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Die Welt · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · p. 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Article
Die Juden von Stanislau
Date
1900-06-22
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9, Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der InseratentheU wird Dienstag abends geschlossen. Enzeine Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland _ _ ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten _ ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct Nr. 25. Wien, 22. Juni 1900. 4. Jahrgang Nachdem Ende des Monats viele Abonnements ablaufen, wir um rechtzeitige Erneuerung gebeten. Geldsendungen aus Russland erfolgen am besten in recommandierten Briefen. Papiergeld aller Staaten wird in Zahlung angenommen, anstatt kleiner Münzen wollen Briefmarken beigeschlossen werden. Die Juden von Stanislau. Y.— Eine seltsame Kunde flatterte etwa vor einer Woche durch die Blätter der jüdischen Publicistik. Die Juden von Stanislau haben rumänische Juden, Brüder, die dem Hunger und anderem schweren Leid zu entfliehen suchten, verhindert, an ihrer Schwelle zu rasten. Ohne alle Umschweife erzählt: Juden, die ein Heim besitzen, trieben heimatlose, brotlose, an Leib und Seele müdgehetzte, Menschen, die bei ihnen einige Stunden der Ruhe für den müden Körper, Erholung für das gebeugte Gemüth suchten — erbarmungslos aus ihrer Stadt. Nochmals sei es gesagt: Die Juden von Stanislau haben die Behörden veranlasst, mit Hilfe von Gewehrkolben und Bajonnetten die rumänischen Flüchtlinge aus ihrer Stadt zu drängen. Da es Menschen gibt, die an jedem Unglücklichen, der vergewaltigt wurde, ein Verschulden suchen, so bemerken wir gleich, dass die rumänischen Juden sich keinerlei Vergehen in Stanislau zuschulden kommen Hessen. Sie hatten keine Gelegenheit dazu: die Gendarmen hinderten sie, auszusteigen. Man stelle sich vor: Es sind arme, abgehetzte Menschen, die seit Monaten keinen Erwerb finden, die ihre Heimat verlassen, den Ort ihrer Geburt, die Gräber ihrer Dahingeschiedenen, die ihre letzte Habe verschleudern, um sich einen Platz in dem rollenden Holzhause zu, erkaufen, das sie fortbringen soll aus dem Lande ihrer Leiden. Sie sitzen zusammengepfercht zwischen ihren Bündeln, die noch einen kleinen Rest von Bettzeug oder Kleidern enthalten. Die Luft im Waggon wird dumpf und stickig; man drängt sich zum Fenster, um die Brust mit etwas Sauerstoff zu füllen. Der Kohlenstaub dringt in Hals und Lunge, die helle Glut der Sommersonne brennt hernieder, das trocknet die Säfte und reizt den Gaumen zu quälendem Durst. Besonders die Kinder leiden und sie geben ihren Qualen hörbaren Ausdruck. Immer wieder ein anderer sucht am offenen Fenster ein flüchtiges Labsal. Manche blicken auch trotz stäubender Kohle gierigen Auges nach vorwärts. Dort oben muss die Stadt sich zeigen, wo die erste Rast gehalten wird, wo gastfreundliche Brüder harren. Die Fahrt will kein Ende nehmen, die Waggons klappern und rollen, die Kinder jammern, die Frauen seufzen, die Männer sind ermattet Endlich ist die Stadt zu sehen, die Männer erheben sich, die Frauen greifen nach den Kindern, alle Müdigkeit ist gewichen, sogar die Waggons beruhigen sich, sie bewegen sich langsam und sanft rollend gegen das langersehnte Stanislau. Und während sie erleichtert nach ihren Bündeln greifen, um aus der Stickluft ins Freie zu gelangen, hören sie herrische Commandorufe, Waffenklirren, sie dürfen die engen Holzwände nicht verlassen-- Die Locomotive pfeift, das Signal ertönt, der Wagen bewegt sich mit einem scharfen Ruck, die Männer fallen mit ihren Bündeln auf die Sitze, die Frauen wanken, die Kinder jammern, und es geht erbarmungslos weiter hinaus, in die dunkle, mitleidslose Fremde — brotlos, ruhelos, heimatlos. Die nachschauenden Juden von Stanislau aber gehen zufrieden heim und legen sich beruhigt zu Bette. Nicht alle. Das Volk, was man so das Volk nennt, war zum Bahnhofe gekommen, um die fliehenden Brüder zu unterstützen, zu erquicken. Die Vertreter des Volkes aber, die repräsentativen Juden, jene, die in Gemeinde und Amt das Judenthum vertreten, sie haben die k. k. Behörde zu ihren Verfügungen veranlasst, sie haben die müden hungernden Stammesgenossen aus Stanislau verjagen lassen. Es klingt unwahrscheinlich, fast unglaublich. Eine solche Nichtsnutzigkeit will man selbst dann nicht glauben, wenn man die reichen galizischen Juden, diese Polen mosaischer Confession näher kennt: Die Frauen behängen sich mit glitzerndem Schmuck und prahlen mit erborgten Floskeln aus fremden Sprachen, die sie nicht verstehen, ihr ganzes Leben zerflattert in Modesorgen und in raffinierten Aeusserlichkeiten, die ihre Herkunft verschleiern sollen. In den Männern sind alle Instincte des Eigennutzes lebendig.

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