl, in Könitz herrscht Ruhe. Der Bürgermeister hat es durch öffentlichen Anschlag kundgegehen. dass ein ganzes Bataillon vorläufig in dem Städtchen und auf Kosten desselben bleiben werde, „auf Allerhöchsten Befehl'1. Wir wissen in Deutschland, was das heissen will. Es bedeutet, dass bei dem geringsten Anlasse ein paar Dutzend Leichen die Strassen bedecken werden, und dass auf irgendwelche Nachsicht nicht mehr zu rechnen ist. Der Kaiser hat die Bürgschaft für die Aufrechterhaltung der Ordnung seihst übernommen — und dann ist Vorsicht am Platze. Wie schnell hs\t das die edle „Stautsbürgerzeitung" begriffen! Sie, die gewissenloseste Ruferin im Streite, bläst sofort zum Rückzüge und bedauert die Erregung der Bevölkerung. Auch die übrigen Helden der Strasse sind plötzlich ehrsam und friedfertig geworden, und Könitz ist wieder das alte, langweilige Städtchen von ehedem. Aber welch lr«-ur iger Triumph liegt im Rühmen dieser Energie!